Teure Extraleistungen

Vorsicht Abzocke!

Von Sebastian Balzter
20.03.2019
, 17:51
Nicht angenehm und noch dazu oft mit hohen Kosten für den Patienten verbunden: Eine Behandlung beim Zahnarzt ist häufig aus mehreren Gründen lästig.
Zahnärzte und Kieferorthopäden verdienen viel Geld mit teuren Extraleistungen neben den Behandlungen. Der medizinische Nutzen ist jedoch kaum belegt. Höchste Zeit, dass sich die Patienten wehren.
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Über die Kosten von Arztbesuchen machen sich gesetzlich Versicherte gewöhnlich keine Gedanken. Die Krankenkasse zahlt ja dafür. Nur beim Zahnarzt ist das anders. Da sind die Kosten ein Dauerbrenner. Sogar am Stammtisch und beim Klassentreffen geht es früher oder später fast zwangsläufig darum, wie teuer Zahnreinigung und Wurzelbehandlung, Zahnspangen und Implantate sind. Die Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen hat Hunderte von Beschwerden gesammelt. „Ich habe mir drei Zähne überkronen lassen“, berichtet da beispielsweise ein Patient. „Von der Zahnarztpraxis habe ich keinen Kostenvoranschlag erhalten und ich wurde auch nicht über Alternativen aufgeklärt. Jetzt soll ich 2000 Euro privat tragen.“ Noch ein O-Ton: „Meine Tochter braucht eine feste Zahnspange. Vom Kieferorthopäden erfuhr ich, dass ich 1600 Euro extra zahlen sollte. Eine andere Option gebe es nicht.“

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Wenn die Berichte stimmen, dann haben die beiden Ärzte eindeutig gegen die Regeln im Gesundheitssystem verstoßen. Sie sind nämlich dazu verpflichtet, über Zusatzkosten vorab aufzuklären. Und sie dürfen ihren Patienten nicht die sogenannte „Standardversorgung“ verweigern, also die günstigste wirksame Therapie. So steht es im BGB beziehungsweise im Sozialgesetzbuch.

Aber selbst wenn die beiden Patienten nicht die ganze Wahrheit gesagt, das Kleingedruckte auf einem Formular übersehen oder einen mündlichen Hinweis ihres Arztes überhört haben sollten, ändert das nichts am großen Ganzen: In den vergangenen 15 Jahren ist der Anteil der privat abgerechneten Leistungen an den Einnahmen einer typischen Zahnarztpraxis um zehn Prozentpunkte gestiegen. Das unterscheidet Zahnärzte und Kieferorthopäden von allen anderen Ärztegruppen. Privatpatienten und Selbstzahler bringen ihnen laut Statistischem Bundesamt inzwischen mehr Geld in die Kasse als die gesetzliche Krankenversicherung.

Noch ein Unterschied: Für die „Individuellen Gesundheitsleistungen“ wie die Augendruckmessung und die Mammographie, die Patienten auf eigene Kosten bei ihrem Hausarzt oder anderen Fachärzten in Anspruch nehmen können, gibt es im Internet eine übersichtliche Einordnung (www.igel-monitor.de). So etwas fehlt für die Zahnmedizin. Es gibt auch keine Statistik der von den Patienten selbst bezahlten Leistungen. Man kann die Ausgaben nur überschlagen. Es dürften mehrere Milliarden Euro im Jahr sein.

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Nun ist die Zahnmedizin mit ihren vielen Geräten und operativen Eingriffen schon immer eine teure Angelegenheit gewesen. So teuer, dass die Politik einen Teil der Kosten ganz bewusst auf die Patienten abgewälzt hat, um die Krankenkassen zu entlasten. Zahnersatz, Zahnfüllungen und Zahnspangen fallen in diese Kategorie von Leistungen, die von der Krankenversicherung nicht mehr komplett übernommen werden. Dafür können die Zahnärzte nichts. Sie können die Situation aber ausnutzen, indem sie mit Vorliebe teures Material und aufwendige Untersuchungsmethoden privat abrechnen. Es gibt also einen Graubereich mit Fehlanreizen. „Moral Hazard“ nennen Ökonomen solche Konstellationen.

Ist das ganze Gebiss in Gefahr?

Fast jeder sechste Patient, so hat es die Bertelsmann-Stiftung ermittelt, fühlt sich in der Zahnarztpraxis dazu gedrängt, kostenpflichtige Zusatzleistungen in Anspruch zu nehmen. Als ob es vor allem darum gehe, möglichst viel zu verkaufen. Wenn dieser Eindruck das Verhältnis zwischen Arzt und Patient prägt, dann läuft etwas schief. Ein Heilberuf soll schließlich etwas anderes sein als ein gewöhnliches Gewerbe. Warum ist es ausgerechnet in der Zahnmedizin so, dass dieser Unterschied in der Wahrnehmung vieler Patienten schwindet?

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Erstens kommt es bei den Zähnen, anders als etwa bei der Leber und der Niere, nicht bloß aufs Funktionieren an, sondern auch aufs Aussehen. Und wer es sich leisten kann, der greift für die eigene Schönheit schon mal tief in die Tasche, ob das nun medizinisch sinnvoll ist oder nicht. Seit Jahren steigt ja auch die Zahl der Schönheitsoperationen in Deutschland. Das Geschäft ist lukrativ, gerade weil hier nicht objektive Maßstäbe zählen, sondern subjektives Empfinden.

Zweitens hat die Zahnmedizin vergleichsweise wenige feste Behandlungsrichtlinien. Es gibt, anders als etwa für den Einsatz von Arzneimitteln, wenige Studien zum tatsächlichen Erfolg oder Misserfolg von Behandlungsvarianten. Viele Entscheidungen sind stattdessen dem „Erfahrungswissen“ der Ärzte überlassen. Das muss nicht schlecht sein. Es kann aber dazu führen, dass Ärzte die Wahl der Therapie auch davon abhängig machen, womit sie ihr Geld verdienen.

Dazu hat der Heidelberger Zahnmedizin-Professor Hans Jörg Staehle ein kleines Experiment mit einem bemerkenswerten Ergebnis durchgeführt. Er hat ein und denselben Befund an verschiedene Kollegen geschickt und sie um ihren Rat gefragt. Es geht um eine 59 Jahre alte Frau, der jeweils links und rechts seit langem ein Backenzahn fehlt. Schmerzen hat sie nicht, alle anderen Zähne sind gesund. Braucht die Frau einen Zahnersatz, ein Implantat? Oder genügt es, die Lücken bei den Routinekontrollen weiterhin aufmerksam zu beobachten und erst dann einzuschreiten, wenn die benachbarten Zähne ins Kippen geraten?

Die Antworten hat Staehle nach der Spezialisierung und beruflichen Stellung der befragten Ärzte sortiert. Und siehe da: Zur Beobachtung raten vor allem Mediziner, die als Angestellte an einer Hochschule arbeiten und nichts an einem Eingriff verdienen würden. Niedergelassene Zahnärzte empfehlen der Patientin dagegen deutlich häufiger eine Brücke, um zumindest eine der beiden Lücken zu schließen. Und Kieferchirurgen sagen in großer Zahl: Ein Implantat muss her, sonst ist auf Dauer das ganze Gebiss in Gefahr. Für die Patientin macht das einen erheblichen finanziellen Unterschied. Die Routineuntersuchung zahlt die Kasse. Für ein Implantat muss sie selbst mehrere tausend Euro bezahlen.

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Die Interessenverbände der Zahnärzte und Kieferorthopäden bestreiten die Zunahme der Selbstzahlerleistungen und weisen den Verdacht weit von sich, dass Patienten aus betriebswirtschaftlichen Gründen überversorgt werden könnten. Allzu fern liegt dieser Schluss trotzdem nicht. Probeweise haben die Krankenkassen in einem bayerischen Landkreis zum Beispiel ein Jahr lang ausnahmslos alle Heil- und Kostenpläne von Zahnärzten zur Parodontitisbehandlung von einem Gutachter überprüfen lassen und nicht nur Stichproben genommen. Die Folge war, dass jeder zweite Behandlungsplan beanstandet wurde. Außerdem sank die Zahl der je Woche beantragten Behandlungen im Lauf des Jahres um knapp 50 Prozent. Offenbar gingen die Ärzte mit der Zeit dazu über, nur noch die wirklich nötigen Therapien vorzuschlagen.

Der Sinn und Unsinn von Zahnspangen

Besonders heftig wurde in diesem Zusammenhang zuletzt über den Sinn und Unsinn von Zahnspangen gestritten. Sogar der Bundesrechnungshof hat sich eingeschaltet und kritisiert, dass der Nutzen dieser kieferorthopädischen Behandlung nicht gut genug belegt sei. Dazu muss man wissen, dass in Deutschland gut 50 Prozent der Kinder eines Jahrgangs eine Spange bekommen. Zum Vergleich: In Schweden sind es der dortigen Gesundheitsbehörde zufolge nur halb so viele. Hinzu kommt, dass sich die Ausgaben der Krankenkassen je Spange seit 1999 fast verdoppelt haben, von 1050 auf 1840 Euro. Üblicherweise zahlen die Eltern ungefähr denselben Betrag aus eigener Tasche oben drauf. Auf der Rechnung stehen dazu dann Fachbegriffe wie „Panoramaschichtaufnahme“, „Fissurenversiegelung“ und „superelastische Bögen“. Das klingt modern. Aber hilft es auch? Das Gutachten, das Gesundheitsminister Spahn nach der Schelte des Bundesrechnungshofs in Auftrag gab, stellt „einen auffallenden Mangel an Belegen aus wissenschaftlichen Untersuchungen“ fest.

Die gute Nachricht ist, dass wir uns vor überzogenen Arztrechnungen und unnötigen Extras schützen können. Aber wir müssen uns selbst darum kümmern. Wem die „Standardversorgung“ genug ist, die auch die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung ausnahmslos als „zweckmäßig und ausreichend“ bezeichnet, muss das seinem Zahnarzt klarmachen. Verbraucherschützer raten außerdem dazu, grundsätzlich einen schriftlichen Kostenvoranschlag einzuholen und Selbstzahlervereinbarungen niemals sofort zu unterschreiben.

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Es kann sich lohnen, vorab die Krankenkasse zu fragen, ob die vorgeschlagene Behandlung medizinisch sinnvoll ist. Außerdem hat jeder Patient Anspruch auf eine Zweitmeinung. Und selbst wenn die Rechnung nach abgeschlossener Behandlung auf dem Tisch liegt, ist es noch nicht zu spät: In vielen Bundesländern bieten die Zahnärztekammern eine kostenlose Rechnungsprüfung an. Das alles ist ein bisschen mühsam. Aber viel besser, als sich über die Zahnarztrechnung einfach nur zu ärgern.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Balzter, Sebastian
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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