Niedrige Preise

Run auf Heizöl

Von Martin Hock
23.03.2020
, 09:58
Der niedrige Ölpreis und vielleicht auch Hamster-Reflexe haben die Nachfrage nach Heizöl sprunghaft steigen lassen. Das führt zu langen Lieferzeiten und höheren Preisen.

Der drastische Rückgang des Rohölpreises und für raffinierte Produkte hat offenbar die Nachfrage nach Heizöl in Deutschland stark steigen lassen. Aber auch die derzeit im Zuge der Coronavirus-Epidemie zu beobachtenden Tendenzen zu hamstern dürften eine Rolle spielen.

Ursache des starken Preisrückgangs ist der derzeit vergleichsweise wenig beachtete Preiskrieg, der sich auf dem Markt für Rohöl vollzieht. In den Vorjahren hatte das vor allem um Russland erweiterte Ölkartell Opec, die sogenannte „Opec+“, mühevoll über Produktionskürzungen den Preis stabilisiert. Über die Frage, wie mit der Corona-Pandemie umzugehen sei, ist diese Gruppe allerdings auseinander gebrochen, nachdem sie sich nicht auf weitere Produktionseinschränkungen hatte einigen können.

Saudi-Arabien als wichtigstes Opec-Land hatte daraufhin seine Produktion hochgefahren und begonnen, große Mengen Rohöl in den Markt zu drücken, um Russland zum Einlenken zu bewegen. Dabei hält sich Saudi-Arabien zur Zeit noch an ein bis Ende März gültiges Beschränkungsabkommen. Die wahre Ölflut könnte also erst noch kommen.

Doch Russland hält derzeit weiter dagegen. Das Land will vor allem die amerikanischen Schieferöl-Produzenten als Vergeltung für den Boykott der North Stream 2-Pipeline durch Washington durch einen niedrigen Ölpreis unter Druck setzen, schreibt die Unicredit.

Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie haben zudem dafür gesorgt, dass die Ölnachfrage gleichzeitig stark zurückgegangen ist. China hatte seine Industrieproduktion im ersten Quartal deutlich gedrosselt, andere Länder folgten. „Wegen der Coronavirus-Krise findet aktuell die stärkste Nachfragezerstörung seit der großen Finanz- und Wirtschaftskrise statt“, heißt es von den Experten der Commerzbank.

Die Preise für Nordseeöl der Sorte Brent bewegen sich derzeit entlang der Marke von 30 Dollar für das Barrel von 159 Litern, aktuell sind es 28,50 Dollar. Zuletzt notierte der Ölpreis 2003 in diesem Bereich, der damit innerhalb nur eines Monats um 45 Prozent gesunken ist.

Gefährliches Spiel

„Da sich die globalen Nachfrageaussichten von Tag zu Tag verschlechtern, wird nur eine deutliche Verringerung des Angebots eine Entlastung des Marktes bringen können“, heißt es von der Unicredit. Mit Preisen von weniger als 40 Dollar aber könne niemand leben und so werde früher oder später einer der beiden Kontrahenten nachgeben müssen - und zwar noch vor dem nächsten für Juni anberaumten Treffen.

Russland und Saudi-Arabien könnten den Markt gefährlich destabilisieren, meint die Unicredit. Sie riskierten, die Gesundheit ihrer öffentlichen Finanzen zu gefährden. Vor allem aber könnte der Zeitpunkt nicht schlechter sein. Die globalen Nachfrageaussichten hätten sich dramatisch verschlechtert, da das Virus nun alle großen entwickelten Volkswirtschaften getroffen hat und die meisten Regierungen zu massiven Eindämmungsmaßnahmen zwingt.

Für wahrscheinlich hält die Unicredit, das Russland sich weigern wird, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Die OPEC werde dann im Alleingang die Förderung kürzen, was den Preis für Brent wahrscheinlich in Richtung 40 Dollar bewegen werde. Russland würde zwar von dieser Initiative als Trittbrettfahrer profitieren, würde aber den wirtschaftlichen Einfluss im Nahen Osten verlieren, was Saudi-Arabien nicht vollkommen Unrecht wäre.

Hohe Nachfrage hält Heizölpreise hoch

Der Heizölpreis ist Daten des Messgeräte-Herstellers Tecson zufolgen von seinem Jahreshoch von 71,20 Euro in der ersten Januarwoche auf nunmehr 57,20 Euro im bundesweiten Durchschnitt (für 100 Liter beim Kauf von 3000 Litern) gefallen, legte aber zuletzt wieder etwas zu. Auch seien große regionale Unterschiede von bis zu zehn Euro zu beobachten.

Der Wieder-Anstieg ist ein Resultat des großen Nachfrageanstiegs. „Der gesamte Handel bedauert es sehr, derzeit keine besseren Preise anbieten zu können“, sagt Heizöl-Makler Josef Weichslberger. „Das verhindern vor allem die weiterhin extrem hohe Nachfrage und die dadurch völlig ausgeschöpften Lager- und Lieferkapazitäten. Die Lieferzeiten liegen vielerorts bei zehn bis zwölf Wochen.“ Das halte die Preise hoch. Tatsächlich kostet Heizöl ungefähr so viel wie auch schon bei einem Rohöl-Preis von 55 Dollar je Barrel. Da ist noch Luft nach unten.

Für Autofahrer wird es in Deutschland dagegen deutlich billiger. „Im Zuge des Ölpreisverfalls sind auch die Kraftstoffpreise stark gesunken“ berichtet Alexander von Gersdorff, Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV) in Berlin. Benzin (Super E5) kostet je Liter 18 Cent weniger und lag zuletzt im Bundesdurchschnitt bei rund 1,27 Euro. Diesel verbilligte sich durchschnittlich um 20 Cent auf 1,12 Euro je Liter. Dass die Preise nicht noch stärker zurückgegangen sind, liegt wesentlich am hohen Steueranteil von rund zwei Dritteln. Damit liegen die Benzinpreise ungefähr dort, wo sie angesichts des Rohölpreises auch hingehören.

Benzin zu hamstern ist laut ADAC übrigens überflüssig, weil die Versorgung gesichert ist. Und es sei auch verboten und gefährlich. Niemand darf mehr als 200 Liter Diesel oder 20 Liter Benzin in seiner Garage lagern.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hock, Martin
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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