Interview

"Hedge-Fonds sind kein Teufelszeug"

04.05.2003
, 13:09
Jochen Sauerborn ist in Deutschland der größte unabhängige Vermögensberater für extrem reiche Familien. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schildert er Anlagestrategien für Reiche.
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Jochen Sauerborn ist in Deutschland der größte unabhängige Vermögensberater für extrem reiche Familien. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schildert er Anlagestrategien für Reiche.

Herr Sauerborn, wie verdoppeln Sie 50 Millionen Euro in den nächsten fünf Jahren?

Das ist zur Zeit kaum möglich.

Wieso denn das?

Die Korrekturen waren zu gravierend. Von kurzfristigen Erholungen abgesehen, gibt im Moment keine Anlageform mehr Renditen über zehn Prozent her - egal ob Aktien, Anleihen, Immobilien, Hedge-Fonds oder private Beteiligungen.

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Selbst wenn Ihr Kunde möglichst viel herausholen möchte?

Das ist eine gefährliche Frage. Möglichst viel herausholen - das bedeutet, jeder Gelegenheit nachzujagen, die Aussicht auf Erfolg bietet. Diese Strategie ist zum Scheitern verurteilt.

Wieviel Prozent Rendite stellen Sie in Aussicht?

In den nächsten zwei Jahren etwa fünf bis zehn Prozent im Jahr.

Aber bei den Hoffnungsträgern, den Hedge-Fonds, ist mehr drin?

Nein. Vor ein paar Jahren rechneten wir bei Hedge-Fonds mit 12 bis 14, heute nur mit 6 bis 8 Prozent. Die Baisse wirkt auch hier. Im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen passiert kaum noch etwas. In anderen Bereichen, wie der Arbitrage, haben sich die Möglichkeiten verringert. Zuviel Geld jagt zu wenigen Chancen hinterher.

Ist das auch bei offenen Immobilienfonds so?

Deren enormer Geldzufluß ist aufgrund der schlechten Konjunktur nicht gerechtfertigt. Bei Gewerbeimmobilien kommen die Preise überall herunter. Kein Wunder: Man braucht nicht viel Phantasie, um Entlassungen in Leerstände umzumünzen. Berlin etwa hat enorme Probleme: Dort sind nur noch absolute Toplagen zu vermieten, schlechte dagegen nicht mehr.

Droht hier die nächste Preisspirale nach unten?

Das ist nicht auszuschließen. Der Immobilienzyklus läuft der Konjunktur um zwei Jahre hinterher.

Also lieber zweijährige Anleihen?

Damit sind Sie auf der sicheren Seite, um abzuwarten, was kommt: Inflation oder Deflation.

Preisanstieg oder Preisverfall? Ist die Sicht nun klarer geworden?

Eine Prognose bleibt schwierig. Ich bin entspannter als vor Monaten. Trotz der Erschütterungen wie dem Terroranschlag am 11. September oder dem Irak-Krieg hat sich das Finanzsystem bewährt.

Wo liegen die Restrisiken?

Im amerikanischen Wohnungsmarkt: Wenn dieser einbricht, werden die Amerikaner weniger konsumieren und dem Rest der Welt weniger Waren abkaufen. Außerdem betrachte ich mit Sorge den Markt für Collateralized Debt Obligations (CDOs), also internationale Kreditversicherungen. Hier baut sich eine riesige Gewitterwand auf.

Wie setzen Sie Ihren vorsichtigen Optimismus derzeit um?

Wir stecken 30 bis 40 Prozent eines Portfolios in Aktien. Dabei nutzen wir Discountzertifikate. Damit werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit 20 Prozent einkassieren. Dieses Instrument ist besonders geeignet, wenn die Börsen so stark schwanken. Denn Sie erhalten hohe Abschläge auf die aktuellen Börsenkurse. Das kann man leider nicht zu allen Zeiten machen.

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Würden Sie den Aktienanteil auf 70 Prozent erhöhen?

Nein, das liegt aber auch daran, daß wir traditionell zusätzlich auf Wagniskapital und Unternehmensaufkäufe, also Private Equity, setzen. Dieser Bereich ist längst nicht so volatil wie Aktien, wenngleich er auch verloren hat.

Und Hedge-Fonds?

Ihr Gewicht ist mit fünf bis zehn Prozent leider gering, weil uns gesetzlich die Hände gebunden sind. Ihr Anteil wird aber deutlich steigen. Keine andere Gilde der Vermögensverwalter ist so gut und so gebildet wie Hedge-Fonds-Manager. Dort ist die größte Intelligenz versammelt, und es werden die höchsten Gehälter gezahlt. Schade, daß wir in Deutschland der Zeit hinterher sind.

Was müßte Herr Eichel tun?

Er sollte begreifen, daß Hedge-Fonds kein Teufelszeug sind, sondern ein genauso seriöses Anlage- und Refinanzierungsinstrument wie Aktien, Anleihen oder Immobilien. Das heißt nicht, daß es keine schwarzen Schafe gibt. Deren Zahl ist jedoch nicht größer als anderswo. Der Finanzminister sollte ein Aufbruchsignal geben: Deutschland braucht mehr Ausbildung in moderner Kapitalmarktforschung.

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Sie werben für eine Branche, die als gefährlich und zügellos gilt?

Ihr spezifisches Erfolgsrezept werden Hedge-Fonds nicht offenlegen. Aber reguliert werden sie in gewisser Weise bereits - etwa bei Krediten. Die Banken schränken ihr Kreditgeschäft ein. Doch Hedge-Fonds bekommen im Moment noch am besten Geld. Warum? Weil die Banken genau wissen, wem sie ihr Geld gebe. Das sind sehr kluge Leute, die nach sehr vernünftigen Grundsätzen arbeiten.

Sind Ihre Kunden enttäuscht?

Das mag überraschen: nein. Wir hatten eine schwierige Zeit von 1997 bis 2000, als wir viele Aktien für überbewertet hielten und daher Chancen ausließen. Das hat zu Unverständnis und Enttäuschung geführt. Dies hat sich danach begradigt, weil wir nicht so stark in den Abwärtssog gezogen wurden.

Ade, Neuer Markt, sagten Sie früh. Wo machen Sie heute nicht mit?

Auf dem Tiefpunkt verkaufen. Einige unserer Kunden wollten aussteigen oder nichts mehr tun, als der Dax unter 2500 fiel. Es hat uns viele Gespräche gekostet, sie davon abzuhalten oder zu Zukäufen zu bewegen. Wenn Sie bei einem Dax von 8000 eine Absicherung vorschlugen, wurden Sie beinahe ausgelacht. Denn sämtliche Prognosen sprachen dafür, daß der Markt auf 12000 oder 15000 Punkte gehen würde. Bei 2000 Punkten dagegen reden alle von Sicherungsstrategien und davon, daß der Markt auf 1000 fällt.

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Kann ja sein, wie wir am Neuen Markt gesehen haben.

Ja, aber wenn ein Markt bereits 70 bis 75 Prozent Minus hat, ist die Wahrscheinlichkeit für weitere 70 Prozent gering. Dazu bedarf es gewaltiger Krisen.

Hätten Sie geglaubt, daß die Aktien von Allianz und Münchener Rück sich zehnteln würden?

Nein, das haben wir unterschätzt, zumal wir Liebhaber dieser beiden Aktien sind.

Hoffen Sie auf die große Wende?

Die sieht man ja bereits.

Von einer niedrigen Basis aus.

So etwas kann sehr schnell gehen. Ich erinnere mich noch gut an die siebziger Jahre, als viele Auto- und Chemieunternehmen in die Pleite geredet wurden. Der Erfolg kam damals wie heute so rasch, daß es ein Fehler gewesen wäre, die Reißleine zu ziehen. Dann schafft man den Einstieg nicht mehr.

Was machen Anleger falsch?

Viele beachten Kursbewegungen zu stark. Das Risiko des falschen Einstiegs mißachten sie dagegen oft völlig. Nehmen Sie die Ostimmobilien: Der Einstieg war oft zu hoch, weil die steuerliche Seite zu stark beachtet wurde. Der Ausstieg erfolgte zu Billigpreisen.

Wie entgeht man dem?

Indem man antizyklisch handelt und den gesunden Menschenverstand nicht außer acht läßt. 1997 bis 2000 bestimmte Gier das Handeln, 2002/03 die Angst. Beides sind schlechte Ratgeber. Außerdem: Liquidität ist ganz wichtig.

Aber Geld muß doch arbeiten?

Tatsache ist: Der Wert von Bargeld ist um ein Vielfaches gestiegen, teilweise um das Zwanzig- bis Dreißigfache. Im Jahr 2000 kauften Sie eine Einheit des Dax für 8200 Euro, in diesem Jahr war sie für 2200 Euro zu bekommen. Beim Neuen Markt war es noch drastischer. Simples Kassehalten kann eine strategisch wichtige Entscheidung sein, weil die Kaufkraft der Kasse steigt - und zwar um ein Vielfaches der tatsächlichen Rendite. Bargeld ist das richtige Mittel in Zeiten fallender Preise.

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Ist die Schweiz eine Alternative zu Deutschland?

Nein, das Anlegerleben ist dort nicht einfacher. Sie müssen die gleichen Entscheidungen treffen.

Warum gehen Sie dennoch hin?

Für uns ist die Schweiz ein guter Standort, um unser Geschäft in Europa auszuweiten. Der Binnenmarkt im Finanzbereich kommt, und wir wollen davon profitieren. In der Schweiz gibt es zwar viele Banken. Viele Privatvermögen werden dennoch schlecht betreut. Eine ganzheitliche Vermögensberatung hat in der Schweiz noch einen großen Markt.

Das Gespräch führte Thomas Schmitt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.05.2003, Nr. 18 / Seite 41
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