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Hohe Energiepreise

In Deutschland steigt die Energiearmut

 - 15:05
Strom dürfte für viele deutsche Verbraucher noch teurer werden. Bild: dpa

Die Energieverbraucher haben ein turbulentes Jahr 2018 hinter sich. Das Niedrigwasser des Rheins trieb die Benzin- und Dieselpreise im Süden und Westen der Republik auf rekordverdächtige Höhen. Beim Erdgas gab es nach Jahren des Rückgangs eine Preiswende. Die Heizöl-Kunden mussten im Oktober und November so hohe Preise bezahlen wie seit vier Jahren nicht mehr. Und für das nächste Jahr haben zahlreiche Gas- und Stromversorger Preiserhöhungen angekündigt.

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Auf der anderen Seite müssen deutsche Verbraucher aber einem Medienbericht zufolge auch in diesem Jahr hunderte Millionen Euro für ungenutzten Ökostrom bezahlen, der nicht in die Stromnetze eingespeist wurde. „Es werden auch im Jahr 2018 Entschädigungszahlungen von Netzbetreibern an die Erneuerbaren-Energie-Anlagenbetreiber erwartet“, sagte ein Sprecher der Bundesnetzagentur der „Augsburger Allgemeinen“ (Dienstagsausgabe). Demnach stiegen die entsprechenden Ansprüche der Anlagenbetreiber allein im ersten Quartal dieses Jahres um über 60 Prozent.

Im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum kletterten die Entschädigungsansprüche laut Bundesnetzagentur von 142 Millionen Euro auf 228 Millionen Euro, weil vor allem bei kräftigen Küstenwinden die Netzkapazität nicht ausreichte, um den produzierten Ökostrom abzutransportieren. Bereits in den vergangenen Jahren waren die Entschädigungsansprüche stark gewachsen, schreibt die „Augsburger Allgemeinen“. Im Jahr 2017 waren es laut Bundesnetzagentur 610 Millionen Euro, 2016 waren es noch 373 Millionen Euro.

14.000 mehr Stromsperren als im Jahr zuvor

Bei vielen Verbrauchern macht sich daher das Gefühl breit, dass Energie stetig teurer wird. Verbraucherzentralen und Sozialpolitiker warnen vor „Energiearmut“. Wegen unbezahlter Rechnungen wurde im vergangenen Jahr fast 344.000 Haushalten in Deutschland zeitweise der Strom abgestellt, das waren 14.000 mehr Stromsperren als im Jahr zuvor, berichtet die Bundesnetzagentur.

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Angedroht wurden Stromsperren sogar 4,8 Millionen Verbrauchern. „Diese Drohung trifft immer Haushalte, die in einer prekären Lage sind und deren Verschuldungsrisiko hoch ist“, sagt Christoph Strünck, Politik-Professor an der Universität Siegen und Autor einer Studie zu dem Thema. „Von der Energieversorgung abgeschnitten zu sein, ist die härteste Form von Energiearmut.“ Doch stimmt die These, dass die Energiekosten stärker angestiegen sind als die Preise für die allgemeine Lebenshaltung?

Ein genauerer Blick auf die Preis- und Kostenentwicklung für die privaten Haushalte offenbart, dass die Entwicklung weniger dramatisch ist als sie sich anfühlt. So mussten die Verbraucher im Jahr 2017 im Durchschnitt 57,03 Euro für 100 Liter Heizöl bezahlen. Zehn Jahre zuvor waren es 58,63 Euro. Aktuell sind wir wieder in einer Phase höherer Preise, wie schon ab 2010. Das Heizöl kostet rund 72 Euro.

Der Erdgas-Preis stieg im Zehn-Jahres-Zeitraum bis 2017 von 6,51 auf 6,64 Cent je Kilowattstunde. Seitdem ist er gesunken, wird aber im nächsten Jahr wieder etwas anziehen. Das ist unter dem Strich fast Preisstabilität. Und auch die Preise für Benzin und Diesel bewegten sich nicht viel.

Nur in Dänemark ist der Strom noch teurer

Klar teurer geworden ist lediglich der Strom, dessen Preis von 20,15 Cent je Kilowattstunde im Zeitraum von zehn Jahren auf 29,82 Cent kletterte. Strom hat sich stärker verteuert als die Einkommen gestiegen sind - im wesentlichen eine Folge der Energiewende. Die Stromkosten sind auch im internationalen Vergleich sehr hoch. Nur in Dänemark ist der Strom noch teurer.

Insgesamt gibt ein Haushalt in Deutschland 232 Euro im Monat für Energie aus, nach den letzten dazu vorliegenden Zahlen von 2017. Das entspricht einem Anteil von 6,4 Prozent an den Konsumausgaben eines Haushalts, wie vor 15 Jahren. Dieser Anteil liegt in der Regel um die sieben Prozent. Nur in zwei besonders teuren Energiejahren 2012 und 2013 erreichte er 8,0 Prozent. Das deutet darauf hin, dass die Belastung der Haushalte mit Energiekosten relativ stabil ist.

Um Geld zu sparen, könnten die Haushalte weniger Energie verbrauchen. Doch das ist ihnen nicht besonders gut gelungen. Zwar ging der Energieaufwand für das Wohnen von 2010 bis 2017 um neun Prozent zurück, doch ist das im wesentlichen auf die oft milden Winter zurückzuführen. Bereinigt um die Temperaturen betrug der Rückgang nur ein Prozent. Beim Strom wurden sparsame Geräte oder Leuchtmittel durch die Aufrüstung der Haushalte mit weiteren Elektrogeräten aufgefangen, vom Saugroboter bis zum Tablet.

Was die Verbraucher stresst

Und technischer Fortschritt in der Motorentechnik führte nicht zu geringerem Spritverbrauch der Gesamtflotte, weil sich viele Autofahrer für PS- und hubraumstarke Modelle entscheiden, die dann wieder einen höheren Verbrauch verursachen. Die durchschnittlichen Kraftstoffkosten für eine Strecke von 100 Kilometern betrugen zuletzt 6,33 Euro, so viel wie 2001 oder 2002. Der gesamte Energieverbrauch der privaten Haushalte lag im Jahr 2000 mit 88,2 Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten (tSKE) nur wenig höher als 2017 mit 82,9 Millionen tSKE.

Was die Verbraucher stresst, ist weniger ein langfristiger kontinuierlicher Anstieg als vielmehr heftige Schwankungen der Energiepreise, und die kommen vom Ölmarkt. „Öl ist immer ein Trendsetter für die Märkte“, sagt Rainer Wiek vom Energie-Informationsdienst EID in Hamburg. Und es dient selbst als Ausgangsstoff für Benzin, Heizöl und Diesel. So waren die Jahre von 2010 bis 2013, als das Rohöl zeitweise mehr als 120 Dollar kostete, für die Verbraucher die härteste Zeit. Aktuell liegt der Ölpreis halb so hoch bei 60 Dollar.

Quelle: AFP/dpa
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