Borsa Italiana

Italien hat Vorbehalte gegen die Deutsche Börse

Von Tobias Piller
Aktualisiert am 11.09.2020
 - 13:47
Neongrüne Anzeige auf dem Bürogebäude der Deutschen Börse in Eschborn
Politiker und europakritische Börsenaufseher könnten den Bieterwettbewerb um die zum Verkauf stehende Mailänder Börse blockieren. Das wäre eine schlechte Nachricht für internationale Kaufinteressenten – etwa aus Frankfurt.

Mit Spannung werden in der Börsenwelt die Nachrichten über Gebote für die Übernahme der italienischen Börse erwartet. Bisher geht man davon aus, dass die Borsa Italiana vom bisherigen Eigentümer London Stock Exchange verkauft wird. Denn aus der Sicht der London Stock Exchange ist es strategisch wichtiger und gewinnträchtiger, den Anbieter von Finanzinformationen namens Refinitiv zu übernehmen. Dazu wird erwartet, dass die europäischen Wettbewerbsaufseher – im Fall einer erfolgreichen Übernahme – den Verkauf der italienischen Börse oder zumindest den der Handelsplattform für Staatstitel MTS fordern.

Bis zum heutigen Freitag sind die Angebote für die Borsa Italiana fällig. Auch die Deutsche Börse und der Schweizer Börsenkonzern SIX gehören zu den Interessenten. Doch die Chancen für die ausländischen Bieter stehen Finanzkreisen zufolge nicht so gut.

Auch die italienische Staatsbank Cassa Depositi e Prestiti (CDP) offiziell ihren Hut in den Ring geworfen. Das Institut plane eine gemeinsame Offerte mit dem französischen Börsenbetreiber Euronext für Borsa Italiana, erklärte CDP am Freitag.

Gefahr von Interessenkonflikten

Es gibt die Gefahr von Interessenkonflikten, wenn London Stock Exchange sowohl den Handel als auch die Finanzinformationen zu den gleichen Handelsaktivitäten bietet. Eine endgültige Entscheidung über die Auflagen wollen die Wettbewerbsaufseher erst bis 16. Dezember fällen. Dann soll aber alles vorbereitet sein, damit die London Stock Exchange ihre Übernahme und den Verkauf schnell über die Bühne bringen kann.

Vier Optionen für die italienische Börse wurden bisher in Italiens Politik und Medien kolportiert: Erstens eine italienische Lösung, mit Übernahme durch das staatlich kontrollierte Finanzhaus Cassa Depositi e Prestiti, oder eine Partnerschaft mit dem in Paris ansässigen Börsenverbund Euronext. Darüber hinaus heißt es, von der Regierung gebe es „ein Augenzwinkern“ gegenüber der Schweizer Börse Six. Und zur vierten Option zählt das Interesse der Deutschen Börse, wobei gegenüber Frankfurt viel nationalistischer, antideutscher Gegenwind aus Italien droht.

Für die Londoner Börse zählt natürlich bei einem Verkauf vor allem der Erlös, andererseits aber auch die Frage, welcher Verkauf sich schnell und reibungslos abwickeln ließe. Denn die Veräußerung der italienischen Börse an irgendeinen Meistbietenden ließe sich schnell blockieren. Zum einen von der italienischen Regierung, die per Gesetz die Regeln über ihren „Golden Share“, also ein politisches Einspruchsrecht gegenüber allen wichtigen wirtschaftlichen Aktivitäten, gestärkt hat. Zum anderen könnte auch die italienische Börsenaufsicht Consob blockieren. An deren Spitze steht seit einem Jahr der 83 Jahre alte Europa-Skeptiker Paolo Savona, der früher einen Plan für Italiens Ausstieg aus dem Euro entwickelt hatte und sich als Europaminister der letzten Regierung mit Äußerungen gegen Brüssel profilierte. In einem autobiographischen Buch schrieb er, dass die Deutschen mit dem Euro die Vorherrschaft über Europa erreicht hätten, die sie mit dem Nationalsozialismus nicht erringen konnten.

Die Stimmung gegen eine Übernahme durch die Deutsche Börse wird auch gespeist vom Mailänder Finanzblatt „Milano Finanza“, das kürzlich an die Vetomacht der Börsenaufsicht erinnerte, mit einem schrägen Vergleich: Sinngemäß hieß es im Zusammenhang mit angeblichen Übernahmeplänen der Deutschen Börse, die Börsenaufseher hätten schon früher Schlimmes verhindert, so etwa auch in den 1980er Jahren die Expansionsabsichten des zwielichtigen Mafiabankers Michele Sindona.

Zerrbild der Deutschen

Aus Griechenland übernimmt „Milano Finanza“ ein Zerrbild von angeblich kolonialistisch eingestellten Deutschen. Nach der etwas schiefen Darstellung von europakritischen griechischen Medien habe der frühere deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble den Griechenland-Hilfen nur unter der Bedingung zugestimmt, dass die Griechen 14 Regionalflughäfen an den Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport weiterreichten, damit die Deutschen den lukrativen Tourismus in Griechenland finanziell aussaugen könnten. Nicht die Rede ist von Ausschreibung, milliardenteurem Eintrittspreis oder garantierten Investitionen des Frankfurter Flughafens Fraport. Der hat eine umfassende Kommunikation über sein Projekt in Griechenland bisher offenbar als überflüssig erachtet und trägt nun durch diese Unterlassung bei zum Zerrbild über Deutschland und Frankfurt in der Diskussion über die Börse.

Doch der fragwürdige politische Hintergrund ist durchaus erwünscht von jenen, die sich wegen vordergründiger Stimmungsmache dafür aussprechen, Italiens Börse „nach Hause zu holen“, mit einer Übernahme durch das staatlich kontrollierte Finanzhaus Cassa Depositi e Prestiti. Ausgerechnet dort liegt aber schon die Kontrolle über börsennotierte Unternehmen wie den Ölkonzern Eni, Gas- und Stromnetzbetreiber, sowie den Schiffsbauer Fincantieri. Die Kontrolle über die Börse würde daher Interessenkonflikte bergen. Fraglich ist, ob eine politische Kontrolle über die Börse mehr Glaubwürdigkeit brächte, beim Versuch, mehr Unternehmen vom Börsengang und Anleger vom Aktienkauf zu überzeugen. Gerade Mailand hatte vor Jahrzehnten den Ruf einer Zockerbude, an der die Anleger von wichtigen Bankern als „dumme Rinderherde“ betrachtet wurden, denen man alles unterjubeln könne. Nicht von ungefähr zogen viele Unternehmer einen Börsengang in Mailand nicht in Betracht.

Falls sich die patriotisch-italienische Lösung nicht realisieren lässt, hoffen viele Italiener auf eine Partnerschaft mit dem Börsenverbund Euronext in Paris, mit einer herausgehobenen Rolle für Italien und 8 Prozent der Anteile an der Holding für Cassa Depositi e Prestiti. Zuletzt hieß es, auch die Schweizer Börse Six sei attraktiv, denn sie habe Barcelona mit der Prämisse übernommen, keine Synergien zu schaffen, also keine Verbundvorteile zu suchen und damit auch nichts einzusparen.

Von den Vorteilen eines Verbundes mit der Deutschen Börse ist in Italien bislang nicht die Rede. Dafür verweist man in Frankfurt mit Stolz darauf, dass die Deutsche Börse für Zukäufe 4 Milliarden Euro in der Kriegskasse hat. Zudem sei die Borsa Italiana komplementär zur Deutschen Börse, mit umfangreichen Aktivitäten zur Abwicklung des Handels.

Interessant ist offenbar auch das von Borsa Italiana betriebene Netzwerk Elite. Das ist eine Plattform für kleine und mittlere Unternehmen. Ihr gehören 1500 Unternehmen in 45 Ländern mit einem Umsatzvolumen von rund 101 Milliarden Euro an. Viele von ihnen wollen sich über Elite auf ihren Börsengang vorbereiten. Bezweifelt wird allerdings, dass sich diese Unternehmen künftig einer politisch kontrollierten, patriotisch-italienischen Börse anvertrauen würden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Piller, Tobias
Tobias Piller
Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.
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