Internationaler Finanzmarkt

Die Aktienmärkte schütteln die konjunkturellen Warnsignale ab

Von Folker Dries, Frankfurt
14.11.2004
, 20:55
Auf dem internationalen Parkett scheinen die Aktien nun doch noch die Anlageklasse mit der besten Wertentwicklung 2004 zu werden. Hauptgrund für die jüngste Aktienhausse ist die Entwicklung am Ölmarkt.
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Im Aktienhandel ist die Jahresendrally offenbar schon voll im Gange. Der Deutsche Aktienindex kam am vergangenen Freitag zeitweise bis auf 13 Punkte an sein Jahreshoch heran. In London, Paris und Mailand sind die entsprechenden Aktienindizes auf den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren geklettert.

Aktien scheinen somit auf der Zielgeraden des Jahres doch noch die zu Jahresbeginn von vielen Experten geäußerte Erwartung zu erfüllen, wonach sie auch im Jahr 2004 die Anlageklasse mit der besten Wertentwicklung werden dürften. Der Dax bringt es bisher zwar lediglich auf einen Wertzuwachs von gut 4 Prozent. Die von professionellen Anlegern oft als Referenz gewählten Europa-Indizes von MSCI sind jedoch schon um mehr als 10 Prozent gestiegen.

Erleichterung über deutliche Ölpreiskorrektur

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Die Gründe für die jüngste Aktienhausse sind in erster Linie im Ölmarkt und in der abermaligen Wahl von George Bush zum amerikanischen Präsidenten zu suchen, lautet die gängige Diagnose. Die Erleichterung über die deutliche Ölpreiskorrektur ist groß. Öl der Nordsee-Sorte Brent wurde in London zuletzt nur noch mit 42,31 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) gehandelt. Gegenüber dem am 27. Oktober erreichten Allzeithoch von 51,95 Dollar errechnet sich damit eine Preiskorrektur von fast 19 Prozent. Der Preisverfall ist Folge wieder steigender Lagerbestände in Amerika, doch auch die nach unten korrigierten Wachstumsprognosen für viele Regionen der Weltwirtschaft hinterlassen bereits ihre Spuren.

Große Volkswirtschaften wie Japan, Deutschland und Frankreich sind nach ersten offiziellen Schätzungen im dritten Quartal nur um magere 0,1 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Quartal gewachsen, was in erster Linie einem stark abgeflauten Export zu verdanken ist. Dem steht eine weiterhin solide Expansion in den Vereinigten Staaten und in China gegenüber. Dort hat jeweils auch das vierte Quartal positiv angefangen. Dies mag im Zusammenspiel mit der Ölpreiskorrektur erklären, warum auch die hiesigen Aktienmärkte die negativen Konjunkturmeldungen bisher so leicht weggesteckt haben. Das Wachstum der Weltwirtschaft verlangsamt sich. Von einer Stagnation ist die Welt aber noch weit entfernt, auch wenn die deutsche Perspektive ein anderes Bild vermitteln mag.

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Der transatlantische Gleichklang ist vorüber

Die regionale Differenzierung, die die Aktienmärkte bisher vermissen lassen, liefern die staatlichen Anleihemärkte. Der transatlantische Gleichklang ist vorüber. In Deutschland ist die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen auf 3,77 Prozent gefallen, das niedrigste Niveau seit Juni vergangenen Jahres. Die vergleichbare Rendite amerikanischer Treasuries kletterte dagegen in der vergangenen Woche zeitweise auf 4,27 Prozent. Auch bei zweijährigen Laufzeiten ist der transatlantische Renditeabstand auf fast einen halben Prozentpunkt gestiegen, der größte Spread seit vier Jahren.

Dies unterstreicht die Markterwartung, daß die Europäische Zentralbank (EZB) angesichts der neuerlichen Wachstumsschwäche und der Euro-Stärke vorerst nicht an Zinserhöhungen denken wird, während die amerikanische Fed ihren Kurs maßvoller Zinserhöhungen fortführen dürfte. In der vergangenen Woche schleuste die Fed ihren Leitzins von 1,75 Prozent auf 2 Prozent hoch und damit auf EZB-Niveau. Obwohl damit die relative Attraktivität amerikanischer Zinstitel steigt, steht der Dollar gegenüber fast allen Währungen unter Abwertungsdruck.

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Wenig Interesse an einer Stärkung des Euro

Mit der abermaligen Wahl von George Bush hat sich offenbar die Einschätzung verfestigt, daß die Defizite in Amerikas Haushalt und Leistungsbilanz eher noch weiter steigen werden. Manche Händler sprechen schon von einer regelrechten Flucht aus dem Dollar. Die gegenläufige Entwicklung an den Anleihemärkten Europas und Amerikas scheint dies zu belegen. Der Euro eignet sich auch deshalb als Fluchtwährung, weil die EZB und die nationalen Notenbanken einer Aufwertung wenig entgegenzusetzen haben. Japan hat eine Yen-Aufwertung wiederholt über massive Interventionen zugunsten des Dollar begrenzt, was angesichts der Deflation auch vertretbar war. Europa kann sich solch einen Alleingang nicht erlauben, weil es sonst die Geldmenge unverhältnismäßig aufblähen und einen Inflationsschub auslösen würde.

Eine Intervention zugunsten des Euro dürfte ohnehin nur Erfolg versprechen, wenn sie konzertierter Natur wäre. Doch Amerikaner und auch Japaner haben wenig Interesse an einer Stärkung des Euro. Das wenige, was Washington zur Zeit zur jüngsten Abwertung zu sagen hat, darf als stillschweigende Zustimmung interpretiert werden. Und im Falle Japans wäre es höchst kurios, wenn es die eigene Währung zwecks Euro-Stützung kaufen würde, nachdem es in diesem Jahr schon für astronomische Summen Yen zugunsten des Dollar verkauft hat. Vor diesem Hintergrund wurde es im Devisenhandel mit Verwunderung aufgenommen, daß die EZB ihre einzige Munition, die Verbalintervention, schon zu einem so frühen Zeitpunkt einsetzt. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sprach von einer „unwillkommenen“ und „fast brutalen“ Euro-Aufwertung. Damit, so das einhellige Echo im Handel, wird die EZB den Euro-Zug ohnehin nur verlangsamen, nicht jedoch aufhalten können.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.2004, Nr. 267 / Seite 26
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