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Geldanlage

Die Tücken der Dividenden

Von Dennis Kremer
 - 11:50
Symbole am Aktienmarkt: Bär und Bulle

Das Wort „Dividende“ hat es unter Anlegern zu einiger Berühmtheit gebracht. Eine Entwicklung, die so nicht abzusehen war. Schließlich handelt es sich um ein Fremdwort aus einer Welt, der viele Deutsche mit Zurückhaltung oder gar mit Skepsis gegenüberstehen: der Finanzwelt.

Doch das Interesse an Dividenden – also an den jährlichen Ausschüttungen der Aktiengesellschaften an ihre Aktionäre – hat von Jahr zu Jahr zugenommen. Dies hat mit einer Entwicklung zu tun, die selbst all jene mitbekommen haben, die sich sonst wenig für Geldanlage interessieren: Die Zinsen im Euroraum notieren nun schon seit Jahren nahe null Prozent. Wer auf klassische Weise sparen will, kommt damit nicht weit. Die Ausschüttungen der Unternehmen an ihre Aktionäre dagegen haben zuletzt von Jahr zu Jahr neue Rekordhöhen erreicht, was viele dieser Dividendenaktien mit einem Mal auch für ganz normale Sparer attraktiv machte.

Die Finanzbranche sah ihre Chance gekommen und tat alles dafür, den Dividendenboom zu stützen: Mit Slogans wie „Die Dividende ist der neue Zins“ machte die Branche Werbung für ihre Dividendenfonds, und zwar mit durchschlagendem Erfolg. So ist beispielsweise der Fonds DWS Top Dividende mit einem verwalteten Vermögen von fast 21 Milliarden Euro zu einem der größten Fonds Europas geworden. Auch viele Deutsche haben ihr Geld dort angelegt.

Machen Dividenden das Depot verlässlicher?

Was aber ist wirklich dran an dem Versprechen, dass Dividenden das Depot verlässlicher machen? Leider weniger als gedacht. Dies hat nicht nur mit der im Prinzip trivialen Einsicht zu tun, dass die Dividende natürlich nicht der neue Zins ist – die Gleichsetzung ist Humbug. Denn anders als bei den Zinsen einer Anleihe ist ein Unternehmen nicht verpflichtet, Geld an seine Aktionäre auszuschütten. Auch wenn viele Firmen sich bemühen, jedes Jahr mehr zu zahlen als im Vorjahr, gibt es dafür keine Garantie. Außerdem handelt es sich auch bei Dividendenaktien selbstverständlich um Aktien, was bedeutet: Ihr Kurs kann derart stark fallen, dass selbst die schönste Ausschüttung nicht weiterhilft.

Diese allgemeine Erkenntnis geht mit einer unangenehmen Feststellung einher. Erstmals seit 2015 werden die Ausschüttungen im Dax aller Voraussicht nach wieder sinken, einen neuen Dividendenrekord wird es für die Dax-Konzerne nicht geben (siehe Grafik). Stattdessen erwartet die Commerzbank bei den nun anstehenden Zahlungen für das abgelaufene Geschäftsjahr einen Wert von 37,2 Milliarden Euro. Das wäre zwar immer noch der zweithöchste Wert aller Zeiten, zeigt aber auch: Wer mit Dividendenaktien Geld verdienen will, muss viel genauer hinschauen als früher.

Warum das so ist, lässt sich wunderbar an den Entwicklungen im Dax verdeutlichen. „Der Strukturwandel, den viele Branchen gerade erleben, macht sich auch in der Ausschüttungspolitik der Unternehmen bemerkbar“, sagt Commerzbank-Analyst Andreas Hürkamp. In der Tat: Der Daimler-Konzern, jahrelang der Rekordzahler im Dax, wird seine Ausschüttungen drastisch senken. Auch beim Autokonzern BMW sowie beim Zulieferer Continental ist mit Dividendenkürzungen zu rechnen, wenn auch nicht im gleichen Ausmaß wie bei Daimler.

Rund 500 Millionen Euro weniger wird die Deutsche Telekom ihren Aktionären zahlen, was Telekom-Chef Timotheus Höttges auch mit den hohen Investitionen in die 5G-Technologie begründet. Auf 60 Cent statt 70 Cent Ausschüttung je Aktie müssen sich die Anleger einstellen. Ein anderes Problemunternehmen verzichtet für das vergangene Geschäftsjahr sogar völlig auf jede Ausschüttung: Nach dem Milliardenverlust 2019 zahlt die Deutsche Bank als einziger Dax-Konzern gar keine Dividende.

Aber sind deswegen Firmen die bessere Wahl, die höhere oder mindestens gleichhohe Dividenden wie im Vorjahr zahlen werden? Nur auf den ersten Blick. Das zeigen die Beispiele der beiden Chemiekonzerne Covestro und BASF. Covestro hält die Ausschüttung aller Voraussicht nach konstant, BASF wird sie wohl sogar um rund 100 Millionen Euro erhöhen. Anders als man vermuten könnte, handelt es sich dabei aber keineswegs um ein Zeichen besonderer Stärke. BASF-Chef Martin Brudermüller hat sich gegenüber den Aktionären zu stetig steigenden Dividenden bekannt, kämpft aber gleichzeitig mit deutlich fallenden Gewinnen. Diese Zwickmühle könnte dazu führen, dass BASF rund 90 Prozent seines Gewinns an die Aktionäre ausschütten wird. Nicht wenige Fachleute halten das in dieser Höhe für ungesund. Üblicherweise liegen die Ausschüttungsquoten von Unternehmen zwischen 40 Prozent und 60 Prozent.

Covestro zahlt zwar insgesamt deutlich weniger als BASF, kann aber fast als Paradefall für die Tücken gelten, die mit einer anderen Kennzahl einhergehen, auf die viele Dividenden-Fans schauen: die Dividendenrendite. Sie setzt den aktuellen Aktienkurs eines Unternehmens ins Verhältnis zu dessen Ausschüttungen. Eine hohe Dividendenrendite sieht darum zunächst einmal verführerisch aus, Covestro schlägt hier mit einem Wert von derzeit 6,2 Prozent alle anderen Dax-Konzerne.

Tückische Dividendenrendite

Doch das Tückische an dieser Kennzahl ist: Sie kann auch dann hoch sein, wenn der Aktienkurs einer Firma fällt, die Ausschüttung aber auf konstantem Niveau bleibt. Genau dies ist bei Covestro der Fall, der Aktienkurs hat sich seit Anfang 2018 mehr als halbiert. Ähnlich gelagert ist die Sache bei der Lufthansa, die mit einer Dividendenrendite von 5,3 Prozent gleich dahinter kommt, gefolgt von BASF. Beim größten Dividendenzahler im Dax, dem Versicherungskonzern Allianz, geht die Erhöhung der Ausschüttungen auf voraussichtlich 3,9 Milliarden Euro dagegen mit steigenden Firmen- und Kursgewinnen einher. Die Zahlung erfolgt also nicht aus der Substanz.

Ähnliches gilt auch für den Volkswagen-Konzern, der überraschenderweise als einziger Autokonzern im Dax seine Zahlungen an die Aktionäre ebenfalls erhöht hat, auch dank robuster Geschäftsergebnisse im Jahr 2019. Anleger, die die Wahl zwischen VW und Allianz haben, sollten sich unter Dividendengesichtspunkten dennoch für die Allianz-Aktie entscheiden. Denn der Versicherungskonzern kann sich mit einem Titel schmücken, für den die sonst so sachlichen Analysten einen Begriff aus der Welt des Adels heranziehen – die Allianz-Aktie ist ein sogenannter Dividendenaristokrat. Jeder definiert diesen Begriff ein wenig anders, aber als Mindestanforderung gilt: Das Unternehmen muss in den vergangenen zehn Jahren die Höhe seiner Ausschüttungen mindestens stabil gehalten haben. Hinzu kommt, dass auch wichtige Bilanzkennzahlen in die richtige Richtung zeigen müssen. Nach Ansicht der DZ Bank verdient beispielsweise der Baustoffkonzern Heidelberg Cement (zehn Erhöhungen in den vergangenen zehn Jahren) diese Auszeichnung. Zu den verlässlichen Zahlern gehören aber auch der Versicherungskonzern Munich Re oder die Gesundheitsfirmen Fresenius und Fresenius Medical Care.

Diese Auswahl verdeutlicht aber zugleich die Schwierigkeit, die mit einer Dividendenstrategie üblicherweise einhergeht: „Unternehmen, die stark wachsen, zahlen in den meisten Fällen keine Dividende“, sagt Christian Kahler, Chefaktienstratege der DZ Bank. Das zeigt sich exemplarisch an den derzeit wohl erfolgreichsten Aktien der Welt, den Technologiewerten. Weder der Online-Händler Amazon oder die Google-Muttergesellschaft Alphabet noch der Streamingdienst Netflix oder Facebook schütten Geld an ihre Anleger aus. Wer sich also sein Portfolio rein aus Dividendenaktien zusammenstellen möchte, muss auf solche Firmen verzichten.

Was aber tun diese Dividendenverweigerer mit ihren Gewinnen? Entweder investieren sie sie wie im Fall von Amazon nahezu vollständig in den Ausbau des eigenen Geschäftes, was Analysten eigentlich am liebsten haben. Oder sie kaufen mit dem Geld eigene Aktien zurück. Solche Aktienrückkaufprogramme sind in Deutschland noch immer unüblich und werden oft als eine Art Taschenspielertrick betrachtet. Durch den Rückkauf sinkt logischerweise die Zahl der ausstehenden Aktien eines Unternehmens. Rein rechnerisch erhöht sich so der Gewinn je Aktie – eine wichtige Kenngröße für Finanzanalysten. Auch wenn es manchem merkwürdig vorkommen mag, haben verschiedene Studien gezeigt: Unternehmen, die hierbei klug vorgehen, gelingt es, ihre Aktienkurse dauerhaft zu erhöhen. Jede Dividendenzahlung dagegen führt im Moment der Ausschüttung zunächst einmal zu einem Kursabschlag.

Trotzdem stimmt es, dass viele Dividendenaktien weniger im Kurs schwanken. Wer im Vertrauen darauf auf kostengünstige Dividenden-Indexfonds (ETFs) setzt, könnte aber enttäuscht werden: Die Dividendenvariante des Dax beispielsweise, der Div-Dax, wählt Aktien anhand des problematischen Kriteriums der Dividendenrendite aus. Klassische Fonds wie der DWS Top Dividende sind zwar solide, müssen aber mit einer unangenehmen Wahrheit zurechtkommen. Sie haben sich im Vergleich zum Weltaktienindex MSCI World in den vergangenen fünf Jahren schlechter entwickelt als Aktien im Allgemeinen.

So attraktiv Dividenden erscheinen mögen: Im Umgang mit ihnen ist höchste Vorsicht geboten.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kremer, Dennis
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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