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Einzelhändler unter Druck

Das gefährliche Rotstift-Spektakel

 - 14:45
Es wird alles mitgenommen am „Black Friday“ in Amerika. Bild: AFP

Es wird gedrängelt, gestoßen und geschubst – für die angeblich besten Schnäppchen des Jahres sind fast alle Mittel erlaubt. Jedes Jahr sind es unglaubliche Szenen, die sich in Amerikas Innenstädten abspielen. Riesige Menschenmassen verstopfen schon am frühen Morgen Großstädte wie New York oder San Francisco. Es ist „Verbraucher-Nahkampf“, es ist „Black Friday“.

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In den Vereinigten Staaten ist dieser große Einkaufstag schon seit Jahrzehnten eine feste Institution. Der Brückentag zwischen dem Thanksgiving-Fest und dem vierten Wochenende im November wird vom größten Teil der amerikanischen Verbrauchern geliebt und zelebriert. Fast mehr noch als Halloween oder Weihnachten, auch wenn es im Internet mittlerweile ebenfalls die Möglichkeit gibt, ohne großes Schubsen an diesem Tag einzukaufen. Doch live dabei zu sein – das lassen sich nach wie vor viele Amerikaner nicht entgehen.

Wichtiger Indikator für den Einzelhandel

Denn fast alle Geschäfte locken an diesem Tag mit Niedrigpreisen und längeren Öffnungszeiten. Seitens der Einzelhändler bedeutet der Black Friday nicht nur außerordentlichen Stress – er ist für viele der wichtigste Indikator für die kommenden Verkaufswochen vor Weihnachten. Denn allein der Name sagt schon vieles aus: Der Black Friday ist benannt nach einer Branchenregel, wonach an diesem Tag Einzelhändler die Gewinnschwelle für das Jahr überschreiten und schwarze Zahlen schreiben – oder auch nicht. Damit das Ergebnis am Ende aber stimmt, hat sich die Branche schon vor Jahren etwas einfallen lassen.

Wer als Verbraucher am besagten Freitag (in Amerika) nämlich nicht durch volle Shopping-Malls laufen und sich am Nahkampf am Ladentisch beteiligen will, der geht einfach am „Cyber Monday“ online einkaufen. So ist dieser Einkaufstag, der Montag nach dem Thanksgiving-Fest, in den vergangenen Jahren in Amerika zu einem der populärsten Tage für den Interneteinkauf geworden – und neben dem „Black Friday“ zum zweitwichtigsten Einzelhändlertag.

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Der weltgrößte Online-Händler Amazon geht noch einen Schritt weiter und hat seit Jahren die „Cyber Monday-Woche“ ausgerufen. Der Konzern wirbt mit über 10.000 Angeboten, die demnach bis zu 50 Prozent reduziert sind. In dieser Woche gehen im schnellen Wechsel zahlreiche Blitzangebote online. Alle fünf Minuten ein anderes Produkt. Ohne schubsen und drängeln, lediglich die Kreditkarte läuft heiß.

Machen die frühen Schnäppchen Sinn?

Auch in Deutschland wird der „Black Friday“ und der „Cyber Monday“ die Umsätze ankurbeln. Nach Schätzungen des Handelsverbandes Deutschland (HDE) werden die Deutschen, angelockt von zahlreichen Sonderangebote, rund 2,4 Milliarden Euro für Einkäufe ausgeben. Das sind noch einmal 15 Prozent mehr als im vorigen Jahr. Die aus Amerika importierten Schnäppchentage sind dabei, den Einzelhandel in Deutschland nachhaltig zu verändern. Das besondere an ihnen: Die Rabatte gibt es schon zu Beginn des Weihnachtsgeschäfts und nicht erst in den letzten Tagen vor oder gar nach dem Fest.

Den Höhepunkt dürfte die Rotstifte-Schlacht am Freitag erreichen. Dann versprechen zum Black Friday eine Vielzahl von Händlern von Media Markt bis Lidl das „Shoppingevent des Jahres“. Seiten wie blackfridaysale.de listen Hunderte von Teilnehmern an dem Rabattspektakel auf. „Aktionstage wie der Black Friday oder der Cyber Monday werden immer wichtiger für den Handel. Wir haben gesättigte Märkte in Deutschland. Da braucht man solche Anlässe, damit die Leute mehr kaufen“, ist der Marketingexperte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU überzeugt. Der Co-Chef des Online-Möbelhändlers Home24 , Marc Appelhoff, ist sich sicher: „Der Black Friday hat das Potenzial, der neue Winterschlussverkauf zu werden.“

Doch ist die frühe Schnäppchenjagd nicht unumstritten. „Schon zu Beginn des wichtigen Weihnachtsgeschäfts mit Preisnachlässen um sich zu werfen, macht eigentlich keinen Sinn. Die Rabatte sollten erst am Ende der Saison kommen“, urteilt Branchenkenner Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein. Die Händler hätten allerdings kaum eine Wahl, meint Kai Hudetz vom Institut für Handelsforschung (IFH) in Köln: „Wer nicht mitmacht, muss befürchten, am Ende auf seinen Waren sitzenzubleiben.“

Dass das Rotstift-Spektakel schnell nach hinten losgehen kann, erlebte im vergangenen Jahr Deutschlands größter Elektronikhändler Ceconomy (Media Markt, Saturn). Einerseits war der Black Friday 2017 der umsatzstärkste Tag in der Geschichte des Unternehmens. Andererseits musste Ceconomy dafür einen hohen Preis zahlen. Denn die vorgezogenen Käufe sorgten dafür, dass das Geschäft im Dezember schlechter lief als erwartet und sich neue Geräte in den Filialen und Lagern stapelten. Am Ende machte der Elektronikhändler im Weihnachtsgeschäft deutlich weniger Gewinn als im Vorjahr.

Nicht alles ist auch wirklich ein Schnäppchen

Nach einer Umfrage der zur Unternehmensberatung McKinsey gehörenden Analysefirma Periscope wollen in diesem Jahr drei Viertel der Bundesbürger am Black Friday auf die Suche nach Schnäppchen gehen. „Wir beobachten am Black Friday zwei unterschiedliche Kundentypen. Es gibt die Schnäppchenjäger, die sich vom Angebot überraschen lassen und einen guten Deal suchen. Und es gibt die Smart Shopper, die schon seit längerem einen bestimmten Einkauf planen und auf die Black-Friday-Woche warten, um das Gewünschte vielleicht günstiger einkaufen zu können“, berichtet Marc Appelhoff von Home24.

Wie sehr der Kunde wirklich von den Aktionstagen profitiert, ist aber umstritten. Eine Studie des Preisportals Check24, bei der mehr als 100.000 Einzelpreise beliebter Weihnachtsprodukte berücksichtigt wurden, ergab, dass das durchschnittliche Preisniveau am Black Friday 2017 tatsächlich einen Tiefpunkt erreichte und die Preise danach eher wieder anstiegen. Doch waren die Preisdifferenzen – über alle Produkte gerechnet – mit nicht einmal drei Prozent eher gering. Das Vergleichsportal Idealo.de kam bei Stichproben zu dem Ergebnis, dass von 500 untersuchten Produkten am Black Friday 2017 immerhin 381 etwas weniger kosteten als im Vormonat. Große Preissprünge waren aber auch nach dieser Studie eher die Ausnahme.

Doch ob man nun in der Innenstadt oder im Internet versucht, Schnäppchen zu machen – Schnäppchenjäger sollten einen kühlen Kopf bewahren und in diesen besonderen Einkauftagen nicht nur Preisvergleiche machen, sondern auch auf ein paar andere Dinge achten. Denn nicht alles, was angeboten wird, ist wirkliche günstiger. Oft bezieht sich ein Rabatt nämlich auf den überteuerten unverbindlichen Verkaufspreis (UVP), der dem Handel seitens des Herstellers als Weiterverkaufspreis an den Kunden empfohlen wird und nicht auf den oft deutlich niedrigeren Preis, zu dem ein Produkt wirklich verkauft wird.

Im Netz nur seriöse Händler nutzen

Ebenso sollte man in Zeiten von Online-Shopping besonders im Internet aufmerksam unterwegs sein. Vor allem bei Angeboten ausländischer Online-Shops sollte genau hingesehen werden. Hohe Versand- und Zollgebühren können hier das ursprüngliche Schnäppchen am Ende zunichte machen. Damit keine Probleme rund um die Themen Versandkosten und Bezahlung aufkommen, empfiehlt es sich zudem, nur seriöse Shops aufzusuchen. Ein Blick in Foren, auf deren Facebook-Seite sowie auf deren AGBs kann bereits Aufschluss geben.

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei den Schnäppchenkäufen ist das Umtausch- und Reklamationsrecht. Der Gesetzgeber gibt Verbrauchern 14 Tage Zeit, einen Online-Kauf zu widerrufen. Manche Händler haben diese Frist sogar von sich aus auf 30 oder 60 Tage verlängert. Oft ist es aber so, dass Mängel erst später entdeckt werden. Hier greift das Gewährleistungsrecht. Es regelt, dass ein Händler Mängel in den ersten sechs Monaten nach dem Kauf auf seine Kosten beseitigen muss. Es sei denn, er kann nachweisen, dass der Mangel vom Kunden verursacht wurde.

Quelle: casc/dpa
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