Ladenschluss in Bayern

Um Acht wird zugemacht

Von Ursula Kals, München
01.11.2016
, 10:55
Für eingefleischte Shopper nur ein Traum - auch außerhalb von Bayern
Vor 20 Jahren durften die Läden zum ersten Mal bis 20 Uhr öffnen. In Bayern ist das heute noch so. Der Erfahrungsbericht eines Ladenschluss-Opfers.

Eine Münchenerin zu Besuch in der Hauptstadt. Die Gastgeberin, Studienfreundin aus Aachener Zeiten, wirkt geradezu penetrant-entspannt, obwohl es kurz vor 20 Uhr ist. Fürs Fondue fehlen Paprika, die Avocados sind matschig, also muss für die Guacamole Nachschub her, Getränke- und Chipsvorräte sehen eindeutig zu überschaubar aus.

Dennoch trödelt die im Alltag so straff durchorganisierte Freundin. Je gemütlicher sie tut, um so nervöser blickt der Besuch auf die Uhr: Sollten wir nicht mal zum Einkaufen? Astrid ist die Ruhe selbst. Plötzlich lacht sie und versteht: Macht Euch mal locker, der Rewe nebenan hat bis 23.30 Uhr offen! Fasziniert bis leicht beschämt schwärmen die Münchener kurz nach 21 Uhr aus und staunen über entspannte Menschen in einem unterdurchschnittlich bevölkerten Supermarkt an der Schivelbeiner Straße am Prenzlauer Berg.

Hamstern ist des Bayern Art

Tja, wer seit zehn Jahren in Bayern lebt, der hat sich längst an andere, strengere Öffnungszeiten gewöhnt, korrekter, er kennt es gar nicht anders. Und das fühlt sich dann ungefähr so an: Kurz vor Ladenschluss am Ausgehsamstag sind die bayerischen Supermarkt-Parkplätze sehr gut frequentiert. In der Landeshauptstadt wird gekauft und gekauft. Bizarr ist das vor Feiertagen aller Art, da hamstert der Bayer, als ob er die nächsten Tage eingeschneit wäre. Vielleicht ist das im ganzen Land so?

Menschen gehen zielstrebig durch Gänge, hieven Flaschen in die Drahtkörbe, maulen über leere Regale, motzen, weil die Palette mit dem Lieblings-Joghurt leergeputzt ist, hoffen auf eine halbwegs repräsentable Brotauswahl und beeilen sich, denn um 20 Uhr schließen die Türen und je nach Belegschaft werden die Regale nicht mehr aufgefüllt.

Dafür gibt es ab Spätnachmittag frische Himbeeren für 50 Cent, die Schnäppchenjäger anziehen. Die sind fröhlich unterwegs, zeigen jedenfalls mehr freudigen Einsatz als das Personal, das schon halb im Freizeitmodus ist. Nachfragen werden tendenziell ruppig beantwortet – Rucola ist halt aus! Nun gibt es auch ein schönes Wochenende ohne Rucola. Aber der Wettbewerbsgedanke hat sich bei uns eingeschlichen: In Berlin wäre das kein Problem gewesen.

Kein Brot, wenn die S-Bahn ausfällt

Das ist Jammern auf hohem Niveau und ein Wohlstandsproblem verwöhnter Konsumenten. Trotzdem ist das Kopfkino längst angelaufen: Wäre man jetzt in Berlin-Mitte, dann stünde der ganze Abend bis in die Nacht zur Verfügung, um den Alltagskram einzukaufen und in Ruhe abzuarbeiten. Dann gäbe es unter der Woche kein Aus-dem-Büro-Gehetze und der Stau auf dem Mittleren Ring, der zu München gehört wie die Maß zum Oktoberfest, wäre wenigstens einkaufstechnisch kein Problem.

Für Berufstätige haben elastischere Öffnungszeiten eindeutig große Vorteile. Die spät angesetzte Konferenz, der Last-Minute-Auftrag, die ausgefallene S-Bahn? Zumindest im Hinblick auf den Einkauf ist das alles kein großes Problem mehr und beschert keine Schnappatmung, ob man die Kurve, beziehungsweise das Brot noch kriegt.

Das Kaninchen schaut in die Röhre

Was für ein Alltagsluxus, wenn die Geschäfte in Bayern lange geöffnet hätten. Wäre wirklich nicht verkehrt, schießt es der Konsumentin durch den Kopf, als sie wieder einmal durch die Gänge des Discounters in München-Unterhaching steuert. Und sich ärgert, dass Samstag um 18.40 Uhr mal wieder die „Karotten mit Grün“ aus sind und die Zwergkaninchenschar daheim mit Kohlrabiblättern abgespeist werden wird. Blöd auch für die Zweibeiner, die Lieblingspizza ist vergriffen.

Wetten, das wäre in der nordrhein-westfälischen Heimat nicht passiert! Auch da, so erwähnen die Schulfreunde lässig, können wir lange einkaufen: Sei doch selbstverständlich, dass vor 21 Uhr kaum jemand in den Städten schließt. Selbst der beliebte Tante-Emma-Laden mitten in Köln lässt erst um 21 Uhr das Gitter herunter. Für die in Bayern Lebenden bleiben nur der Bahnhof oder die Tankstelle. Kioske, Büdchen oder Trinkhallen, wie es sie in Nordrhein-Westfalen oder Hessen allerorten gibt, sind in München nahezu unbekannt. Da gibt’s kein After Eight nach acht.

Wie war das eigentlich in der Kindheit, als die Äpfel noch von Verkäufern abgewogen und die Gummischlange noch für fünf Pfennige über die Theke gereicht wurde? Samstagmittag war Schluss. Um 12 Uhr schloss der kleine Edeka-Laden in der Aachener Kreuzstraße seine Glastür, das strenge Inhaberpaar machte keine Ausnahme für Zuspätkommer. Nie.

Schließlich war man weit und breit der einzige Laden im gutbürgerlichen Wohngebiet, frech, weil konkurrenzlos, wurde Macht ausgespielt. Überlebt haben das in der immer anspruchsvoller werdenden Konsumgesellschaft auch alle. Der Einkaufszettel wurde halt früher abgearbeitet, das fehlende Pfund Mehl nebenan geborgt. Nostalgische Verklärung oder ein Bericht direkt aus der Steinzeit? Der Berliner Teenie-Nachwuchs starrt den ungechillten Besuch befremdet an, als er das erzählt.

Passt scho!

Der Münchener Bekanntenkreis, gut durchgemischt aus Zugereisten und Alteingesessenen, die sich nicht vorstellen können, ihr postkartenschönes Land je zu verlassen, ist durchaus geteilter Meinung über Ladenöffnungszeiten. Gerade die Zugereisten fühlen sich eingeschränkt, wenn um 18.30 oder 20 Uhr Schluss ist mit Einkaufen, mancherorts mittwochs sogar schon um 13 Uhr.

Sie haben es ja anders kennen und schätzen gelernt. Großartig, die Vorstellung, entspannter, weil länger einkaufen zu können. Die meisten haben bei der nicht repräsentativen Blitzumfrage allerdings überhaupt kein Problembewusstsein: Sollen die anderen Bundesländer doch schließen und öffnen wie sie wollen: Passt scho!

Manche finden, das ist ein Luxusproblem, andere ventilieren Einwände, dass es irgendwann auch mal gut ist mit dem Rund-um-die-Uhr-Konsum, da brauche man nicht erst die große Kirchen-Keule schwingen. Wem danach sei, der könne ja „zur Tanke düsen“ und im Netz shoppen. Und verhungert sei hier noch keiner.

Freunde des früheren, bayrischen Feierabends stimmt nur eins nachdenklich: Jeder kennt eine, die wiederum eine kennt, die sich anderswo über die späten Öfnungszeiten freut, weil dann der Partner daheim ist und nach den Kindern sehen kann, weil der Spätschichtdienst zwar das Familienleben strapaziert, aber das Budget entlastet. Wäre wohl auch was für Bayern.

Erste Schritte sind gemacht. Einige Online-Supemärkte bieten Hauslieferungen auch außerhalb der Öffnungszeiten an, Rewe liefert bis 22 Uhr, Das nur in München agierende Freshfoods sowie der in Berlin und München aktive, zu Kaiser’s gehörende Bringmeister.de kommen sogar bis Mitternacht zum Kunden. Erheblich mehr als eine Tüte Chips muss der Spätkäufer allerdings bei einem Mindestbestellwert von bis zu 50 Euro schon ordern.

Quelle: FAZ.NET
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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