Aktienanlage

Alte Favoriten sind neue Favoriten

Von Martin Hock
14.09.2021
, 15:10
Der Sieger im St. Leger-Rennen: Jockey William Buick auf „Hurricane Lane“ and
Im Mai verkaufen, im September zurückkommen, lautet eine alte Börsendevise. Ob das sinnvoll ist, daran scheiden sich die Geister. Aber die Beschäftigung damit lehrt viel über die Börse.

Und wieder ist September. Wieder einmal ist in Großbritannien die Rennsaison für dreijährige Vollblutpferde zu Ende gegangen. Für die Börse ein ganz wichtiges Datum, denn nun ist es Zeit, wieder Aktien zu kaufen – bis zum nächsten Mai.

„Sell in May and go away / come back on St. Leger's day“, heißt das Motto, das historisch dafür steht, dass die vermögende britische Elite des 19. und frühen 20. Jahrhunderts London und die Börse für die Dauer der Rennsaison verließen. Startschuss für diese ist traditionell Anfang Mai mit dem „2000 Guineas“-Rennen in Newmarket nahe Cambridge. Saison-Abschluss sind die St Leger Stakes in Doncaster, die diesmal am 12. September stattfanden.

Schon seit einigen Jahren beobachtet FAZ.NET die Entwicklung der Aktienkurse zwischen dem St. Leger's Day und den 2000 Guineas. Und dabei haben sich einige Aktien herausgeschält, die seit nunmehr 2004/2005 immer zu den Gewinnern gehört haben.

Rekordanteil von Gewinnern

Nachdem im Vorjahr die Corona-Pandemie dafür sorgte, dass das Feld der Gewinner-Aktien deutlich kleiner ausfiel, fällt die Bilanz diesmal entsprechend besser aus. 52 Prozent der Aktien wiesen seit dem St. Legers-Rennen 2020 bis zu den 2000 Guineas 2021 eine positive Wertentwicklung auf – ein neuer Rekordwert seit 2004.

Auch die Zehn-Jahres-Bilanz hat sich verbessert. 123 Aktien und damit rund 60 Prozent mehr wie vor Jahresfrist hätten in den vergangenen zehn Jahren - hätte man sie nach dem St. Legers-Rennen gekauft und vor den „2000 Guineas“ abgestoßen - jedes mal einen positiven Ertrag gebracht. Das ist weniger als 1 Prozent, ein exklusiver Kreis, dessen Mitgliederzahl stark schwankt: 2017/2018 zählte er 42 Zugehörige, 2018/19 waren es 210.

Nachdem die Corona-Pandemie im vergangenen Jahr die Liste der „Ewigen Besten“ stark ausgedünnt hatte, ist sie diesmal konstant geblieben. Weiter sind es dieselben fünf Aktien, die auch diesmal einen positiven Gesamtertrag brachten: Zwei aus China, eine aus Italien und zwei aus Deutschland. Das ist neben dem Rückversicherer Munich Re unverdrossen der Hersteller von Personalmanagement-Software, Atoss.

Dieser steigerte seinen Umsatz im vergangenen Jahr um 20 Prozent auf die immer noch bescheidene Größe von 86 Millionen Euro. Allerdings wächst er auch seit 16 Jahren und die Margen erreichten 2020 wieder einen Rekordwert. Auch das erste Halbjahr verlief sehr gut. Seit 2003 zahlt man jährlich steigende Dividenden, ungefähr alle drei Jahre gab es dazu eine üppige Sonderausschüttung. Die aktuelle Rendite ist mit weniger als 1 Prozent nicht hoch. Insgesamt aber ist das kleine Unternehmen anscheinend so attraktiv, dass es auf eine Marktkapitalisierung von fast 1,5 Milliarde Euro bringt, was fast schon für den M-Dax reichen würde. Großaktionär ist mit einem Anteil von etwas mehr als 51 Prozent die Gründerfamilie Obereder, die damit ihren Anteil seit 2020 ein wenig verringert hat.

Neben Atoss und der Münchener Rück gehören der italienische Energieversorger Terna, der taiwanesische Halbleiterkonzern Taiwan Semiconductor sowie die chinesische Internet-Holding Tencent zu den fünf Besten. Gerade um diese muss man sich allerdings Sorgen machen. Seit Anfang Mai ist der Kurs aufgrund des harten Vorgehens der chinesischen Führung gegen die Internetkonzerne des Landes um 25 Prozent gefallen. Gut für den der hier das „Sell in May“ beherzigt hatte.

Wer im September 2004 erstmals für je 1000 Euro Aktien dieser fünf Unternehmen gekauft hätte, sich jedes Mal im Mai davon getrennt und im September den Erlös wieder in dieselben Werte investiert hätte, hätte zum 1. Mai dieses Jahres auf ein Portfolio von fast 220.000 Euro blicken können. Das entspricht einer jährlichen Durchschnittsrendite von immerhin rund 25 Prozent, die aber zur Hälfte Atoss und zu einem Drittel Tencent zu verdanken wäre. Rechnet man Gebühren für Kauf und Verkauf ein, so sieht man das Ergebnis der Börsenregel „Hin und her macht die Taschen leer“ – das Kaufen und Verkaufen kostet rund 10 Prozent des Ertrags.

Und nicht nur das: Wer die Aktien stattdessen einfach behalten hätte, hätte es auf einen Depotwert von mehr als einer Million Euro gebracht. Das liegt zu 85 Prozent an Tencent, dessen Aktien im September 2004 für wenige Cent zu haben waren, im Mai 2021 aber mehr als 66 Euro kosteten. Aufgegangen wäre die „Sell-in-May-Strategie“ nur bei der Münchener Rück, mit der man gut 84 Prozent mehr verdient hätte. Die macht aber wiederum an dem Portfolio nur 5 Prozent aus.

Bessere Zeit als der Jahresanfang

Unwillkürlich fragt man sich aber – was ist dran an den Pferderennen? Nun vergleicht man den Zeitraum von Jahresbeginn bis zum Bernhardstag, dem 20. August, der die gleiche Länge hat wie die Zeit zwischen den Rennsaisons, so schneidet dieser deutlich schlechter ab: Die 10-Jahres-Liste enthält nur 77 Unternehmen. Immerhin 16 überschneiden sich mit der „Pferderennenliste“ – nur die fünf ewig besten sind nicht dabei. Offenbar ist die Saisonalität eine andere. Und der Zeitraum bis zum Bernhardstag kennt nur einen Dauergewinner: Das ist Church & Dwight, ein amerikanischer Hersteller von Haushaltswaren wie Zahncreme und Reinigungsmittel. Die Aktie hat den Gesamtertrag einer Anlage im S&P-500-Index seit 2001 im Jahresdurchschnitt um fast zehn Prozentpunkte übertroffen, lief aber zuletzt eher schwach. Ob das alles nun viel über den Zeitraum zwischen den Pferderennen aussagt? Eher nicht.

Hohe Chancen, wie die britische Oberschicht Börsengewinne beim Pferderennen zu vergrößern, gab es auch am vergangenen Samstag bei den St. Leger Stakes. Wer auf einen Sieg des Außenseiters „Fernando Vichi“ gesetzt hätte, hätte je nach Buchmacher bis zum 50-fachen seines Einsatzes gewinnen können. Hätte können, denn der Galopper kam nicht recht aus der Box und wurde am Ende Siebter. Stattdessen setzte sich der Favorit „Hurrican Lane“ durch. Dafür gab es dann nur 80 Pence für jedes gesetzte Pfund.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hock, Martin
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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