Kartenzahlung

Das war es für Maestro

Von Franz Nestler
20.10.2021
, 08:46
Das rot-orange Mastercard-Logo könnte auf vielen Girocards das rot-blaue Maestro-Logo ablösen.
Auf Millionen Karten prangt das rot-blaue Logo von Maestro. Mastercard stellt den Service nun ein. Was das für die Banken bedeutet – und die Kunden.
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Maestro und die Girocard – das schien für viele Jahre eine fast unumstößliche Beziehung zu sein. Das rot-blaue Logo prangte fast zwei Jahrzehnte nahezu auf jeder Girocard. Doch nur die wenigsten wissen, was die beiden farbigen Kreise eigentlich bedeuten – dabei sind sie für den Nutzen der Karte eminent wichtig. Um zu verstehen, warum das so ist, dazu muss man ein paar Jahre zurückgehen.

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Als die ersten Bezahlkarten in den Sechzigerjahren auf den Markt kamen, dienten sie zuerst nur als Garantiekarten gemeinsam mit einem Scheck. Doch Europa wuchs in den folgenden Jahren schnell zusammen – und schuf 1972 das Eurocheque-System. Sie sind der Vorläufer dessen, was wir später immer ec-Karten nannten. Damals noch eine internationale Scheckkarte, kam mit dem Aufkommen von mehr und mehr Geldautomaten eine Funktion zum Geldabheben hinzu. Seit Anfang der Neunzigerjahre konnte man dann flächendeckend mit Karte und Geheimzahl bezahlen – das System Electronic Cash war geboren. Doch die Schecks starben aus, seit dem Jahr 2002 mussten Banken sie nicht mehr einlösen. Damit starb auch das klassische ec-System. Viele Banken setzten nun auf Maestro von Mastercard oder V Pay von Visa, um ihren Kunden den Karteneinsatz auch international zu ermöglichen. Mittlerweile setzten auch zahlreiche Händler auf sogenannte mobile Point-of-Sale-Terminals (mPoS-Terminals) und damit nicht mehr auf Maestro oder V Pay – etwa die Terminals vom Fintech SumUp. Auch die Billigkleidungsmarke Primark hat solche Terminals im Einsatz.

Doch nun wird Mastercard das Maes­tro-System beerdigen. Darüber informierte das Kreditkartenunternehmen nun alle Banken und Finanzdienstleister in einem Schreiben, das der F.A.Z. vorliegt. Zuerst berichtete der Branchendienst Finanz-Szene über den Ausstieg von Mastercard. Demnach sollen die Banken vom 1. Juli 2023 an keine Maes­tro-fähigen Karten mehr ausgeben dürfen. Von den rund 100 Millionen Girocards verfügt ein riesiger Anteil über dieses von der Branche so getaufte „Co-Badging“. Allgemein erwartet wird, dass V Pay (das Visa-Äquivalent zu Maestro) nachziehen wird. Die Deutsche Kreditwirtschaft wollte sich am Dienstag noch nicht zu den Folgen äußern.

Die Formel lautet also: Kein Maestro oder V Pay auf der Girocard, keine internationale Kartenzahlung oder Bargeldabhebung, und obendrauf wird es auch bei den immer beliebter werdenden mPoS-Terminals komplizierter.

Die Laufzeit entscheidet

Was heißt das nun für die Kunden? Erst einmal wenig. Wer heute eine Girocard mit dem Maestro-Symbol hat, kann sie auch bis zum Ende der Laufzeit nutzen. Diese findet sich meist auf der Vorderseite unten rechts wieder. Wer vor Ende der Ablaufzeit sogar eine neue Kreditkarte mit Maestro-Zeichen bekommt, kann die Maestro-Funktion bis zum Ende der Laufzeit nutzen. Das kann auch noch bis zum Jahr 2027 sein.

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Doch hier wird es spannend: Wenn die Maestro-Verbreitung weiter schrumpft – und das wird sie vom Sommer 2023 an –, wird auch über kurz oder lang die Akzeptanz leiden. Viele Händler und auch Banken könnten dann schon vorher das Interesse an Maestro verlieren, die Akzeptanz wird also sinken. Und dann?

Hier kommen die hiesigen europäischen Banken ins Spiel. Auch wenn die Option eines Maestro-Ausstiegs schon länger kursierte, wurde er eher als Drohgebärde interpretiert, um bessere Konditionen herauszuschlagen, denn als eine reale Option. Die Banken haben im Prinzip drei Optionen. Zum einen könnten sie über die kürzlich gegründete European Payment Initiative (EPI) versuchen, einen eigenen Debitkartendienst zu schaffen. Das könnte Milliarden kosten, ist aber auch erklärtes Ziel, um der übermächtigen Konkurrenz aus Übersee Einhalt zu gebieten. Dazu müssten sie sich aber beeilen, zwei Jahre wären die maximale Zeit, die der EPI noch bleiben würden. Nicht umsonst spricht Ursula von der Leyen als Präsidentin der Europäischen Kommission davon, dass Europa digital souverän sein soll – dazu gehört auch der Zahlungsverkehr, der immer digitaler und unsichtbarer wird.

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Für die Banken kann es bitter werden

Die zweite und dritte Option sind für die Banken deutlich unangenehmer: Die Finanzinstitute könnten etwa auf eine Girocard setzen, die noch ein paar Mastercard-Debitfunktionen hat. Einige Sparkassen haben diese schon für manche Kunden im Angebot, etwa die in Düsseldorf im S-Start-Konto. Doch vom lukrativen Kuchen der Girocard nimmt sich Mastercard damit einen Teil oder kann lukrativere Verträge mit den Banken abschließen als bei den derzeitigen Maestro-Vereinbarungen. Zum Dritten könnten die Banken sich aber auch einfach ergeben und auf die Mastercard-Kredit- oder Debitkarten umsteigen – zwar sicherlich für ein saftiges Schmerzensgeld, sie wären aber in der Hand der beiden Weltkonzerne. Erträge im Kartengeschäft wären langfristig nicht mehr in deutscher oder europäischer Hand.

Das Kalkül von Mastercard ist dabei klar – das Unternehmen setzt darauf, dass die Banken sich für Option zwei oder drei entscheiden und sie damit einen größeren Teil vom Kuchen bekommen. Denn zur Wahrheit gehört auch: Mastercard und Visa versuchen mit aller Kraft, ihre Debitkarten in den Markt zu drängen – doch mit überschaubarem Erfolg. Zwar haben schon einige Finanzinstitute eine entsprechende Karte im Angebot – etwa N26, comdirect oder bald die DKB, aber genutzt wird sie kaum. Weniger als 1 Prozent des Umsatzes beim stationären Handel wird mit ihr beglichen, verglichen mit 44 Prozent bei der Girocard.

Die zweite Perspektive ist aber, dass Maestro für Mastercard auch teuer ist. Während die Zahl der Maestro-Karten um 40 Prozent von 672 auf 404 Millionen Stück gesunken ist, stieg die Zahl der Mastercard-Karten von 1,6 Milliarden auf 2,4 Milliarden. Für Mastercard also ein teures Nischenprodukt.

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Was heißt das dann für die Kunden? Die Sparkasse Düsseldorf bietet die Sparkassencard 2.0 schon heute ihren jüngeren Kunden an. Noch ist sie in dem Produkt kostenlos und vereint einfach die Vorteile von Girocard und Kreditkarte wie weltweite Einsetzbarkeit und Onlinezahlungen. Wie sich das preislich entwickeln wird, kann man aber noch nicht vorhersehen. Irgendwer muss letzten Endes immer die Rechnung auch bezahlen. Wenn aufgrund des Co-Badgings mit einer Mastercard-Debitkarte die Banken mehr Geld an Mastercard zahlen müssen oder weniger einnehmen, wird das auch wer bezahlen müssen. Auch eigene Milliardeninvestitionen für einen eigenen Kartendienst müssten irgendwann wieder reinkommen müssen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Nestler, Franz
Franz Nestler
Redakteur in der Wirtschaft.
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