Vergleichsportale

So seriös wie organisierte Bettlerbanden

Von Franz Nestler
01.12.2021
, 16:31
Kein Geld und Kredit gesucht? Das kann schwierig werden.
Gegen manche Vergleichsportale wirken organisierte Bettlerbanden wie seriöse Vertreter ihres Metiers. Eine Abrechnung.
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Vergleichsportale sind an sich eine super Sache. Es ist für die Kunden praktisch, wenn sie sehen, wo sie Geld sparen können: beim Strom, beim Internetanbieter oder der Versicherung. Doch bei einem Thema verlässt die Vergleichsportale Sinn und Verstand, und sie werden zu einer Drückerkolonne, vor denen selbst organisierte Bettlerbanden wie seriöse Vertreter ihres Metiers wirken: Kreditvergleiche. Wer sich hier als Kunde einmal unverbindlich informieren möchte, ohne direkt einen Kredit abzuschließen, löst eine ganze Werbekaskade aus.

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Das beginnt schon bei der Anfrage: Dort wird mit günstigen Konditionen geworben wie Zinsen unter 1 Prozent. Problematisch nur, dass diese kaum einer bekommt: Welche Bedingungen erfüllt sein müssen, ist nicht genau bekannt. Marktführer Check24 spricht von einer positiven Haushaltsrechnung. Ob diese an bereits wahrgenommenen Kreditangeboten, dem Schufa-Kredit oder doch einfach nur dem Aszendenten des Sternzeichens liegt – unklar. Marktführer Check24 sagt, Tausende Kunden hätten den Kredit zu Negativzinsen abgeschlossen – von wie vielen Anfragen sagen sie nicht.

Der eigentliche Terror – die Portale sprechen von Informationsangeboten – geht los, sobald man überprüfen möchte, ob man wirklich für den ein oder anderen Kredit geeignet ist. Am Anfang begrüßt einen noch eine digitale Assistentin mit einem hübschen Foto, die den Antrag prüft. Gleichzeitig gibt es schon die ersten Mails und SMS, nun allerdings von einem Berater ohne hübsches Foto. Parallel klingelt das Telefon, der Berater möchte sprechen. Reagiert man nicht direkt, kommen SMS – dringende Rückfragen, Empfehlungen für andere Kredite. Als Kunde bleibt man eher verwirrt zurück.

Per Mail geht es dann richtig los: Es gibt „Neue Kreditangebote“ noch am selben Tag, ein „bestes Kreditangebot“ wenig später, Rückfragen, ob man „Den passenden Kredit bereits gefunden?“ hat, und Werbung dafür, dass man das „Top-Kreditangebot einfach abschließen“ kann – innerhalb von drei Tagen. Der Vertrag, den man nur vergleichen wollte, ist dann schon im Briefkasten. Es folgen die Fragen per Mail, „Wann kann die Bank mit Ihren Unterlagen rechnen?“, „Kreditentscheidung bereits getroffen?“, „Finanzierungswunsch noch aktuell?“ und „Kreditwunsch schon erfüllt?“. Erst nach drei Wochen gibt der „Berater“, der nur Werbemails verschickt, auf.

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Ist bei den Vergleichsportalen eigentlich schon einmal jemand darauf gekommen, wie unseriös es wirkt, wenn man den Menschen aggressiver hinterhersteigt als so manche Taschendiebe auf vollen Einkaufsstraßen? Einer der Anbieter meint, dass viele Kunden das schätzen würden.

Als Kunde kann man dieser aggressiven Werbung widersprechen: In Mails, per Telefon, per Post und auch am Telefon, wenn man angerufen wird. Hilft das alles nicht, kann man sich auch bei den Verbraucherzentralen beschweren. Und sich vielleicht beim nächsten Mal gut überlegen, ob man wirklich mal harmlos Kredite vergleichen möchte.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Nestler, Franz
Franz Nestler
Redakteur in der Wirtschaft.
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