F.A.Z. Exklusiv

Commerzbank in den Gläubigerausschuss von Wirecard gewählt

Von Marcus Jung und Hanno Mußler
19.11.2020
, 12:38
Auf der Gläubigerversammlung hat sich das Kreditinstitut gegen andere Bewerber durchgesetzt. Noch ist offen, welche Akzente die Großbank beim Tauziehen um das verbliebene Geld setzen wird. Kommt es zu einem Bündnis der Banken gegen den irischen Finanzinvestor Trinity?

Nach Informationen der F.A.Z. ist die Commerzbank am Mittwoch von der Gläubigerversammlung der insolventen Wirecard AG in den Gläubigerausschuss gewählt worden. Der Entscheidung, sich im Löwenbräukeller in München zur Wahl gegen andere Gläubigervertreter zu stellen, ging vermutlich eine Abwägung voraus: Lohnt es sich, Zeit und Managementkapazitäten zu investieren, um ein Stück Kontrolle und Transparenz über das vermutlich noch mehrere Jahre laufende Insolvenzverfahren zu erhalten? Die Hoffnungen jedenfalls, viel Geld wieder zu sehen, dürften angesichts des schweren Betrugsfalls gering sein.

Im vorläufigen Gläubigerausschuss, dem vier Parteien angehören, war von Bankenseite bisher nur die ING vertreten. Nun rückt die Commerzbank als fünftes Mitglied in den finalen Gläubigerausschuss nach, dem außerdem Trinity Investments, Marvin Kewe von der Rechtsanwaltskanzlei Tilp und Anne Rösener aus Wirecards Belegschaft angehören. Die bisherigen Mitglieder sind seit dem Eröffnungsbeschluss des Amtsgerichts München von Ende August bekannt. Mit der Erhöhung auf dann fünf Mitglieder, die bislang noch nicht vom Insolvenzgericht bestätigt sind, könnte eine Patt-Situation bei Abstimmungen innerhalb des Ausschusses künftig umgangen werden.

Als zentrale Funktion muss der Gläubigerausschuss die Verfahrensbeteiligten überwachen, insbesondere Insolvenzverwalter Michael Jaffé. Zudem können sie den Verwertungsprozess beeinflussen, um damit ihre Forderungen bestmöglich zu befriedigen. Spekulationen, wer als Mitglied im Gläubigerausschuss dort welche Positionen vertreten wird – etwa ob die Commerzbank andere Akzente setzen wird als die ING – halten Finanzkreise jedoch für verfrüht.

Beide Banken sind Hauptgläubiger einer Kreditlinie an Wirecard. Sie könnten eine Gegenposition zu Trinity einnehmen. Der irische Finanzinvestor ist auf den Aufkauf notleidender Kredite spezialisiert. Im Fall von Wirecard hat Trinity Anleihen sowie Forderungen von Banken erworben. Nach dem Insolvenzbericht ist man mit insgesamt 770 Millionen Euro der größte Gläubiger von Wirecard.

Kreditvorsorge über 178 Millionen Euro

Im zweiten Quartal hatte die Commerzbank für einen nicht namentlich benannten Einzelfall 178 Millionen Euro an Kreditrisikovorsorge gebucht. Es gilt als so gut wie sicher, dass es sich bei diesem faulen Kredit um Wirecard handelt. Schließlich gehört die Commerzbank zusammen mit der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und den holländischen Banken ING und ABN Amro zu Wirecards größten Gläubigern.

Insgesamt hatten mehr als ein Dutzend Banken Wirecard, darunter auch die DZ Bank und die Deutsche Bank, eine Kreditlinie von 1,75 Milliarden Euro gewährt, die von dem Zahlungsabwickler zu rund 90 Prozent gezogen worden war. Die vier Hauptgläubiger LBBW, Commerzbank, ABN und ING hatten je 200 Millionen Euro zu der Kreditlinie beigetragen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Marcus Jung
Marcus Jung
Redakteur in der Wirtschaft.
Autorenporträt / Mussler, Hanno
Hanno Mußler
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