Höchster Stand seit 29 Jahren

Inflation in Deutschland steigt im November auf 5,2 Prozent

Von Christian Siedenbiedel
29.11.2021
, 14:05
Inflation
Nicht nur die Energiepreise legen kräftig zu. Vieles wird vor den Weihnachtseinkäufen teurer. Nach europäischer Rechenweise erreicht die Rate sogar 6 Prozent. Die EZB meint, damit sei jetzt aber auch wirklich der Höchststand in der aktuellen Inflationswelle erreicht.
ANZEIGE

Die Preise in Deutschland steigen immer weiter. Wie das Statistische Bundesamt am Montag nach einer ersten Schätzung mitteilte, lag die Inflationsrate im November bei 5,2 Prozent. Das war die höchste Teuerung seit 29 Jahren. Im Oktober hatte die Rate noch bei 4,5 Prozent gelegen. Nach der europäischen Rechenweise des Harmonisierten Verbraucherpreis-Index lag die Rate sogar bei 6 Prozent.

Verbraucher spüren den Preisanstieg im Supermarkt, an der Tankstelle und selbst morgens beim Bäcker. Noch stärker aber sind die Preise für viele Rohstoffe und Vorprodukte gestiegen.

Die Preise sind auf breiter Front deutlich höher als vor einem Jahr, auch wenn vor allem die Energie die Teuerung treibt. Detailliertere Zahlen dazu veröffentlichten die Statistischen Landesämter. So stiegen in Rheinland-Pfalz die Preise für Mineralölprodukte wie Heizöl und Benzin um 51,9 Prozent. Nahrungsmittel verteuerten sich um 4,2 Prozent. Besonders kräftig fielen die Preissteigerungen auch bei Speisefetten und Speiseölen mit plus 11,2 Prozent aus. Margarine und Butter kosteten 14,1 beziehungsweise 11,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Obst verbilligte sich dagegen um 1,1 Prozent.

Unter den Ländern der Eurozone befindet sich Deutschland mit dieser Inflation im oberen Mittelfeld. Im Oktober betrug die Inflationsrate beispielsweise in Litauen schon 8,2 Prozent. In Spanien stieg die Inflationsrate im November auf 5,6 Prozent, den höchsten Wert gleichfalls seit fast 30 Jahren. Die November-Inflationsrate für die Eurozone insgesamt wird am Dienstag veröffentlicht; sie dürfte etwas niedriger ausfallen als die in Deutschland.

ANZEIGE

Die EZB-Spitze versucht zu beruhigen

Die Europäische Zentralbank, die am 16. Dezember über ihre weitere Geldpolitik entscheiden will, war bemüht, die Menschen angesichts der hohen Teuerung etwas zu beruhigen. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel sagte im ZDF-Morgenmagazin: „Wir gehen davon aus, dass im November der Höhepunkt der Inflationsentwicklung erreicht ist und dass die Inflation im kommenden Jahr wieder allmählich zurückgehen wird.“ Zugleich hob Schnabel hervor, dass sie „sehr gut verstehen“ könne, dass viele Menschen sich derzeit wegen der Inflation Sorgen machten. „Wir merken ja alle, dass vieles um uns herum teurer wird, beim Bäcker oder bei den Heizkosten.“

ANZEIGE

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ebenfalls bekräftigt, die Notenbank halte den aktuellen Anstieg der Inflationsraten nur für vorübergehend. „Wir erwarten, dass dieser Anstieg der Inflation nicht von Dauer ist“, sagte Lagarde. „Im nächsten Jahr wird sich das beruhigen.“

Lagarde nennt drei Gründe, warum sie meint, dass die Inflationsraten im nächsten Jahr wieder niedriger ausfallen dürften. „Das eine sind statistische Basiseffekte, die mit der Pandemie zusammenhängen“, sagte Lagarde: „Wie die Absenkung und Anhebung der Mehrwertsteuer in Deutschland im vorigen Jahr, die den Anstieg vieler Preise derzeit im Vorjahresvergleich besonders hoch ausfallen lässt.“ Ähnliche vorübergehende Pandemie-Effekte gebe es beispielsweise bei Pauschalreisen. Diese Faktoren dürften im nächsten Jahr automatisch verschwinden, weil sie aus dem Zwölfmonatsvergleich herausfielen. Ein weiterer Treiber seien derzeit die Lieferengpässe, sagte Lagarde: Die nach dem Ende des ersten Lockdowns erhöhte Nachfrage treffe auf ein immer noch eingeschränktes Angebot. „Diese Engpässe beispielsweise bei Computerchips, Containern und Lastwagenkapazitäten halten offenbar länger an, als wir zunächst gedacht hatten“, sagte Lagarde. Aber auch da werde sich die Lage im nächsten Jahr langsam bessern. Das Dritte seien die Energiepreise: „Da rechnen wir damit, dass sich die Entwicklung im nächsten Jahr zumindest stabilisiert.“

ANZEIGE

Beim Ölpreis hatte es in der vergangenen Woche eine bemerkenswerte Veränderung. Am Freitag war der Preis für Rohöl wegen der neuen Corona-Sorgen deutlich gefallen, um zeitweise 11 Prozent. Mit ihm hatten auch die Preise für Benzin und Diesel an der Tankstelle, die zuletzt immer weiter gestiegen waren, zumindest mal etwas nachgegeben. Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, meinte, der Ölpreisverfall komme zwar zu spät, um die November-Inflationsrate noch groß zu bewegen. Aber für die Dezember-Rate könnte er Auswirkungen haben. Womöglich habe man tatsächlich, wie die EZB annimmt, im November vorerst den Höchststand dieser Inflationswelle erreicht.

Löhne steigen nicht besonders stark

Wie es mit der Inflation mittelfristig weitergeht, ist allerdings sehr umstritten. Auf kurze Sicht habe Lagarde gute Argumente für ihre abwartende Haltung, meint der Ökonom Friedrich Heinemann vom Forschungsinstitut ZEW. „Gerade in den letzten Tagen hat die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Pandemie stark zugenommen, mit den Konjunktursorgen und der möglichen deutlichen Ölpreiskorrektur könnte die Inflationsrate zu Jahresanfang 2022 sogar deutlicher fallen als bislang erwartet.“

Lagardes Auffassung über eine auch längerfristig niedrige Inflation teile er dagegen nicht, sie scheine ihm „voreingenommen“, sagte Heinemann. Auch Christian Sewing, der Chef der Deutschen Bank, hatte deutlich gemacht, dass er die Einschätzung der Notenbank vom vorübergehenden Charakter der Inflation nicht teile. Er hatte gesagt: „Ich denke, dass die Geldpolitik hier gegensteuern muss, und das eher früher als später.“

Eine spannende Frage bleibt, ob mit den Preisen jetzt auch die Löhne steigen, oder ob alles teurer wird, aber man nicht mehr verdient. Den aktuellen Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst der Länder jedenfalls werteten Ökonomen nicht als Zeichen, dass eine Lohn-Preis-Spirale entstehe. „Auf den ersten Blick erscheint die nackte Zahl von 2,8 Prozent mehr Lohn nicht dazu angetan, um Sorgen vor einer Lohn-Preis-Spirale zu nähren“, sagte Elmar Völker von der Landesbank Baden-Württemberg. „Die steuerfreie Einmalzahlung von 1300 Euro ist natürlich gerade für Beschäftigte in niedrigen Besoldungsstufen ein Pfund, hier zeigt sich vor allem das Bemühen der Gewerkschaften, ein weiteres Auseinanderklaffen der sozialen Schere zu verhindern. Insgesamt kann ich aber hier noch kein Alarmsignal bezüglich der befürchteten Zweit-Runden-Effekte erkennen, und so kommt es vermutlich auch bei der EZB an.“

Quelle: FAZ.NET
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Tarifportal
Strom-Vergleich: Sparen mit günstigem Strompreis
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Hypothekenrechner
Jetzt Zinsen vergleichen
Sprachkurs
Lernen Sie Englisch
ANZEIGE