Internationaler Finanzmarkt

Märkte erwarten energische Anti-Inflationspolitik

Von Benedikt Fehr
17.10.2005
, 11:49
Wird die europäische Zentralbank die Zinsen schneller anheben?
Nach einer Steigerung der Gesamtinflation erwarten die Finanzmärkte eine Erhöhung der amerikanischen Leitzinsen. Erste Spekulationen lassen auf eine Anhebung des Euro-Leitzinses schon im Dezember hoffen.
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Mit einem Stoßseufzer der Erleichterung haben die Akteure an den Finanzmärkten am Freitag auf die Inflationsdaten aus Amerika reagiert. Wie in der Vergangenheit eingeübt, konzentrierten sie sich auf die Kernrate der Verbraucherpreise. Und weil diese Rate von August auf September mit 0,1 Prozent weniger stark gestiegen ist als erwartet (0,2 Prozent), schalteten die Märkte auf Entspannung um.

Davon profitierten vor allem die Aktienkurse, die Tagesgewinne verzeichneten und damit die Einbuße im Wochenvergleich etwas verringerten. Hingegen bestimmte an den Zinsmärkten bald wieder Skepsis das Geschehen: Nach anfänglichen Gewinnen sackten die Anleihekurse auf mehrwöchige Tiefs ab.

Gesamtinflation führt zu Anhebung des Leitzinses

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Von der amerikanischen Notenbank Fed ist bekannt, daß sie in der Vergangenheit vor allem der Entwicklung der Kerninflation die meiste Beachtung geschenkt hat. Das erklärt, weshalb viele Akteure am Freitag rasch beiseite schoben, daß die Verbraucherpreise insgesamt sogar noch stärker gestiegen sind als befürchtet: Im Jahresvergleich um 4,7 Prozent, statt wie erwartet um 4,3 Prozent.

Einiges spricht dafür, daß dieser Inflationsschub die Geldpolitik der Fed in nächster Zeit bestimmen wird. Denn darin zeigt sich, daß der Niveauverschiebung der Rohölpreise bislang kein kompensierender Preisrückgang an anderer Stelle gegenübersteht. Damit aber ist das Risiko von Zweitrundeneffekten und einer Verfestigung der Inflation auf dem erhöhten Niveau gestiegen. Das um so mehr, als die amerikanische Wirtschaft voll ausgelastet ist. Zudem wird das von der amerikanischen Regierung angekündigte Programm zur Behebung der Wirbelsturmschäden die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zusätzlich anheizen.

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Das bietet den Arbeitnehmern gute Voraussetzungen, höhere Löhne durchzusetzen. Die niedrige Kerninflation wird die Fed-Gouverneure deshalb kaum beruhigen. Vielmehr dürfte die überraschend hohe Gesamtinflation die Währungshüter dazu bewegen, den Leitzins weiter anzuheben - womöglich über das „neutrale“ Niveau von rund 4 Prozent hinaus und womöglich auch in größeren Schritten als bisher.

Erhöhung wird auch im Euro-Raum wahrscheinlicher

Im Euro-Raum wächst die Wirtschaft zwar langsamer als jenseits des Atlantiks. Dennoch hat die deutsche IG Metall unlängst Ansprüche angemeldet, daß die Lohnsteigerungen im kommenden Jahr über der Euro-Gesamtinflationsrate von derzeit 2,5 Prozent liegen müßten. Otmar Issing, der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), befürchtet vor diesem Hintergrund, daß die Phase moderater Lohnerhöhungen zu Ende gehen könnte. Issing und andere Mitglieder des EZB-Rats haben deshalb ihre Entschlossenheit betont, einer Verfestigung der Inflation aufgrund von Zweitrundeneffekten durch Zinserhöhungen entgegenzutreten.

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Die schärferen Töne aus den Zentralbanken haben ihre Wirkung nicht verfehlt. So erwarten zum Beispiel die Volkswirte der Citigroup nun, daß die Fed ihren Leitzins bis Ende Januar um weitere 75 Basispunkte auf 4,50 Prozent anhebt. Ähnlich sehen das inzwischen viele Analysten. Hingegen laufen die Prognosen für den Euro-Raum weit auseinander. Die meisten Prognosen erwarten eine Leitzinsanhebung frühestens im ersten Quartal 2006. Doch veranschlagt Thomas Mayer, der Chefvolkswirt Europa bei der Deutschen Bank in London, die Wahrscheinlichkeit, daß die EZB schon im Dezember zur Tat schreitet, neuerdings auf „etwas höher als 50 Prozent“.

Risikohunger ist abgeflaut

Diese Aussichten haben auch die langfristigen Renditen in Bewegung gebracht. So rentierten zehnjährige amerikanische Staatsanleihen am Freitag zeitweilig mit 4,53 Prozent - ein Sechsmonatshoch. Noch im September hatte diese Rendite bei rund 4 Prozent gelegen. Zehnjährige Bundesanleihen werfen jetzt 3,25 Prozent ab, nach 3,02 Prozent auf dem Tief im September. Ganz allgemein ist der Risikohunger der Investoren abgeflaut. Vor allem die Schwellenländer haben das zu spüren bekommen: Sie verzeichneten Abflüsse von ausländischem Kapital, was sowohl die Aktien- und Anleihekurse als auch die jeweiligen Wechselkurse unter Druck gebracht hat.

Ganz anders deutet Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank, die Lage. Die fehlende Preismacht der Unternehmen sowie die moderaten Lohnsteigerungen sollten die Kerninflation sowohl in Amerika als auch im Euro-Raum niedrig halten, schreibt er. Deshalb dürften sich die Investoren bald von den Inflationsrisiken abwenden und statt dessen die Konjunkturrisiken höher gewichten. Denn immer mehr deute darauf hin, daß sich die Immobilienhausse in Amerika dem Ende zuneige. Damit aber falle eine wichtige bisherige Stütze der Weltwirtschaft weg.

Quelle: F.A.Z., 17.10.2005
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