Leasing-Jeans

Mode zum Mieten

Von Bettina Weiguny
29.04.2018
, 13:27
Leasen statt kaufen: Das geht jetzt auch für Jeans und Abendkleid. Hilft das gegen die Müllberge? Allein die Deutschen werfen jedes Jahr eine Million Tonnen Kleidung weg.

Eine Jeans ist eine Jeans - und kein Auto. Oder doch? Zumindest was die Anschaffung betrifft, probt ein Modemacher eine überraschende Parallele: Bei der holländischen Jeans-Marke „Mud“ können die Kunden ihre Jeans kaufen oder aber leasen, also auf Zeit mieten. Ganz wie im Autohaus, wo Leasing das Normalste der Welt ist. Etwa die Hälfte der Kunden entscheidet sich für den Autokauf, die andere für einen Leasing-Wagen.

„Warum sollte das nicht auch in der Mode funktionieren?“ fragt der Textilunternehmer Bert van Son. Seine Kunden zahlen für ihre Leasing-Jeans jeden Monat 7,50 Euro. Nach einem Jahr können sie die Hose behalten oder zurückschicken. Dann bekommen sie 10 Euro Rabatt, wenn sie ein neues Modell bestellen. Egal, wie sie sich entscheiden, am Ende sollen sie die Jeans zurückgeben, damit die Holländer sie recyceln können.

So spart der Kunde zwar kein Geld (ob gekauft oder geleast, die Mud-Jeans kostet etwa 100 Euro), aber er entlastet seinen Kleiderschrank, in dem sich häufig Unmengen alter Klamotten türmen. Und wer die Hose mietet, darf sich zu den Guten zählen. Schließlich tut er etwas für die Umwelt - und damit für das gute Gewissen: Wer nicht kauft, sondern least oder mietet, schont die Ressourcen, rettet das Klima, verkleinert die Müllberge, eines der Übel unserer Zeit.

Eine LKW-Ladung Kleidung pro Sekunde landet im Müll

Mode zum Mieten ist eine Antwort darauf, ein noch zarter Trend, auf dem Weg aus der Öko-Ecke in Richtung bürgerliche Klientel. Bert van Sons Leasing-Jeans sind nur ein Beispiel dafür, wie die Modebranche ihr grünes Herz entdeckt. Der Gegenentwurf zur Wegwerf-Mode von Primark & Co., wo Teenager tütenweise Billigklamotten kaufen, die sie nach zwei, drei Mal Tragen hinten im Schrank vergraben oder wegwerfen, weil ein neuer Look angesagt ist oder die lax zusammengeschusterten Teile auseinanderfallen.

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„Upcycling“
Wie aus gebrauchter Kleidung neue Einzelstücke werden

So geht es nicht weiter, befand der Holländer van Son, der 30 Jahre lang in Europa und Asien in der Textilindustrie gearbeitet und so ziemlich alles gesehen hat, was seinem Empfinden nach dort schiefläuft. Unmengen Chemikalien sind zur Herstellung eines Kleidungsstücks nötig, zehn Prozent der weltweit eingesetzten Pestizide und ein Viertel der Insektizide gehen auf das Konto der Baumwoll-Produktion. Über den Verbrauch von Wasser darf ein Fashion-Freak gar nicht nachdenken (bis zu 10.000 Liter pro Jeans), auch die Arbeitsbedingungen in den allermeisten Fabriken sind hinreichend beklagt. Und dann erst der viele Müll!

In jeder Sekunde am Tag wird eine LKW-Ladung Kleidung weggeworfen, das meiste davon ist wenige Wochen alt, ein Drittel sogar ungetragen. Allein in Deutschland laden jedes Jahr knapp eine Million Tonnen Shirts, Jacken und Hosen im Kleidercontainer - mit den unterschiedlichsten Destinationen, von der Kleiderkammer für Flüchtlinge bis zu den Second-Hand-Märkten in Afrika oder einer Müllkippe in Asien.

Deutsche Recycling-Meister

Im Alter von 50 Jahren hat Bert van Son deshalb beschlossen, seine Ersparnisse in den Aufbau eines Mode-Labels zu stecken, das alles anders macht. Das Versprechen an die Kunden: faire Arbeitsbedingungen und nachhaltiges Wirtschaften. Dazu gehört, dass die Firma Mud-Jeans ihre alten, getragenen Hosen zu neuen aufarbeitet. Ein Teil wird umdesignt zu „Vintage“-Jeans mit Rissen und Flicken. Der Großteil aber wird recycelt.

In einer Fabrik in Spanien werden Knöpfe und Reißverschlüsse herausgetrennt, danach wird die gebrauchte Ware gehäckselt, in immer keinere Teile, bis nur noch die Baumwollfasern übrig sind. Aus diesen stellen die Holländer dann in einem Werk in Tunesien neue Jeans her, wobei sie allerdings mindestens 60 Prozent neue Bio-Baumwolle beimischen müssen, um die nötige Qualität zu erreichen. „Den Recycling-Anteil wollen wir weiter steigern“, sagt der Unternehmer, der in 28 Länder Europas und nach Australien liefert. Die meisten seiner Kunden kommen aber aus Deutschland: „Die Deutschen lieben die Jeans und die Idee hinter unserem Konzept.“

Nachhaltige Alternative?
Sharing Economy auf dem Prüfstand
© IDZ, Deutsche Welle

Kein Wunder, die Deutschen sind die Europameister im Recycling, was sie für Leasing-Jeans empfänglich macht. Allerdings produzieren sie pro Kopf auch viel mehr Müll als die Menschen in den Nachbarländern - nämlich 626 Kilo im Jahr. Tendenz steigend. Der Textil-Müll ist dabei ein wachsendes Problem. Das bringt nicht nur Einzelkämpfer wie Bart van Son zum Nachdenken.

Luxus-Leasing in Amerika

Auch Tchibo, einer der größten Textilhändler in Deutschland, verleiht seit kurzem Kinderkleidung, um, wie die Werbung verspricht, „wertvolle Ressourcen“ zu schonen, da die Kleinen aus Stramplern, Jacken, Hosen ständig herauswachsen. Der Modellversuch läuft bis Ende des Jahres. „Bei den Bestellungen ist noch Luft nach oben“, räumt eine Sprecherin ein. „Aber das Interesse der Kunden ist da, das spüren wir.“

Deshalb baut Tchibo das Sortiment nun aus: Seit ein paar Tagen gibt es nicht nur Babykleidung, sondern auch Kinder- und Jugendgrößen. Dazu kommen erstmals Spielsachen, Festtags-Kleidung und saisonale Artikel wie Regenjacken, Sommerkleider und im Winter Skianzüge. „Die Eltern fragen nach allem, die würden am liebsten auch Kinderwagen, Kinderbetten und Bettzeug leihen.“

An die Stelle des Kaufs tritt immer häufiger die Leihgebühr, die Flatrate, das Abo. In Amerika laufen derartige Geschäftsideen bereits sehr erfolgreich. Marktführer in Sachen Miet-Mode ist „Rent the Runway“, gegründet vor neun Jahren von zwei Harvard-Absolventinnen. Hier überwiegt der Glamour-Faktor den Umwelt-Gedanken. Der Online-Händler aus New York verleiht Designer-Ware an Frauen, die sich die luxuriösen Marken nicht kaufen würden.

Große Modefirmen reagieren

Das Balenciaga-Kleid oder die Helmut Lang-Lederjacke kommt für vier bis acht Tage nach Hause, wird zurückgeschickt, gereinigt und noch am gleichen Tag an die nächste Kundin versandt. Für 159 Dollar im Monat kann die Kundin ihre Garderobe so ständig neu bestücken, mit bis zu vier Teilen gleichzeitig. Die Liefergebühren übernimmt das Unternehmen.

Die New Yorker haben in Amerika inzwischen achteinhalb Millionen Kunden und konnten 200 Millionen Dollar bei Investoren einsammeln, darunter so prominente Geldgeber wie Alibaba-Chef Jack Ma. Und wo der chinesische Self-Made-Milliardär mit 20 Millionen Dollar einsteigt, da werden andere Investoren hellhörig. Das Geld bewegt sich Richtung Leasing-Mode. Und da sich das herumspricht, reagieren auch die großen Modefirmen. Im März hat François-Henri Pinault, der Chef des Luxus-Konzerns Kering mit Marken wie Gucci und Brioni, angekündigt, ein eigenes Mietsystem über eine Abogebühr zu testen. Und bei dem schwedischen Label „Filippa K.“ können Kunden die Kleidung in den Geschäften anprobieren und ausleihen.

Auch in Deutschland versuchen Wagemutige ihr Glück. Mit dem Slogan „Sharing is caring“ bewerben zwei Hamburgerinnen die von ihnen gegründete „Kleiderei“. Hier erhält jede Kundin für 49Euro im Monat vier Teile zugeschickt, dann gehen sie weiter an den nächsten Kunden.

Noch ist Mode-Leasing ein Nischenprodukt

Während die „Kleiderei“ Abwechslung in der Alltags- und Business-Garderobe verspricht, findet die Kundin bei „Dresscoded“, dem nächsten Anbieter, alles für den großen Gala-Auftritt. Die Münchnerin Natascha Grün stattet Unternehmerinnen, Politikerinnen und Promis, darunter Ministerin Ilse Aigner und Skifahrerin Maria Höfl-Riesch, mit eleganten Abendroben, Cocktailkleidchen oder Dirndl aus.

„Abendgarderobe bedeutet für viele Frauen richtig Stress“, sagt die Geschäftsfrau. Dazu kommt, dass die Frauen die teuren Stücke in der Regel nur auf einer einzigen Veranstaltung tragen. „Ich rate meinen Kundinnen immer: Leiht das Kleid, und kauft Euch lieber tolle Schuhe dazu, die könnt Ihr immer wieder anziehen.“

Ob die Kunden ihre Kleidung künftig so selbstverständlich leasen oder mieten wie das Auto, ist längst nicht ausgemacht. Noch bewegen sich die einschlägigen Anbieter in einer Nische. Der Holländer Bert van Son hat immerhin 50.000 Mud-Jeans an den Kunden gebracht. Ein Viertel davon ist geleast. Da ist noch Luft nach oben.

Quelle: F.A.S.
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Bettina Weiguny
Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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