Bargeldloses Bezahlen

Eine Plastikkarte für alles

Von Christian Siedenbiedel
04.11.2016
, 08:46
Verschiedene Bankkarten: Bei vielen Deutschen schwillt das Portemonnaie über.
Warum hat man eigentlich so viele verschiedene Karten im Portemonnaie? Es gibt weltweit Anstrengungen, alle Funktionen in einer Karte zu vereinen. In Deutschland aber wird ein anderer Trend verfolgt.

Sie sind praktisch, man braucht sie für immer mehr Angelegenheiten des täglichen Lebens – aber in sehr großer Zahl können sie auch zu einer unangenehmen Aufblähung des Portemonnaies führen: die Plastikkarten, die Nachfolger des Bargelds. Jeder Deutsche trägt Umfragen zufolge im Schnitt 4,4 solcher Karten im Geldbeutel mit sich herum und hat in aller Regel noch weitere zu Hause herumliegen. Manche Leute haben sogar noch viel mehr von den kleine bunten Kärtchen: Rund 2 Prozent der Befragten gaben an, 16 Karten oder mehr im Portemonnaie zu haben.

Da ist die Frage naheliegend: Warum wird das alles nicht irgendwie gebündelt? Warum entwickelt die Finanzbranche nicht endlich eine Plastikkarte, auf der alle Funktionen untergebracht werden? Warum gibt es nicht einfach eine Karte für alles? Experimente dazu gibt es – und auch durchaus Lösungen. „Technisch ist das alles kein Problem“, sagt Hugo Godschalk, geschäftsführender Gesellschafter bei Paysys. Das Frankfurter Unternehmen ist auf die Beratung von Dienstleistern für Kartensysteme spezialisiert. Ähnlich wie beim Smartphone könnte man eine gleichsam neutrale Karte anbieten, eine „White Card“, auf die dann jedes Unternehmen, von der Bank über die Kreditkartenfirma und bis hin zu Zoo oder Schwimmbad, eine eigene „App“ aufspielen kann, die jeweils eine Plastikkarte im Portemonnaie ersetzt.

International gibt es eine Reihe von Fintechs, also kleinen techniklastigen Finanzunternehmen, die bereits solche Multifunktionskarten entwickelt haben. Curve ist ein Beispiel aus Großbritannien. Das Londoner Unternehmen wirbt mit dem fast philosophischen Gedanken: Es sei allen großen Umbrüchen zu eigen, dass es zunächst immer erst „disruption“ geben müsse, also einen Bruch mit dem Bewährten in Form von vielen einzelnen neuen Versuchen – aber danach auch wieder „convergence“, also eine Zusammenführung der Einzellösungen, einen Weg heraus aus der grenzenlosen Zersplitterung.

Das will die Karte des Unternehmens bieten. Ein Pendant zu Curve in den Vereinigten Staaten ist Coin, ein Start-up aus San Francisco, das gleichfalls die Idee „eine Karte für alles“ vorantreibt. Auch Plastic ist ein amerikanisches Unternehmen, das sich diesem Ziel der Mehr-Funktionen-Karte verschrieben hat.

Nicht nur eine Karte, mobil ist trend

In Deutschland führen die Banken vor allem ein Argument an, warum sie das Ziel „eine Karte für alles“ derzeit – vorsichtig formuliert – nicht mit besonderem Nachdruck vorantreiben. „Der Trend liegt aus Sicht der Banken eher im Bereich mobil“, sagte ein Sprecher des Bundesverbands deutscher Banken (BdB) auf Anfrage. Das heißt: In den Banken macht man sich durchaus Gedanken darüber, wie man die vielen unterschiedlichen Funktionen der Plastikkarten wieder bündeln kann. Aber diese Überlegungen stellt man nicht mehr für die längst schon wieder überholte Welt der Plastikkarten an, sondern schon für die künftige Welt des Bezahlens mit dem Smartphone. Man schaue, „wie bekomme ich die Zahlungsfunktionen in das Smartphone – und nicht auf eine Karte“, sagte der Bankenverbandssprecher.

Warum soll man sich auch mit komplizierten Verhandlungen für ein Bezahlsystem befassen, das zumindest gedanklich schon längst wieder der Vergangenheit angehört? Fürs Bezahlen per Handy gibt es schließlich schon eine ganze Reihe von Apps, die unterschiedliche Funktionen auch von mehreren Finanzunternehmen bündeln. Denkbar auch, dass die technischen Möglichkeiten auf dem Smartphone dann doch noch mal viel besser sind als auf einer Plastikkarte – allerdings sollen auch die Chips auf den Karten schon recht leistungsfähig sein.

Plastikkarten binden den Kunden

Es gibt nur einen Haken an der Idee, einfach kurzerhand aufs Smartphone als künftiges Bündelungsinstrument für alle Plastikkarten zu warten: So ganz schnell wird es vermutlich nicht gehen, bis das Smartphone zumindest in Deutschland überall die Karten abgelöst haben wird. „Die nächsten zehn Jahre wird es sicher noch beide Systeme nebeneinander her geben“, meint Unternehmensberater Godschalk von Paysys. Ein langer Zeitraum also, in dem die Leute auf die nächste technische Runde vertröstet werden sollen.

Der Hauptgrund, warum sich das Prinzip „eine Karte für alles“ noch nicht durchgesetzt hat, sei das Interesse der Kartendienste wie Kreditkartenunternehmen, auf den bunten Plastikkarten für ihr Angebot zu werben, meint Godschalk. Wenn jedes Unternehmen wie beim Smartphone nur noch eine App auf dem Chip der Kreditkarte hätte, wäre das Angebot des jeweiligen Unternehmens weniger sichtbar – und sein Kontakt zum Kunden würde dünner. Davor fürchten sich viele Unternehmen und wollen lieber bei den eigenen Plastikkarten bleiben – ein zentrales Hemmnis.

Immerhin gibt es seit Juni eine neue Regulierung auch in Deutschland, die für mehr Vielfalt auf den Karten sorgen soll. Demnach dürfen die Anbieter bestimmter Leistungen auf Karten zumindest nicht mehr ausschließen, dass es auch Funktionen anderer Anbieter auf der Karte geben darf, wie Godschalk ausführt. Bislang sind die Auswirkungen aber wohl überschaubar. Eine gewisse Bündelung von Funktionen auf Plastikkarten ist hingegen schon seit längerem zu beobachten. Wer eine Girocard (früher: EC-Karte) hat, findet darauf längst auch Signets anderer Organisationen, beispielsweise von Maestro, dem Debitkarten-Dienst von Mastercard. Andere Funktionen, wie Parkhaus-Bezahlen, wurden vor Jahren über die Geldkarte auf der Girocard untergebracht. Aber der große Durchbruch fehlt noch.

Immerhin hat die Fidor Bank aus München mit Mastercard eine Plastikkarte auf den Markt gebracht, die man als Kredit- und als Debitkarte nutzen kann. Aber schon Karten, die eine Visa- und Mastercard auf einem Plastikstück vereinen, sucht man in Deutschland bislang vergeblich, wie Sprecher beider Unternehmen bestätigten.

In England und Frankreich bietet Visa auch Karten an, die eine Kredit- und eine Debitfunktion haben. „Diese Simply-One-Karten werden in Deutschland allerdings bisher nicht von den Banken angeboten“, sagte ein Visa-Sprecher. Auch die Integration weiterer Funktionen von der Schwimmbad-Dauerkarte über die Jahreskarte für den Zoo bis hin zur Gesundheitskarte gebe es in Deutschland bisher nicht.

Was es gebe, seien sogenannte „Co-Branding“-Karten wie die ADAC-Visa-Karte, die als Mitgliedskarte für den Automobilclub und als Kreditkarte verwendet werden kann, führte der Visa-Sprecher aus. Auch Möglichkeiten, Paybackpunkte oder Flugmeilen zu sammeln, sind längst auf Kreditkarten integriert.

Manche asiatische Länder haben eine „Karte für Alles“

Besonders schwer scheint zu sein, hoheitliche Funktionen des Staates mit kommerziellen Angeboten auf einer Plastikkarte zu kombinieren. Mit dem neuen Personalausweis gab es die Idee, an dieses elektronisch lesbare Dokument alle möglichen weiteren Funktionen anzubinden. Die gibt es zwar – als „Karte für alles“ durchgesetzt aber hat sich der Ausweis nicht. „In manchen asiatischen Ländern gibt es das, dass Kreditkarte, Bankkarte, Personalausweis und Führerschein auf einer Plastikkarte untergebracht sind“, berichtet Unternehmensberater Godschalk. „Aber das sind noch eher Ausnahmen.“

Wenn allerdings fast alle Funktionen, die man im Leben irgendwie mal braucht, auf ein und derselben Karte untergebracht sind, stellt sich ein ganz anderes Problem. Die Geldbörse mag angenehm dünn sein. Aber was macht jemand, wenn diese zentrale Karte verlorengeht oder sie in falsche Hände gerät? Das will man sich nun auch lieber nicht vorstellen. Vielleicht ist es doch gut, wenn man sich zumindest noch ausweisen kann, wenn man seine Bankkarte mal verloren hat.

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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