Mittelstandsanleihen

KTG Agrar zahlt die Zinsen nicht pünktlich

Von Martin Hock
06.06.2016
, 12:21
Kartoffelrodung auf den Äckern von KTG Agrar
Reift die nächste große Pleite bei Mittelstandsanleihen heran? Der Agrarkonzern kann am Montag seine Zinsen nicht bezahlen. Man rechnet aber mit einer Nachzahlung innerhalb von zwei Wochen.

Und immer wieder die Mittelstandsanleihen. Dass deren Kurse mitunter wild ausschlagen, daran hat man sich gewöhnt. Es kommt jedoch auf die Qualität des Absturzes an. Am Freitag rauschten die Kurse der Anleihen des Agrar-Unternehmens KTG Agrar und seiner Tochtergesellschaft KTG Energie in der Spitze um mehr als 20 Prozentpunkte in die Tiefe, bevor sie sich zum Handelsende wieder etwas erholten und das Minus etwas eingrenzten.

Am Montag folgte dann die konkrete Nachricht: KTG Agrar wird die fällige Zinszahlung von mehr als 18 Millionen Euro auf die im Juni 2017 fällige Anleihe im Volumen von 250 Millionen Euro nicht fristgerecht am Montag leisten.

Es sei „zu nicht vorhersehbaren Verzögerungen“ bei der Durchführung des Verkauf nicht betriebsnotwendiger Vermögenswerte gekommen. Diese Veräußerungserlöse hätten zur Zinszahlung genutzt werden sollen. Es werde mit einer Zinszahlung innerhalb den kommenden 14 Tagen „gerechnet“. Bis dato hat das Unternehmen aber keine Informationen darüber, wann die Erlöse zufließen werden. Die Anleihenkurse stürzten daraufhin abermals um gut 20 Prozentpunkte ab.

Wir entschuldigen uns für die Zahlungsverzögerung und werden diese schnellstmöglich leisten", sagte Vorstandschef Siegfried Hofreiter. Auf die laufenden Gespräche zur Refinanzierung der Anleihe habe die Zahlungsverzögerung keinen Einfluss. KTG Agrar „beabsichtige weiterhin“, den Refinanzierungsprozess der Anleihe 2016 erfolgreich abzuschließen. Das Unternehmen befinde sich in fortgeschrittenen Verhandlungen mit institutionellen Investoren und will nun mit Hochdruck daran arbeiten, eine Lösung zu präsentieren.

Die Bonität des Unternehmens ist schon seit langer Zeit umstritten. Die einfachste Argumentation lautete dabei, dass ein Agrar-Unternehmen einfach Zinsen von mehr als sieben Prozent nicht verdienen könne. Hofreiter hatte zum einen darauf verweisen, dass man auch in der Nahrungsmittel- und Biogasproduktion tätig sei. Zum anderen hatte er stets dagegen gesetzt, dass durch den Erwerb und die Arrondierung von Flächen stille Reserven entstünden, die zur Finanzierung eingesetzt werden könnten.

Letztlich scheint an allem etwas dran zu sein. Zum einen hat sich der ausgewiesene Ertrag von KTG Agrar eher dürftig entwickelt. Während der Umsatz zwischen 2010 und 2015 sich auf rund 325 Millionen Euro mehr als versiebenfachte, verlief die Entwicklung des Reingewinns eher schwankend. 2012 lag die Nettomarge bei mehr als 7 Prozent. Ansonsten aber hat sie sich gegenüber 2010 deutlich verringert.

Verantwortlich sind vor allem die hohen Zinskosten, die auch in der Entwicklung der Schuldenkennziffern zum Ausdruck kommen. So sind die Zinszahlungen durch das Betriebsergebnis gerade noch knapp gedeckt. Im Jahr 2010, bevor das Unternehmen mit den Anleiheemissionen begann, war das Verhältnis noch mehr als dreimal so hoch. Insgesamt haben sich die Schuldenkennziffern zuletzt etwas stabilisiert. Doch das Niveau ist bei einer Nettofinanzverschuldung von rund dem Achtfachen des operativen Gewinns und einer schwache Eigenkapitalquote von wenig mehr als 15 Prozent eher weniger komfortabel.

Dies sei bis etwa 2014 Ausdruck der hohen Investitionen gewesen, heißt es von KTG Agrar. 2015 sei dagegen ein schlechtes Jahr mit unterdurchschnittlichen Ernten gewesen und daher sei die gewünschte Ertragsverbesserung nicht wie erhofft eingetreten. KTG Agrar hat tatsächlich 2015 aus dem Verkauf und der Zurückmietung von Agrarflächen rund 12 Millionen Euro erlöst. Indes sind 12 Millionen Euro bei Kuponzahlungen von 25 Millionen Euro noch nicht einmal die halbe Miete - geschweige denn ein Baustein der Refinanzierung. Zudem hat KTG Agrar 2015 netto investiert, ist also mehr zu- als abgegangen. Und operativ flossen seit 2010 kumuliert mehr als 150 Millionen Euro ab.

Situation erschwert Kapitalerhöhungen

Allerdings, so heißt es, seien Landverkäufe nur ein Baustein der Refinanzierung. Ein anderer Teil seien wertvollere Agrar-Immobilien und Beteiligungen sowie nicht zuletzt auch der operative Mittelzufluss. Dieser war zwar in den vergangenen sechs Jahren fast durchweg negativ. Das soll sich aber 2016 ändern, allzumal auch Belastungen aus dem Verkauf der Tiefkühlkost Frenzel wegfielen, die 2015 noch als Forderungen gebucht worden seien.

Die derzeit ausgebliebene Kuponzahlung ist insgesamt für KTG Agrar verheerend. Sie zeigt offenkundige Liquiditätsengpässe. Befürchtungen, dass dies zu Preisdruck bei Verkäufen führen könnte, hat man bei KTG Agrar indes nicht. Man arbeite hier mit einem längerfristigen Partner zusammen, mit dem man ein sehr gutes Verhältnis habe und erziele daher vergleichsweise feste Preise. Die aktuelle Situation erschwert zudem Kapitalerhöhungen als Finanzierungsweg. Der Aktienkurs ist seit August 2015 um 45 Prozent gefallen, seit Veröffentlichung des Geschäftsberichts Ende Mai allein um mehr als 20 Prozent. Das erschwert Kapitalerhöhungen grundsätzlich, zum anderen schwindet ihr Erlöspotential.

KTG Energie „nicht unmittelbar betroffen“

Auf Eis liegen derzeit die Pläne eines Einstiegs des chinesischen Investors Fosun. Dies müsse zum Refinanzierungskonzept passen und so ist der eigentliche Plan, den Gedanken erst nach Abschluss der Refinanzierung wieder aufzunehmen. Ganz vom Tisch sei eine Beteiligung im Rahmen der Refinanzierung aber nicht. KTG Agrar ist derzeit in keiner beneidenswerten Lage. Nicht nur müssen jetzt 18 Millionen Euro für Zinsen bezahlt werden. Im Oktober sind weitere knapp 7 Millionen fällig und in rund einem Jahr 268 Millionen Euro.

Neben der raschen Nachzahlung des Kupons wird das Unternehmen nun schleunigst eine Refinanzierungslösung präsentieren müssen, um Vertrauen wieder zu gewinnen.Das ist auch ziemlich genau der Plan des Unternehmens, das obendrein auch mit den operativen Zahlen überzeugen möchte, wenngleich das erste Halbjahr stets das schwächere sei. Auf den ersten Blick mag allerdings manches an die Pleite des Brennstoffherstellers German Pellets erinnern: ein rasches Wachstum der Umsätze, aber nicht der Erträge; eine tendenzielle Verschlechterung der Schuldenkennziffern und viel Gerede um die Refinanzierung, aber wenig greifbare Ergebnisse. Es steht zu hoffen, dass es diesmal anders ausgeht.

Immerhin steht das Agrar-Unternehmen Rede und Antwort. Zudem sei die Preisentwicklung im Agrarbereich deutlich besser. Das Tochter-Unternehmen KTG Energie beeilte sich derweil zu betonen, dass man „von der aktuellen Diskussion um die Refinanzierung der KTG Agrar SE nicht unmittelbar betroffen“ sei. Insbesondere hafte man nicht für Verbindlichkeiten des Großaktionärs. Auch die Verbindlichkeiten aus dem Darlehensvertrag könnten nicht unmittelbar fällig gestellt werden, so der Vorstandsvorsitzende Thomas Berger.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hock, Martin
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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