Experiment in Kleve

Die Abschaffung des Kleingelds setzt sich nicht durch

Von Christian Siedenbiedel
11.05.2017
, 09:17
Kein lästiges Bezahlen mit 1- und 2-Centmünzen? Ein Experiment stieß bei Kunden nur begrenzt auf Begeisterung.
Für viele Deutsche sind unzählige Cent-Münzen im Portemonnaie ein Ärgernis: In einer Stadt in NRW haben Händler darum seit über einem Jahr kein Kleingeld mehr angenommen. Doch nun will man das Experiment vielleicht beenden. Warum?
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Im kleinen Örtchen Kleve am Niederrhein wird darüber diskutiert, ein in ganz Deutschland viel beachtetes Experiment zu beerdigen. Unter dem Werbeslogan „Geehrte Kunden, wir runden“ hatten dort seit Februar 2016 viele Händler keine kleinen Cent-Münzen mehr angenommen, wenn der Kunde nicht ausdrücklich darauf bestand. Stattdessen hatten sie auf den jeweils nächsten Fünf-Cent-Betrag auf- oder abgerundet. Ein erster Schritt womöglich auf dem Weg zur völligen Abschaffung des Kleingelds, so hatte es damals geheißen.

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Das Experiment hatte zunächst weit über Kleve hinaus für Aufmerksamkeit gesorgt. In mehreren Städten war darüber gesprochen worden, ob man es Kleve gleichtun und das zumindest von einem Teil der Bevölkerung als lästig empfundene sogenannte Rotgeld zurückdrängen sollte. Zuletzt aber war es ruhig geworden um das Experiment; zum Jahres-Jubiläum im Februar hatte es noch mal einige Medienberichte gegeben. Dann aber hörte man immer weniger davon. „Die Luft ist raus“, sagt Ute Marks, die das Projekt einst als städtische Marketingchefin mit angestoßen hatte. „Es ist sehr ruhig um dieses Thema geworden“, sagt auch Ludger Braam von der örtlichen Sparkasse Kleve.

„Wir werden uns jetzt noch einmal mit den Händlern zusammensetzen, vor allem mit Bäckern und Lebensmitteleinzelhändlern“, sagt Klaus Fischer vom Vorstand des City Netzwerks in Kleve, das für das Projekt verantwortlich ist. „Es ist noch keine Entscheidung gefallen“, sagt er, „aber wir werden mit den Händlern besprechen, ob wir dem Ganzen noch irgendwie neuen Schwung verleihen können – sonst werden wir es schweigend auslaufen lassen.“ Fischer macht dabei kein Hehl daraus, dass er „ein bisschen enttäuscht“ ist, dass es nicht zu dem „großen Run“ gekommen ist, den er sich erhofft hatte. Er sagt aber auch, wenn die Händler in Kleve das Experiment nicht mehr wollten, wolle sich die Initiative „nicht lächerlich machen“.

Zwei Themen sorgten für Nachlass der Begeisterung

In den Medien sei das Projekt überregional sehr interessiert begleitet worden, sagt Fischer, regional hingegen habe es eher Kritik gegeben. Bei den Händlern spielten offenbar zwei Themen eine Rolle, warum nicht alle begeistert waren. Einige machten sich Sorgen um Finanzamt und Steuerberater, wenn durch das Runden Geld in der Kasse fehlen sollte. Offenbar kamen auch nicht alle Computer und Kassen mit dem Runden klar. Andere fanden es lästig, wenn beim Bäcker am Sonntagmorgen eine lange Schlange zum Brötchenholen stand und die Verkäuferinnen jedem Kunden einzeln das Runden erklären sollten.

Für eine eigentlich recht aufsehenerregende Studie hat die Hochschule Rhein-Waal das Experiment genutzt. Die Studie sei kürzlich „finalisiert“ worden, sagt Jakob Lempp, der Dekan der Wirtschaftsfakultät. Ein Jahr lang haben die Wissenschaftler unter anderem die Vorgänge an allen Kassen eines Geschäftes ausgewertet und auch Kunden befragt. Das City Netzwerk will noch nicht alle Ergebnisse preisgeben, verrät aber schon ein wenig. So sollten Kunden anhand von drei Beispielen ausrechnen, was beim Runden wohl herauskommt – immerhin die Hälfte aber lag falsch.

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Insgesamt etwa 80 Prozent der Kunden hätten sich positiv über das Projekt geäußert, viele Händler aber seien pessimistisch gewesen. Dabei zeigte die Langzeitbetrachtung, dass die Kunden im Durchschnitt sogar minimale 0,71 Cent je Einkauf drauflegten – weil aufgrund von häufig vorkommenden Preisen wie 3,99 Euro (in dem Fall wurde auf 4 Euro aufgerundet) öfter auf- als abgerundet wurde.

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Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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