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Geldirrtümer

Bargeld oder Karte: Was geht schneller?

Von Christian Siedenbiedel
 - 15:50
30 Sekunden dauert im Schnitt die Kartenzahlung. Bild: Your_Photo_Today

Wer kennt die Situation nicht? Kurz nach Feierabend, die Schlange im Supermarkt ist endlos. Mal wieder macht die Filialleitung keinerlei Anstalten, eine weitere Kasse öffnen zu lassen. In den Einkaufswagen vor einem türmen sich die Wocheneinkäufe von Großfamilien. Ganz vorne in der Schlange aber, direkt bei der Kassiererin, steht eine ältere Dame, die in ihrem Portemonnaie nach Kleingeld sucht. Sie kramt und kramt, holt einzelne Münzen hervor und versichert der freundlichen Kassiererin unablässig: „Ich hab’s passend.“ Das dauert und dauert. Derweil werfen sich die Leute in der Schlange schon entnervte Blicke zu.

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So mancher mag aber auch das Gegenteil schon erlebt haben. Man steht selbst vorn in der Supermarkt-Schlange und hat nur eine Kleinigkeit gekauft. Eine Flasche Cola, zum Beispiel. Die Kassiererin verlangt: 99 Cent. Plötzlich merkt man, dass kein Bargeld mehr im Portemonnaie ist. Und es bleibt einem nichts anderes übrig, als mit zerknirschtem Gesichtsausdruck die Bitte vorzutragen, mit Karte zahlen zu dürfen.

Was ist besser?

Die nächsten Momente fühlen sich endlos an: Karte einschieben, ein Zettel wird ausgedruckt. Die Kassiererin reißt den Zettel ab. Man prüft den Betrag – und muss unterschreiben. In solchen Situationen funktioniert der Stift natürlich nie. Und hinter einem wartet die Schlange – und scheint einen für seine umständlichen Zahlungsgewohnheiten abgrundtief zu hassen.

Bargeld oder Karte, was ist besser? Die meisten Leute haben dazu eine feste Meinung – nicht erst, seit die Debatte um die Zukunft des Bargelds zu einem hochemotionalen Grundsatzstreit geworden ist. Es geht dabei auch um einen Modernisierungskonflikt: Während die Bargeld-Fans gern mit den Freiheitsrechten argumentieren, die mit Scheinen und Münzen als anonymem und zinsfreiem Zahlungsmittel verbunden sind („Bargeld ist geprägte Freiheit“), argumentieren die Anhänger der Kartenzahlung gern mit den praktischen Annehmlichkeiten des technischen Fortschritts. Kartenzahlung sei einfacher – und schneller. Aber ist das wirklich so? Was dauert im Durchschnitt länger, bar zahlen oder mit Karte?

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Abhängig von Kassensystem und Kassiererin

Horst Rüter, Mitglied der Geschäftsleitung des Handelsinstituts EHI in Köln, ist da einen Erkenntnisschritt weiter: Sein Institut hat sich die Mühe gemacht und nachgemessen. Zwar kennt auch Rüter die psychologische Binsenweisheit: „Die Schlange, in der man selbst steht, ist immer die langsamste.“ Und er weiß auch, dass Geschäft natürlich nicht gleich Geschäft ist.

Es gibt Discounter mit langsameren und schnelleren Kassensystemen für die Kartenzahlung. Außerdem gibt es natürlich auch die langsame und die schnelle Kassierin. „Bei Aldi sitzen ja manchmal Mitarbeiterinnen an der Kasse, die haben das Wechselgeld schon in der Hand, bevor der Kunde überhaupt seinen Schein hingegeben hat“, sagt er. Umgekehrt gibt es Discounter, die über die Jahre ihre Kassensysteme aus Geräten unterschiedlicher Hersteller zusammengestellt haben – da dauert Kartenzahlung besonders lange.

Experiment mit Stopppuhr

Das Experiment der Forscher ging nun so: Mit der Stoppuhr bewaffnet, haben sie an der Kasse gemessen, wie lange ein Bezahlvorgang dauert. „Wir haben den Zeitraum abgestoppt zwischen dem Moment, in dem der Kassierer den Betrag nennt, bis zu dem Moment, in dem die Kasse wieder geschlossen ist“, sagt Rüter. Und das immer wieder.

Fürs Bezahlen mit Bargeld kam heraus: 15 bis 25 Sekunden dauerte ein Zahlungsvorgang im Durchschnitt. Je nach Kunde, aber auch je nach Sparte des Einzelhandels gab es Abweichungen. „Im Lebensmittelhandel dauerte ein Bezahlvorgang mit Bargeld tendenziell eher 25 Sekunden, im Textileinzelhandel eher 15 Sekunden“, sagt Rüter.

Die Deutschen haben das Kartenzahlen gelernt

Im Vergleich dazu haben die Handelforscher abgestoppt, wie lange eine Kartenzahlung braucht. Dabei zeigten sich Unterschiede, je nachdem, ob jemand mit Karte und Pin-Nummer zahlt – oder mit Karte und Unterschrift, also im sogenannten Lastschriftverfahren. Zudem haben die Forscher das Experiment über die Jahre mehrmals gemacht, und haben eine gewisse Entwicklung beobachtet; offenkundig hat sich über die Jahre verändert, wie lange eine Kartenzahlung dauert.

„Die Deutschen haben das Kartenzahlen mit der Zeit wohl gelernt und sind schneller geworden – Kunden wie Kassierer“, sagt Rüter. In den 90er Jahren hatte das Institut gemessen, dass ein Bezahlvorgang mit Karte und Pin im Durchschnitt deutlich mehr als 40 Sekunden dauerte. Das hatte sich schon 2003 etwas gebessert. Bei den jüngsten Messungen brauchten die Kunden für denselben Vorgang nur noch 30 Sekunden. Mit Lastschrift ging es zuletzt sogar noch schneller, um die 28 Sekunden.

Barzahlung etwas schneller

Die Dauer von Kartenzahlung und Barzahlung hat sich mit der Zeit also angenähert. Je mehr die Leute sich an die Kartenzahlung gewöhnten, desto seltener kommt schließlich jemand an die Kasse, der seine Pin-Nummer nicht weiß. Und auch die Frage „Wie herum muss ich die Karten einstecken?“ ist offenbar seltener geworden. Trotzdem lautet das überraschende Ergebnis der Untersuchung: Die Barzahlung ist in der Regel immer noch etwas schneller.

Dabei haben sich auch die Umsatzanteile im Handel über die Jahre verschoben. Wurden 1994 noch 78,7 Prozent der Einkäufe im Einzelhandel bar getätigt, so lag der Umsatzanteil im vergangenen Jahr mit 52,4 Prozent nur noch sehr knapp über der Hälfte. Dabei gilt weiterhin, dass teure Dinge überdurchschnittlich oft mit Karte gezahlt werden und billige eher bar – aber dieser Effekt hat über die Jahre abgenommen.

Akzeptanz für Kartenzahlung steigt

Lag der durchschnittliche Betrag, der früher mit EC-Karte gezahlt wurde, bei 100 Euro, so sind es inzwischen nur noch 40 Euro. Seit die Gebühren, die Händler für jede Kartenzahlung an Kartengesellschaften und Banken zahlen müssen, gesetzlich gedeckelt wurden, akzeptieren zudem mehr Geschäfte Karten auch für kleinere Beträge. „Ein Schild ,Keine Kartenzahlung unter 10 Euro‘ werden Sie jetzt seltener finden“, sagt Rüter. Langsam werde die Akzeptanz von Karten sogar für Kioske interessant, die sich bislang am stärksten gesträubt hätten. Oder auch für Bäcker, morgens, wenn die Leute zum Brötchenholen kommen.

In Zukunft könnte das kontaktlose Bezahlen („Near Field Communication“, NFC) die Kartenzahlung schneller machen. Das erwartet zumindest Rewe nach Angaben eines Sprechers. Die eigentliche Zukunft des Bezahlens aber soll bei Smartphone und Tablet liegen. Angebote dafür gibt es genug – und auch eine ganze Reihe von Leuten, die das ausprobieren. Trotzdem ist die Zahl der Einkäufe, die mit dem Handy getätigt werden, in Deutschland noch sehr überschaubar, anders als in Skandinavien oder England. Die Deutschen unterschreiben offenbar lieber weiter Lastschrift-Zettel – oder kramen ewig im Portemonnaie.

Quelle: F.A.S.
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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