Steigende Preise

In manchen Eurostaaten erreicht die Inflation fast 10 Prozent

Von Christian Siedenbiedel
03.12.2021
, 18:33
Inflation
In manchen Ländern der Währungsunion steigen die Preise noch deutlich stärker als in Deutschland. Was sind die Treiber? Kann man daraus etwas für die Inflationsentwicklung hierzulande lernen?
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In Deutschland hat zuletzt eine Inflationsrate von mehr als 5 Prozent im November für Aufregung gesorgt. Dabei gibt es mittlerweile Eurostaaten, in denen die Preise noch ganz anders steigen. Länder wohlgemerkt, die unter die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) fallen, also keine exotischen Überseestaaten mit zerrütteten Währungen. Schon wird spekuliert, wer als Erstes eine zweistellige Inflationsrate aufweist.

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Es geht ums Baltikum: In Lettland lag die Inflationsrate im November bei 7,4 Prozent, in Estland bei 8,4 Prozent, und in Litauen betrug sie 9,3 Prozent.

Woran liegt das? Warum sind unter ein und derselben Geldpolitik die Inflations­raten so unterschiedlich? Und: Kann man aus dieser Entwicklung etwas für die künftige Inflation auch hierzulande lernen?

Konkret klagen die Menschen in Litauen ähnlich wie hier, dass Benzin so teuer geworden sei, auch Heizöl und Gas. Aber auch der Preis für Milch im Supermarkt habe um mehr als 30 Prozent zulegt, berichtet Petras Cepkauskas von der litauischen Preisvergleichsplattform Pricer. Praktisch alle Lebensmittelpreise seien gestiegen. Die Löhne legten zwar auch zu, aber weniger als die Preise.

Ökonom: Unterschiede könnten „Sprengstoff“ sein

In den großen Unterschieden der Inflationsraten im Euroraum könnte noch „Sprengstoff“ liegen, glaubt Jan Körnert, Wirtschaftsprofessor in Greifswald, der sich speziell mit den baltischen Ländern beschäftigt hat. Am 16. Dezember will die EZB sich damit befassen, wie die Geldpolitik auf die Inflation reagieren soll. Die Notenbankchefs der baltischen Länder drängen im EZB-Rat bislang allerdings noch nicht besonders stark darauf, dass die Notenbank die Geldpolitik straffen soll. „Die Balten haben sich bisher relativ ruhig verhalten“, sagt Michael Schubert, EZB-Fachmann der Commerzbank.

Dazu sagte Gediminas Šimkus, der Notenbankchef von Litauen, auf Anfrage: „Als kleine und sehr offene Volkswirtschaft haben wir den größten Teil des derzeitigen Inflationsanstiegs importiert.“ Er sei auf einen „sprunghaften Anstieg der Energiekosten und einen erheblichen Preisdruck infolge globaler Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage auf anderen Märkten“ zurückzuführen. Ähnlich äußerte sich der estnische Notenbank-Chef Madis Müller: Es gehe vor allem um vorübergehende Effekte, aber man müsse vorsichtig bleiben. Mārtiņš Kazāks, der Notenbankchef von Lettland, führte aus, die EZB müsse schließlich Geldpolitik für den gesamten Euroraum machen, nicht für einzelne Staaten. Er sei aber überzeugt: Die Notenbank werde „alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um das geldpolitische Ziel einer Inflationsrate von mittelfristig 2 Prozent zu erreichen“.

Schicksalsergebenheit oder einfach schon eine Gewöhnung an die höhere Inflation? Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel hat sich mit den Ursachen beschäftigt, warum die Inflationsraten in den baltischen Ländern noch deutlich höher sind als hierzulande, und kommt auf zwei Gruppen von Faktoren.

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Einerseits sei die Ausgangslage eine andere, sagt IfW-Fachmann Klaus-Jürgen Gern. Es sei typisch für Länder, die stark wachsen und noch ein niedrigeres Pro-Kopf-Einkommen haben, dass die Inflationsraten höher ausfielen. In den baltischen Staaten seien die Wachstumsraten höher als hierzulande, gleichzeitig sei die Arbeitslosigkeit niedrig. Auch die Löhne und die Lohnstückkosten stiegen schneller als in Deutschland. Deshalb hätten die Länder schon vor der Krise höhere Inflationsraten gehabt. Raten zwischen 3 und 5 Prozent seien dort ganz normal.

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Benzinpreise reagieren stärker, Gaspreise schneller

Andererseits reagierten die Preise in den baltischen Ländern auch stärker und schneller auf den Anstieg der Rohstoffpreise an den Weltmärkten. So habe der Anstieg der Energiepreise in den baltischen Ländern zuletzt 25 bis 30 Prozent betragen, verglichen mit etwa 18 Prozent in Deutschland. Dahinter steckt unter anderem: In Deutschland machen Steuern und Abgaben am Benzinpreis einen stärkeren Anteil aus. Deshalb sei Benzin in den baltischen Ländern an der Zapfsäule etwa 10 Prozent billiger als bei uns, reagiere aber mit einem prozentual stärkeren Anstieg auf jede Verteuerung von Rohöl. Das mache sich im Moment angesichts des Ölpreisanstiegs seit vorigem Jahr stark bemerkbar.

Beim Preis für Erdgas hingegen reagierten die Preise für Verbraucher in den baltischen Ländern schlicht schneller auf den Weltmarktpreis als hierzulande – in Deutschland wird die Preisanpassung durch lange Vertragslaufzeiten zum Teil verzögert.

Auf diesem Feld könnten auf die deutschen Verbraucher also noch Preiserhöhungen zukommen, die die baltischen Staaten schon hinter sich haben. Dieser Effekt werde noch dadurch verstärkt, dass die Ausgaben für Energie und Nahrungsmittel in den Budgets der Menschen auf dem Baltikum einen stärkeren Anteil ausmachen als hierzulande – und deshalb auch mit einem höheren Gewicht in den Warenkorb für die Inflationsrate einfließen, hebt der lettische Bankökonom Mārtiņš Āboliņš hervor. Insgesamt sei auf dem Baltikum natürlich genauso wie hier die Frage, ob der Inflationsanstieg nur „transitorisch“ sei, also vorübergehend, wie die EZB annimmt, oder doch von längerer Dauer, sagt Gern.

Was sagt die EZB dazu?

Auch die EZB hat die Auffälligkeiten registriert. Bei den Ländern mit zuletzt höherer Inflation wie den baltischen Staaten handele es sich im Allgemeinen um „kleinere Volkswirtschaften, die empfindlicher auf globale Energiepreisschocks reagieren, was zu einem stärkeren Anstieg der inländischen Energiepreise führt“, meint die Notenbank.

Darüber hinaus seien diese Volkswirtschaften in einigen Fällen in der raschen Erholungsphase der Wirtschaft nach dem Pandemieschock in diesem Jahr weiter fortgeschritten und verzeichneten deshalb ein stärkeres Wirtschaftswachstum und höhere Lohnsteigerungen, was sich auch auf die allgemeine Verbraucherpreisinflation ausgewirkt haben könnte: „In jedem Fall wird erwartet, dass diese Volkswirtschaften, wie auch der Euroraum, im Laufe des Jahres 2022 eine merkliche Abschwächung der Inflation verzeichnen werden.“

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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