Übernahmemarkt

Kein Ende des Fusionsrauschs

Von Klaus Max Smolka
28.11.2021
, 11:08
Berthold Fürst
Konzerne spalten sich auf, Private Equity muss Geld unterbringen. 2021 bringt einen Rekord im Übernahmegeschäft. Nächstes Jahr dürfte es ähnlich weitergehen, schätzt die Deutsche Bank.
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Nach einem Rekordjahr 2021 wird sich das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen nach Erwartung der Deutschen Bank im kommenden Jahr auf ähnlichem Niveau fortsetzen. „Ich sehe keinen Grund, warum wir uns 2022 nicht auf dem extrem hohen Niveau des Vorjahres bewegen werden“, sagte Berthold Fürst, Ko-Leiter für das globale Geschäft mit Mergers & Acquisitions (M&A), im Gespräch mit der F.A.Z.

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Das laufende Jahr hat nach den Statistiken von M&A-Datendienstleistern schon jetzt den Gesamtjahresrekord von 2007 gebrochen, was das addierte Volumen aller Transaktionen angeht. Dealogic bezifferte auf Anfrage des F.A.Z.-Archivs das globale Volumen mit Stand Donnerstag auf 5,3 Billionen Dollar und jenes mit deutschen Übernahmezielen auf 150 Milliarden Dollar.

Fürst nannte eine Reihe Faktoren, die die Aktivität noch auf absehbare Zeit befeuern: Aufspaltungstendenzen bei sehr großen Unternehmen; eine Konsolidierung des Markts als Folge der Corona-Pandemie, in der die einen Unternehmen von der Schwäche der anderen profitieren; gesellschaftliches Bewusstsein, wie es sich in Nachhaltigkeitskriterien äußert; der Anlagedruck der Private-Equity-Branche; und branchenspezifisch das Geschehen im IT- und Gesundheitssektor.

Der Rekord von 2007 ist schon gebrochen

Seit Oktober steht fest, dass 2021 nach globalem Volumen das Jahr 2007 übersteigt. Damals erreichten im Verlauf des Monats die M&A-Volumina nach Dealogic-Daten die 4,6 Billionen Dollar jenes Rekordgesamtjahrs. Aktivste Branche war der Technologiesektor. Der Finanznachrichtendienst Bloomberg, der mit einem 2007er Wert von 4,1 Billionen Dollar kalkuliert, sah die Rekordmarke ebenfalls im Oktober übertroffen. Fürst erklärte die hohen Zahlen unter anderem mit einem Nachholeffekt: Transaktionen wurden nach Beginn der Coronakrise im Frühjahr 2020 erst einmal auf Eis und später neu aufgelegt.

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Der seit Jahren bestehende Trend zur Aufspaltung in der Industrie ist in den vergangenen Wochen besonders eindrücklich bestätigt worden. Drei Weltunternehmen gaben innerhalb kurzer Zeit entsprechende Beschlüsse bekannt: Der amerikanische Gesundheitskonzern Johnson & Johnson will sein Geschäft mit Konsumgütern in eine separate börsennotierte Gesellschaft ausgliedern. In Japan, wo bisher die Kultur der Konglomerate Bestand hatte, teilt sich Toshiba auf Druck vor allem ausländischer Aktionäre in drei Unternehmen auf. Die sollten dann schneller und zielgerichteter handeln, begründete der übergangsweise Unternehmenschef Satoshi Tsunakawa das Vorhaben. Ein solch bekanntes Großunternehmen aufzuspalten ist für Japan ein Novum.

Konglomerate spalten sich auf

Dreiteilen will sich auch General Electric (GE) – und das steht symbolisch wie vielleicht kein anderer Fall für den Trend, galt der amerikanische Industriekonzern doch lange als der Mischkonzern schlechthin. Zusammen mit Siemens aus Deutschland und Philips aus den Niederlanden formte GE das Trio der großen westlichen Konglomerate. Siemens hat sich unter seinem früheren Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser nach dessen Bekunden lieber selbst zerlegt, als dass aktivistischen Investoren ihm den Prozess aufdrückten. Philips – ursprünglich bekannt für Haushaltsgeräte, Glühlampen und Unterhaltungselektronik – hat eine Sparte nach der anderen verkauft und beschränkt sich nunmehr weitgehend auf Medizintechnik. GEs Geschäftsfelder Gesundheit, Luftfahrt und Energie sollen künftig als eigenständige Einheiten an der Börse notiert sein.

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Die neuesten Beispiele sind nur besonders auffällige. Der Trend hält seit Jahren an. „Fokussierte, weniger komplexe Einheiten sind leichter zu steuern. Sie werden von Investoren oft auch besser bewertet, da diese für die einzelnen Geschäftsbereiche unterschiedliche Multiplikatoren verwenden“, urteilte Fürst. Corona tue ein Übriges dazu, weil Ressourcen gebraucht würden. „Die Pandemie hat die technologische Transformation in vielen Unternehmen beschleunigt. Da der Umbau oft viel Kapital benötigt, ist die Trennung von Randaktivitäten eine Option.“ Fürst relativierte dabei, dass eine Aufspaltung nicht immer sinnvoll sein müsse. „Sie verursacht hohe Kosten und Unternehmen sind anschließend oft lange vor allem mit sich selbst beschäftigt.“

Manche Investmentbanker fassen das Geschehen als Trend zu „Corporate Clarity“ zusammen. Und bei diesem Streben nach „Klarheit der Unternehmensstruktur“ hilft Private Equity allzu gerne mit. Oftmals übernehmen Beteiligungsgesellschaften die Randaktivitäten, bauen sie gemäß dem gängigen Geschäftsmodell um oder aus (oder beides) und reichen sie nach ein paar Jahren weiter. Rund um den Globus sitzen die Investoren auf einem Billionen-Dollar-Betrag an zugesagten Mitteln, die in Vermögenswerte (Assets) angelegt sein wollen. „Es bleibt eine kapitalreiche Welt, die Assets sucht“, sagte Fürst. Es nehme deutlich erkennbar auch die Bereitschaft zu, für börsennotierte Unternehmen zu bieten, was in Deutschland übernahmerechtlich kompliziert ist. „Es hat lange gedauert, dass sich Private-Equity-Gesellschaften wieder an öffentliche Übernahmen gewagt haben.“, befand Fürst. „Das ist Ausdruck eines Transaktionsdrucks, aber auch des Selbstbewusstseins, sich wieder an komplexe Transaktionsstrukturen zu wagen.“

Private Equity giert nach Deals

Markantes Beispiel in Deutschland war zuletzt der Online-Tierbedarfshändler Zooplus, der in Gesprächen mit mehreren Beteiligungsgesellschaften den Preis hochtrieb. Die Deutsche Bank war als Beraterin beteiligt, mit einem Mandat für die skandinavische EQT, die am Ende mit Hellman & Friedman ein gemeinsames Gebot abgab. Gleichzeitig fällt dieses Jahr auf, aus wie vielen Unternehmen Private Equity ausgestiegen ist. „2021 war ein ex­trem aktives Exit-Jahr. Das hat sicherlich damit zu tun, dass die Bewertungen nach einer Delle zu Beginn der Corona-Krise zurückgekommen sind“, sagte Fürst.

Zwei Branchen werden nach seiner Ansicht weiterhin profitieren. Er verwies zum einen auf den „technologischen Wandel, den Umbau der Wirtschaft durch Digitalisierung, Technologisierung“ – was den Tech-Sektor beflügelt. Zum anderen nannte er die Gesundheitsbranche, gestützt durch das gesellschaftliche Bewusstsein infolge Coronas. „Es gibt einen neuen Fokus auf diesen Sektor, wir nehmen hohe Aktivität wahr.“ Gesellschaftlich bedingt ist auch das am Kapitalmarkt immer intensiver erörterte Thema Nachhaltigkeit, seit einigen Jahren unter dem Modekürzel ESG gehandelt, dessen Buchstaben als englische Abkürzung für drei Dimensionen der Nachhaltigkeit stehen: Umwelt, Soziales und die Grundsätze einer guten Unternehmensführung. Unternehmen ziehen sich aus ESG-Gründen aus Geschäftsfeldern zurück, die nun als problematisch gelten – und bauen Geschäftsfelder auf oder aus, welche die ESG-Bilanz bei Anteilseignern besser aussehen lassen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Smolka, Klaus Max
Klaus Max Smolka
Redakteur in der Wirtschaft.
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