IPO-Saison 2021

Wie sich Privatanleger bei Börsengängen verhalten sollten

Von Christoph Scherbaum
21.05.2021
, 13:41
Fenster zur Börse: Blick in den Handelsaal in Frankfurt
Gerade gelang dem Linux-Spezialisten Suse ein erfolgreicher IPO. Für die kommenden Monate sind noch mehr Börsenpremieren geplant. Sollten Anleger schon in der Zeichnungsphase zugreifen oder lieber auf die Zeit nach dem Handelsstart warten?
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Alle Fans von Aktien freuen sich über neue Unternehmen an der Börse, schließlich sorgen sie einerseits für größere Auswahl auf dem Kurszettel und spiegeln andererseits das Vertrauen von Unternehmen in den Aktienmarkt wider. Als Privatanleger sollte man einen Börsengang jedoch vorrangig vor dem Hintergrund sehen, ob sich Investments in die neuen Aktien lohnen oder nicht.

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Natürlich fällt es schwer, alle Börsengänge über einen Kamm zu scheren – denn so unterschiedlich jedes Unternehmen ist, so unterschiedlich sind auch die Bewertungen zu Beginn des Börsenlebens. Bei manchen Börsengängen war es im Nachhinein ein Glücksfall, wenn man die Aktien zugeteilt bekam und am ersten Handelstag bereits einen schönen Zeichnungsgewinn verbuchen konnte. Bei anderen Börsengängen konnte man ganz entspannt die ersten Wochen an der Börse abwarten und dann günstig zugreifen. Bei manchen IPOs ist von Anfang an der Wurm drin und der Kurs kommt nie wirklich in Tritt. Dies alles im Vorfeld jedoch zu erkennen, ist schwer, wenn nicht unmöglich.

Zahlreiche Neulinge

Das Anlagejahr 2021 brachte mit den zahlreichen Börsengängen per Börsenmantel (Spac) in den USA sowie den Börsengängen der SAP-Abspaltung Qualtrics, des Gebrauchtwagenportals Auto1, des Mobilfunkmastenbetreibers Vantage Towers oder des Rohrleitungsbauers Friedrich Vorwerk schon jede Menge neuer Aktien auf das Frankfurter Parkett. In dieser Woche gelang dem Nürnberger Linux-Spezialisten Suse der Börsenstart.

Nachdem die Aktie zu einem Ausgabepreis von nur 30 Euro und damit am unteren Ende der Spanne zwischen 29 und 34 Euro zugeteilt wurde, verlief auch der erste Handelstag eher durchwachsen. Nach einem ersten Kurs von 29,50 Euro mussten Anleger Verluste bis unter die 27-Euro-Marke hinnehmen. Am Ende schloss die Aktie auf Höhe des Ausgabepreises und konnte sich auch in den Folgetagen nicht deutlich von dieser Marke absetzen. Doch was heißt das jetzt?

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Privatanleger können – so sie Suse interessant finden – die Aktien also nach wie vor zum selben Preis erwerben, wie im Vorfeld des Börsengangs. Der Aufwand der Zeichnung hat sich also für Privatanleger nicht gelohnt. Sie haben also Zeit, sich in Ruhe mit dem Geschäftsmodell und dem Unternehmen zu beschäftigen.

Dies ist umso wichtiger, da für den weiteren Jahresverlauf noch jede Menge weiterer IPOs angekündigt sind. Neben dem verschobenen Mein-Auto-Börsengang stehen beispielsweise noch die Erstnotizen von Syngenta oder Daimler Trucks auf der Agenda.

Wann lohnt es sich, eine Aktie schon vor dem Handelsstart zu zeichnen? Die einfache Antwort darauf lautet wohl: Wenn der Ausgabepreis unter dem fairen Wert der Aktie liegt. Doch genau an diesem Punkt scheiden sich die Geister. Der faire Werte einer Aktie wird von jedem Marktteilnehmer anders eingeschätzt und insofern gibt es keine absoluten Wahrheiten.

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Motiv hinter dem Börsengang prüfen

Ein weiterer Faktor für die Entscheidung pro oder contra Zeichnung ist die Herkunft der im Rahmen des Börsengangs angebotenen Aktien. Will sich ein Altaktionär einfach von seinen Aktien trennen („Exit“) oder fließen dem Unternehmen durch eine Kapitalerhöhung neue Finanzmittel zu („Kapitalbeschaffung“)?

Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. Bild: Privat

Das mit der Kapitalbeschaffung finanzierte Wachstum spricht dafür, in ein Unternehmen zu investieren. Allerdings muss auch der einfache Verkauf von Aktien im Rahmen eines Exits nicht grundsätzlich verkehrt sein, denn ein normaler Aktienerwerb an der Börse ist letztlich ebenfalls davon abhängig, ob ein Verkäufer das Bewertungsniveau als fair einschätzt und verkauft und ein Käufer das Bewertungsniveau als zu niedrig einschätzt und kauft.

Am Ende ist die richtige Bewertung eines Börsengangs wohl auch eine Frage der Information. Und hier liegt der echte Knackpunkt bei Börsengängen: Das Unternehmen sowie die bisherigen Eigentümer wissen deutlich mehr über den Zustand und die Bewertung des Unternehmens als ein fremder Privatanleger, der sich neu beteiligten möchte.

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Dadurch fällt es Unternehmen vor Börsengängen leicht, die letzten Geschäftszahlen aufzupolieren, um einen besseren Aktienpreis zu erzielen oder die Tücken des Geschäftsmodells zu verschleiern. Den schon börsennotierten Unternehmen gelingen solche Tricks deutlich schwerer, da sie unter Beobachtung von Analysten stehen.

Es spricht also vieles dafür, Börsengänge zwar zu beobachten, aber erst nach einer erfolgreichen Notierungsaufnahme die Aktie zu erwerben. Denn mit einiger Zeit auf dem Kurszettel löst sich das Informationsdefizit zwischen Unternehmen und Anlegern auf und etwaige übertriebene Bewertungen passen sich der Realität an.

Die Studie „Which, Why, and for How Long Do IPOs Underperform?” der Schweizer Finanzwissenschaftler Daniel Hoechle und Markus Schmid aus dem Jahr 2008 untermauert diese These mit Fakten. Anhand von fast 7400 Börsengängen zwischen 1975 und 2005 zeigen sie, dass Aktien nach einem IPO statistisch im ersten Jahr unterdurchschnittlich abschneiden, also schlechter als der Gesamtmarkt performen. Nach dem ersten Jahr an der Börse kann diese Underperformance indes nicht mehr festgestellt werden.Kurz gesagt: Die Auswahl an der Börse ist so groß, dass man sich als Anleger zwar über Börsengänge freuen kann, aber man erst mit etwas Abstand bei einem IPO zugreifen sollte.

Quelle: FAZ.NET
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