Altersvorsorge-Politik

„Eine Mischung aus Verantwortungslosigkeit, Unkenntnis und Unfähigkeit“

Von Martin Hock
27.02.2021
, 20:49
Stets biege die deutsche Politik falsch ab, wenn es um die Altersvorsorge geht, heißt es vom Mutli-Family-Office Finvia. Eine kritische Bewertung von Chefanlagestratege Reinhard Panse.

Die Bewertung der Aktienmärkte ist aktuell ein wichtiges Thema. Auch für Reinhard Panse, Mitgründer und Chefanlagestratege des Family Office Finvia, der hohe Erwartungen eingepreist sieht. Die Unternehmensgewinne müssten möglichst schnell wieder das Vorkrisenniveau erreichen. „Ansonsten ist besonders der amerikanische Aktienmarkt massiv überbewertet“, sagt er. „Das Kurs-Cashflow-Verhältnis liegt dort aktuell bei 21, selbst während der Technologieblase 1999/2000 wurde dieser Wert nicht ganz erreicht. Selbst als der Nikkei-Index 1989 40.000 Punkte erreicht hatte, lag das Verhältnis nur bei 19.“

Den Vergleich mit Japan wählt Panse nicht zufällig. Damals habe sich der Blick der Unternehmenswelt genauso nach Japan gewandt wie heute nach den Vereinigten Staaten. Japanische Managementmethoden galten als vorbildhaft, und man glaubte, Hochtechnologie könne künftig nur noch aus dem Land der aufgehenden Sonne kommen. Heute hätten amerikanische Technologieunternehmen ähnlich hervorragende Marktstellungen inne. „Der Haken ist nur: Diese haben sie schon jetzt weltweit inne. Insofern erklärt die hohe Bewertung das bisherige Wachstum, nicht das kommende“, sagt Panse.

Überdies sei den Unternehmen eine vergleichsweise geringe Steuerlast zugutegekommen. Amerikas neuer Präsident Joe Biden aber benötige Geld zur Finanzierung der Corona-Hilfen, sodass die Steuerbelastung für Technologieunternehmen relativ stärker steigen könne. „Wenn aber Technologieunternehmen stärker belastet werden, kann der Gewinnrückgang am amerikanischen Aktienmarkt mehr als 10 Prozent erreichen.“ Obendrein neigten Unternehmen mit Monopolstellungen dazu, Innovationen zu vernachlässigen und stattdessen an der Preisschraube zu drehen.

Panse glaubt, dass die Aktien von Technologienutzern sich künftig besser entwickeln könnten. Das spreche für niedrig bewertete Unternehmen in den Schwellenländern und Europa. Panse führt als Beispiel die Baumarktkette Hornbach an. Diese habe in den vergangenen Jahren aufgrund hoher Investitionen in das Online Geschäft eine schwache Gewinnentwicklung verzeichnet. In der Corona-Krise sei ihr das aber zugutegekommen und der Aktienkurs von 40 auf 90 Euro gestiegen.Die Situation sei dem Jahr 2000 nicht unähnlich: „Das Internet hat sich seitdem gut entwickelt, die Bewertungen der Internetunternehmen waren damals einfach zu hoch.“

Schwierigere Haushaltslage als nach dem Weltkrieg

Langfristig aber treiben Panse vor allem die Staatsschulden um. Die Bewertung von Aktien sei nun einmal auch von den Zinsen abhängig. So blicke man auch auf das Kurs-Cashflow-Verhältnis, nicht nur weil der Mittelzufluss weniger manipulierbar sei als ausgewiesene Gewinne, sondern auch weil die Zinsentwicklung dieses statistisch zu 88 Prozent bestimme. Gemäß der historischen Zusammenhänge zwischen Staatsanleihenrenditen und Aktienbewertungen, setze der amerikanische Aktienmarkt auf steigende Gewinne, die aber kommen müssten, in Japan und Europa gebe es dagegen noch Luft.

Blieben die Zinsen langfristig weiter so niedrig, müssten die Aktienbewertungen weiter steigen. Ein Zinsniveau von 1 Prozent entspreche spiegelbildlich immerhin einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 100. Und Panse rechnet mit längerfristig niedrigen Zinsen. „Für die Fed ist der Aktienmarkt der wichtigste Frühindikator. Schwächeln die Kurse, senkt sie die Zinsen. Das ist dann ein Teufelskreis. Die EZB schaut dagegen mehr auf die Peripherie-Renditen, weswegen die Zinsen in Europa noch weniger steigen dürfen.“

In Zeiten einer solchen künstlichen Zinssenkung erbrächten Aktien stets einen deutlich höheren Mehrertrag. So sei es auch nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen, als sich die Staaten durch künstlich niedrige Zinsen von den Kriegsschulden befreit hätten. Das habe damals gut funktioniert, heute aber sei die Situation weitaus schwieriger. „Mit dem Kriegsende verschwand das Haushaltsdefizit, heute basiert der Staatsschuldenberg hauptsächlich auf hohen Sozialausgaben, und die kann man anders als Rüstungsausgaben nach einem Krieg nicht einfach kürzen“, sagt Panse. Die Demographie sei damals zudem günstiger und die private Verschuldung gering gewesen.

Erhebliche Rentenrisiken

Aber wenn es um Staatsschulden ging, hätten Regierungen schon immer in die Trickkiste gegriffen. Das geschehe auch heute, etwa wenn in den deutschen Staatsschulden die Pensions- und Rentenverpflichtungen nicht berücksichtigt würden. „Jeder Unternehmensvorstand, der so bilanzierte wie der deutsche Staat, wäre schon längst entlassen worden“, sagt Panse. In der Altersvorsorge komme man daher um Aktien längerfristig nicht herum. Panse hofft auf Einsicht in die Umstände.

Das Risiko von Anleihen werde zurzeit auch kurzfristig nicht korrekt eingeschätzt. „Bei einer Rendite der 30-jährigen Bundesanleihen von minus 0,2 Prozent und einer Inflationsrate von 2 Prozent muss die Rendite für den Inflationsausgleich auf 2,8 Prozent steigen“, rechnet Panse vor. „Das bedeutet aber einen Kursverlust von 62 Prozent. Das ist für die Altersvorsorge verheerend.“ Aktien hätten bei einem Kursverlust von 62 Prozent ja noch den Vorteil, dass sie dann niedrig bewertet wären. Das Chance-Risiko-Verhältnis sei für Anleihen damit auch auf der Risikoseite schlechter. „Ein realer Vermögensverlust von einem Drittel pro Dekade ist mit Renten absolut seriös“, sagt Panse.

Gleichzeitig ist der Anlagestratege für politische Weichenstellungen pessimistisch. Irgendwie habe Deutschland das Talent, an solchen Weggabelungen immer falsch abzubiegen. „Es ist eine Mischung aus Unkenntnis, Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit in der Politik, die dazu führt“, sagt Panse und nennt die Riester-Rente als Negativbeispiel. Das AP7-Programm Schwedens etwa komme mit einem Zwanzigstel der Kosten aus, und das sei nicht allein den teuren Garantien der Riester-Rente geschuldet. Man selbst wolle über eine Stiftung demnächst wider den Irrwitz in der privaten Altersvorsorge ein kostenfreies Produkt anbieten. Indes müssten Privatanleger noch dazulernen. Etwa auch, dass Altersvorsorge mit Aktien besser über das Sparen in einen global anlegenden ETF funktioniere als über Einzelaktien. „Studien zeigen deutlich, dass Privatanleger mit Einzelaktien kaum Geld verdienen, wenn der Index steigt, und verlieren, wenn dieser fällt.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hock, Martin
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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