Ökoboom

Grün, grün, grün sind alle meine Kleider

Von Nadine Oberhuber
13.05.2014
, 14:21
Ökostoffe sind gesund, sehen gut aus. Und kosten nicht mal mehr als konventionelle Kleidung.

Etwa so viel wie eineinhalb Tafeln Schokolade wiegt ein T-Shirt. Damit ist es genauso schwer wie die Dosis Gift, die in ihm steckt. Bis es die Baumwolle zum Stoff gebracht und letztlich an den Körper des Nutzers geschafft hat, landen 150 Gramm Gift auf Pflanzen und Boden. Obwohl Baumwolle nur auf 2,5 Prozent der weltweiten Ackerfläche wächst, werden allein 24 Prozent aller global eingesetzten Insektizide über ihr versprüht. Von den üblichen Chemikalien zum weiteren Bearbeiten und Färben mal ganz abgesehen. Baumwolle klingt im Gegensatz zu Polyester und Polyamid nach Natur. Aber natürlich und gesund ist das nicht, was wir tagtäglich auf dem Leibe tragen. Wir essen „bio“, wir fahren oft „bio“ und cremen uns mit Naturkosmetik ein. Nur kleiden wir uns oft noch konventionell. Dabei sind Biotextilien groß in Mode.

Sie haben längst nichts mehr mit dem zu tun, woran man früher bei Ökomode dachte: Sackkleider in knitteriger Leinenoptik und ausgewaschenen Farben, so was haben die frühen Ökobewegten getragen. Heutige Biopioniere kommen mit stylischen Schnitten, schrillen Farben und Designerklamotten daher. Sogar in der High Fashion und auf den Laufstegen der Modemessen in Paris und Berlin hat die Ökomode inzwischen Einzug gehalten.

Modeschulen richten sogar Masterstudiengänge für „sustainability in fashion“ ein, und die Kunden nehmen den Designern dankbar ab, was auf den Markt kommt: In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Umsatz mit „Eco Fashion“ hierzulande mehr als verzehnfacht, auf zuletzt 654 Millionen Euro. Rund 3,6 Millionen Kleidungsstücke wurden 2013 bei uns in Bioqualität verkauft. Insgesamt macht Ökomode laut der Gesellschaft für Konsumforschung knapp vier Prozent des Bekleidungsmarkts aus.

Einen großen Anteil daran haben diejenigen, von denen man es nicht unbedingt erwartet hätte. Denn die Masse der Biotextilien wird gerade nicht in kleinen Ökoboutiquen verkauft, sondern von großen Kaufhausketten wie C&A, H&M oder Zara. C&A ist nach Angaben von Branchenbeobachtern sogar der größte Abnehmer von Biobaumwolle weltweit. Auch viele Markenbekleidungshersteller und Outdoorausrüster achten inzwischen auf ihre grüne Linie.

Hinter fast jedem Biosiegel steckt etwas anderes

Und es muss längst nicht immer Baumwolle sein. Auch Stoffe aus Wolle, Holzfaser, Hanf oder Merino gibt es in Ökoqualität, und selbst auf Kunstfasern kann ein Bioetikett kleben. Genau deswegen raten Experten zur Vorsicht, denn anders als bei den Lebensmitteln sind die Begriffe „bio“, „öko“ und „organic“ bei der Kleidung nicht geschützt.

Es gibt zwar zahlreiche Siegel, die dem Käufer ein grünes Gewissen bescheren sollen, es sind insgesamt 29 Stück. Sie reichen vom staatlich vergebenen Blauen Engel über Gütezeichen von Nichtregierungsorganisationen bis hin zum reinen Herstellerlabel, dessen Aussage sich kaum nachprüfen lässt.

Streng definiert, sollte ein echtes Stück Ökotextil dreierlei garantieren: Erstens sind bei der Herstellung keine umweltschädlichen Pestizide, Herbizide, Kunstdünger, Gentechnik oder schädlichen Chemikalien zum Einsatz gekommen - und das gilt vom Acker bis zur Ladentheke. Zweitens haben die Hersteller den Produzenten faire Löhne gezahlt. Und drittens garantieren sie menschenwürdige Arbeitsverhältnisse. Aber das ist nur die Theorie, in der Praxis steckt hinter fast jedem Biosiegel etwas anderes.

Was etwa als „Biobaumwolle“ verkauft wird, ist als Rohmaterial unter bestimmten Umweltstandards gewachsen. Doch über die Chemie beim Färben und Weben sagt das nichts. Andere Siegel belegen soziale Arbeitsbedingungen, doch keine biologische Erzeugung. „Das ist die Krux“, sagt Eco-Textilexpertin Kerstin Brodde von Greenpeace, „Kunden würden gern Stoffe kaufen, die bio und fair im Doppelpack sind. Aber die zu finden ist nach wie vor richtig schwer.“ Im Prinzip müsse man sich zwischen öko oder sozial entscheiden. Und welches der 29 Siegel darf’s dann sein? Im Grunde schneiden nur vier bei den Experten richtig gut ab: Das internationale GOTS-Siegel und das IVN West garantieren höchste Bioqualität; „fair wear foundation“ und „fairtrade“ decken am besten die soziale Seite ab.

Biokleidung muss nicht teurer sein

Nun gab es einen ersten Siegel-Skandal, nachdem ein Zeitungsartikel 2010 behauptete, es seien Chargen von Gentechnikbaumwolle als Biobaumwolle verkauft worden. Wirkliche Beweise gab es für diesen Vorwurf nicht, weshalb etliche Fachleute und Verbände sagen, die Geschichte sei eine Falschmeldung gewesen. „Früher oder später wird es wie bei den Biolebensmitteln den ersten Skandal geben, wenn der Markt so weiter wächst“, fürchtet Ökolandbauexpertin Melanie Eben vom Umweltinstitut.

Denn das Problem bei der Biobaumwolle ist derzeit: Die Nachfrage wächst schneller als die Anbauflächen. Es dauert drei Jahre, bis ein Bauer sein Feld von konventionellem Anbau auf Ökoanbau umgestellt hat. Einer der größten Exporteure von Biobaumwolle (gleich hinter Indien), nämlich Syrien, ist zuletzt wegen der politischen Unruhen ausgefallen, und Großproduzent Amerika hatte ein Dürreproblem. So schrumpft die verfügbare Menge an Biobaumwolle derzeit sogar. Das lädt Fälscher eventuell geradezu ein, ihre Ware „umzuetikettieren“, um von den höheren Weltmarktpreisen zu profitieren.

Ein Grund, gar nicht erst zu Ökomode zu greifen, ist das für Textilexpertin Brodde beileibe nicht: „Es gibt gute Kontrollen, die bestätigen: Biotextilien sind um ein Vielfaches besser als konventionelle Textilien. Für den Kunden sind solche Stoffe übrigens immer auch hautverträglicher und damit gesundheitszuträglicher.“ Zudem muss Biokleidung nicht mal teurer sein. Zwar kaufen die Hersteller die Rohstoffe teurer ein, holen das aber oft über Handelsspannen wieder herein. Der Kunde jedenfalls zahlt für Biokleider bei Internetversendern wie „avocadostore“, „waschbaer“ oder „wertvoll-berlin“ auch nicht mehr als für andere Marken.

Es gibt allerdings einen Punkt, an dem die Branche großen Verbesserungsbedarf hat, räumen Fachleute ein: „Wir brauchen Standards, damit die Hersteller sowohl Natur- als auch Kunstfasern sauber weiterverarbeiten“, mahnt Greenpeace-Vertreterin Brodde. Vor allem die Outdoor-Bekleidungsfirmen sieht sie hier in der Pflicht: „Im sozialen Bereich sind sie schon sehr weit. Doch auf bestimmte Chemikalien, mit denen sie die Performance ihrer Produkte verbessern, wollen sie einfach nicht verzichten.“

Ein Test von Regenjacken aller bekannten Hersteller hatte in allen Jacken gesundheitsschädliche Fluor-Stoffe gefunden. Diese können selbst in Produkten mit Ökosiegel stecken. Während viele Firmen vom Kaufhaus bis zur Luxusmarke bereits das Detox-Abkommen unterzeichnet haben und sich verpflichten, giftfrei zu produzieren - aus der Outdoorbranche habe das noch keiner getan, sagt Brodde: „Als Kunde sollte ich mich fragen: Brauche ich wirklich eine Jacke, die mich trocken auf den Everest bringt, wenn ich doch nur bis in die Hamburger Fußgängerzone laufe?“

Quelle: F.A.S.
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