Corona-Krise

Zahl der Überschuldeten dürfte bald steigen

Von Martin Hock
Aktualisiert am 10.11.2020
 - 15:05
Arbeitslosigkeit ist 2020 wieder der Hauptgrund für Überschuldung.
Die Folgen der Corona-Krise dürften bald mehr Menschen in die Überschuldung treiben, fürchtet Creditreform. Zumindest bislang ist die Zahl der Betroffenen aber gesunken.

Auch wenn die Zahl überschuldeter Personen in Deutschland in den vergangenen Monaten noch einmal zurückgegangen ist – die Wirtschaftsauskunftei Creditreform zeichnet wegen der Corona-Pandemie für die nächsten Jahre ein eher düsteres Szenario. „Die langfristigen Perspektiven für die Überschuldungsentwicklung sind besorgniserregend“, warnte der Creditreform-Experte Patrik-Ludwig Hantzsch. Kurzarbeit und wachsende Arbeitslosenzahlen führten aktuell dazu, dass viele Verbraucher in Deutschland weniger Geld zur Verfügung hätten. Das berichtet die Wirtschaftsauskunftei in ihrem „Schuldneratlas 2020“. Die staatlichen Hilfsmaßnahmen hätten zwar die schlimmsten sozialen Auswirkungen abgemildert und auch eine erhöhte Sparneigung und größere Konsumzurückhaltung hätten dafür gesorgt, dass ein flächendeckender Liquiditätsengpass bisher ausgeblieben sei. So ist der private Konsum nominal um 11,7 Prozent gesunken und die Sparquote auf mehr als 20 Prozent gestiegen.

Doch hätten mittlerweile rund 700.000 Menschen den Arbeitsplatz verloren und bis zu 7,3 Millionen Menschen hätten in Kurzarbeit gehen müssen und viele Freiberufler kämpften um ihre Existenz. Zudem werde die Zahl der Freiberufler und Soloselbständigen, die um ihre Existenz kämpften und am Rande einer Überschuldung stünden, auf zwei Millionen geschätzt. Im zweiten Quartal habe der preisbereinigte Verdienstrückgang 4,7 Prozent betragen – die stärkste Abnahme seit Beginn der Erhebung im Jahr 2007. Der „Lockdown light“ im November habe die Problematik verschärft.

Per saldo liest sich die aktuelle Entwicklung der Überschuldung allerdings unspektakulär. Die Zahl der überschuldeten Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland verringerte sich zum dritten Mal in Folge leicht und liegt mit 6,85 Millionen Menschen wieder auf dem Niveau des Jahres 2016. Der Anteil überschuldeter Personen im Verhältnis zu allen Erwachsenen in Deutschland, sank ebenfalls leicht auf 9,87 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit 2013. Erstmals seit vier Jahren liegt die Quote wieder unter der Marke von 10 Prozent. In den Zahlen spiegele sich die robuste Verfassung des Arbeitsmarktes bis zum Frühjahr wider.

Dieser Positivtrend habe sich aber spätestens ab April gewendet, heißt es von Creditreform, die mit einem zeitlich versetzten Anstieg der Überschuldungsfälle rechnet. Die Folgewirkungen der Pandemie seien gravierender als die der Weltfinanzkrise vor zwölf Jahren, die langfristigen Perspektiven besorgniserregend, allzumal die Pandemie auch eine weitere Polarisierung bewirken werde. Die unteren sozialen Schichten hätten nur sehr geringe finanzielle Reserven und eine 'negative Sparquote', ver- und überschuldeten daher. Schon jetzt deuteten sich finanzielle Überlastungen an, die zeitlich versetzt zum Ansteigen der Überschuldungsfälle führen würden. Zudem erwarte man einen Nachholeffekt bei den Verbraucherinsolvenzverfahren, weil die Wohlverhaltensperiode für insolvente Verbraucher seit Oktober verkürzt worden sei. Das werde zu einem zusätzlichen Anstieg der sogenannten harten Überschuldungsfälle führen.

Unter „harten“ Fällen werden solche mit juristisch relevanten Sachverhalten verstanden. Deren Zahl sank in diesem Jahr abermals um knapp 5 Prozent auf 3,82 Millionen. 2006 waren es allerdings nur 3,4 Millionen. Andererseits ist die Zahl der sogenannten weichen Fälle in den vergangenen Jahren gestiegen. Sie liegt aber deutlich unter der Zahl von 2006. Der Rückgang der harten Überschuldungsfälle könne zu großen Teilen durch die etwa seit 2010 andauernde Hochkonjunkturphase erklärt werden. Einen ähnlichen Rückgang habe man 2008 in Folge der etwa 2005 einsetzenden Boomphase beobachten können, der dann durch die Finanzkrise vorübergehend beendet worden sei. Die aktuelle „Dunkelziffer“ bei den gesamten Verschuldungsfällen, die derzeit noch nicht sichtbar sei, schätzt Creditreform noch einmal auf 400.000 Personen. Folgt man dieser Zahl, so entspricht dies dem Niveau von 2007.

Auch einige Einzeltrends findet Creditreform bedenklich. So habe die Altersüberschuldung gegen den Trend auch 2020 wieder deutlich zu zugenommen, und zwar noch stärker als in den Vorjahren. Bei den über 50-Jährigen sei die Zahl um 245.000 oder 11 Prozent gestiegen, in der Altersklasse der Über-70-Jährigen sogar um 23 Prozent. Seit 2013 habe sich in dieser Altersgruppe die Zahl mehr als vervierfacht, während die Zahl der überschuldeten Unter-30-Jährigen um 38 Prozent sank. Dennoch sind Senioren nach wie vor deutlich seltener überschuldet als jüngere Verbraucher. Die höchste Quote weist die Gruppe der 30- bis 39-Jährigen auf. Hier ist es mehr als jeder Sechste, unter den Über-70-Jährigen weniger als jeder Dreißigste.

International betrachtet habe Deutschland derzeit offensichtlich aber „Glück im Unglück“. Die Überschuldungslage der Verbraucher in den Vereinigten Staaten und Großbritannien sei aufgrund der anderen Rahmenbedingungen, etwa einer höheren Vermögensungleichheit schon jetzt deutlich schlechter, da die sozialen Sicherungssysteme die Einkommenseinbußen nicht oder nur unzureichend kompensierten. Zudem bahne sich in Amerika möglicherweise eine neue Immobilienkrise an, da nach einigen Angaben rund 30 bis 40 Millionen Menschen von einer Zwangsräumung bedroht seien.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hock, Martin
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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