Razorpay oder Chargebee

Indiens Einhörner sind Gewinner der Krise

Von Christoph Hein, Singapur
11.06.2021
, 10:00
Von der westlichen Öffentlichkeit kaum beachtet wachsen in der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens erfolgreiche Start-ups heran. Die Zahl der mit einer Milliarde Dollar bewerteten Unternehmen steigt stetig. Staatsfonds aus aller Welt erkennen das nun.

Indien wird weiter von der Corona-Pandemie geplagt, auch wenn die Zahlen inzwischen niedriger ausfallen. Mittelfristig aber führt nicht zuletzt das Chaos im Land zur Gründung technikbasierter Unternehmen, wie etwa den rasch wachsenden Liefer- oder Bezahldiensten. Längst haben das Großinvestoren wie Singapurs Staatsfonds GIC erkannt – und wetten mit Milliarden auf ein neues Indien, in dem Verbraucher ihre Wünsche digital befriedigen.

Gerade steht die Handelsplattform Flipkart im Scheinwerferlicht. Das Tochterunternehmen des amerikanischen Walmart-Konzerns ist das vielleicht aussichtsreichste Einhorn Indiens. „Einhörner“ sind Gründungen, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden. Die Entwicklung des 2007 von zwei früheren Ingenieuren von Amazon aufgebauten Unternehmens gibt den Kurs vor: Denn Dauerinvestor Softbank, Staatsfonds wie GIC oder die Abu Dhabi Investment Authority sowie Großanleger stehen Schlange, um die auf mindestens drei Milliarden Dollar geschätzte nächste Finanzierungsrunde der amerikanischen Inder zu bedienen. Die Geldgeber schätzen, Flipkart werde einen Börsenwert von rund 40 Milliarden Dollar erzielen, wenn die Firma wohl im nächsten Jahr auf das Parkett geführt wird. Corona hat auch in Indien den digitalen Bestelldiensten Flügel verliehen. Erst 2018 hatte die japanische Softbank ihren Anteil an Flipkart an die Amerikaner weitergereicht und in Jahresfrist einen Gewinn von rund 1,5 Milliarden Dollar verbuchen dürfen.

124 Milliarden Dollar Differenz

Von der westlichen Öffentlichkeit nur wenig beachtet, wachsen in der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens Neugründungen heran, die es auf Dauer mit ihren schon jetzt weltbekannten chinesischen Konkurrenten werden aufnehmen können. Noch liegen die Inder weit hinter Chinas 138 Neugründungen im Milliarden-Dollar-Wert zurück. Dasselbe gilt für die Größe der einzelnen Unternehmen: Tiktok-Betreiber Bytedance wird mit 140 Milliarden Dollar bewertet, Indiens größtes Einhorn One97 Communications, dem der Bezahldienst Paytm gehört, kommt auf nur 16 Milliarden Dollar.

Im vergangenen Jahr haben 15 indische Firmen erstmals Kapital in Höhe von mindestens einer Milliarde Dollar aufgenommen. Zehn von ihnen wuchsen 2021 zu Einhörnern heran. Gelingt dem Essens-Lieferanten Zomato der erfolgreiche Börsengang noch in diesem Jahr – und niemand zweifelt daran –, würde das den Weg für andere öffnen. Zomato will mindestens 1,1 Milliarden Dollar an der Börse in Bombay (Mumbai) erzielen.

Profit in der Pandemie

Gemeinhin wurde das Internet in Indien nur mit den Datendienstleistern in der Software-Metropole Bangalore verbunden. Aber nun haben knapp 1,4 Milliarden Menschen, eine weiter notleidende Infrastruktur und der Lockdown unter Corona dem Digitalgeschäft Schub verliehen. „Viele traditionelle Einzelhändler versuchen ihre Waren jetzt online loszuschlagen“, sagt Harshil Mathur, Mitgründer des Fintech-Start-ups Razorpay. „Immer mehr Menschen verkaufen auch schlicht über Internetdienste wie WhatsApp, Facebook und Instagram.“ Sein eigener Dienst ist das beste Beispiel: Innerhalb eines Jahres steigerte der Bezahldienst sein abgewickeltes Volumen von zwölf auf fast 40 Milliarden Dollar jährlich. Die Bewertung von Razorpay durch Investoren stieg damit in nur sechs Monaten von einer auf drei Milliarden Dollar. GIC und Sequoia Capital sind mit an Bord. In den Fußstapfen der Marktführer arbeiten sich noch fast unbekannte Einhörner voran wie Chargebee, das Firmensoftware herstellt, Meesho, ein Marktplatz für individuelle Verkäufer, und Cred, das Kreditkartenbesitzer, die rechtzeitig zahlen, belohnt.

Dabei ist in Indien Besonderes gefragt: So sorgt der Staat mit seinen Lizenzvergaben dafür, dass ausgewählte ausländisch geprägte Firmen wie Walmarts Flipkart oder Amazon sich gegen Neugründungen der Giganten im eigenen Markt behaupten müssen. Dabei zählen nicht nur Investitionsgelder, ein langer Atem und schnelle Lieferketten, sondern auch die Verständigung: Flipkart etwa bietet seinen Bestellservice schon in elf Landessprachen an.

Quelle: F.A.Z.
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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