Dividenden

Weniger Ausschüttungen von Europas Unternehmen

Von Markus Frühauf
17.07.2020
, 18:18
Vorderseite der Wall Street: An der amerikanischen Börse dominieren Technologieunternehmen wie Apple, Amazon oder Google-Konzern Alphabet.
Europäische Unternehmen müssen in der Corona-Krise Ausschüttungen stärker kürzen als amerikanische. Das liegt an den Technologieunternehmen in den Vereinigten Staaten.
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Europäische Unternehmen werden wegen der Corona-Krise ihre Dividenden stärker kürzen als amerikanische. Zu diesem Ergebnis kommt Michael Bissinger, Analyst der DZ Bank, in seiner aktuellen Studie zu den Gewinnausschüttungen der Aktiengesellschaften. Seit Jahresbeginn seien die Ausschüttungserwartungen in Europa für das laufende Geschäftsjahr um rund 25 Prozent reduziert worden. Dagegen liegen sie in den Vereinigten Staaten auf nahezu unverändertem Niveau.

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Für diese Entwicklung macht Bissinger den strukturellen Nachteil der europäischen Wirtschaft verantwortlich. Die Sektorzusammensetzung sei in Europa viel stärker auf „alte“ Branchen ausgerichtet, während in den Vereinigten Staaten die Technologie dominiere. Darunter fallen Informationstechnologie und Kommunikation, zu denen der iPhone-Hersteller Apple oder die großen Internetkonzerne wie die Google-Muttergesellschaft Alphabet, der Online-Händler Amazon oder der Softwareanbieter Microsoft zählen.

Diese Unternehmen schütteten am meisten aus und hätten zudem ihre Dividenden am stärksten angehoben. Dagegen spielten diese Bereiche in Europa nur eine untergeordnete Rolle. Hier hätten die Industrieunternehmen ihre Dividenden seit dem Jahr 2003 am stärksten angehoben. Doch diese leiden unter der Corona-Quarantäne und der Rezession nun am meisten.

Ausschüttungssperre für Banken

Hinzu kommt nach Angaben von Bissinger, dass die europäische Bankenaufsicht den Instituten von Dividendenzahlungen abgeraten hat. Dies kommt einem Ausschüttungsverbot gleich. Und es zeichnet sich ab, dass die Aufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) die bis Oktober geltende Empfehlung bis zum Jahresende verlängern wollen. Zudem hätten nach Beobachtung von Bissinger die Finanzwerte vom Jahr 2009 an, also nach der Finanzkrise, die Dividendenentwicklung in Europa belastet.

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In Europa schütteten die Finanzwerte aktuell weniger aus als im Jahr 2003, in den Vereinigten Staaten dagegen deutlich mehr. Das spiegelt sich auch in den deutlich höheren Börsenwerten amerikanischer Banken, deren Ertragskraft die der europäischen Wettbewerber deutlich übertrifft. Allerdings mussten im ersten und zweiten Quartal die großen Wall-Street-Häuser wie JP Morgan oder Citigroup der Corona-Krise Tribut zollen und hohe Milliardenbeträge für Kreditausfälle zurückstellen.

Das droht auch in Europa, weshalb die Aufseher hier neben der Dividendensperre den Banken auch Erleichterungen bezüglich der Eigenkapitalanforderungen eingeräumt haben, damit diese eine Erholung der Wirtschaft mit Krediten unterstützen können.

Die amerikanischen Unternehmen haben auf die Corona-Krise in einem ersten Schritt mit dem teilweisen Stopp ihrer Aktienrückkaufprogramme reagiert. Diese sind in Europa weniger verbreitet, weshalb hier eher Dividenden gestrichen oder gekürzt werden. Im Blick über den Atlantik setzt Bissinger aber ein Fragezeichen, weil die Ausbreitung des Coronavirus in den Vereinigten Staaten noch immer nicht unter Kontrolle sei und die täglich neuen Fälle zuletzt Höchststände markiert hätten. Daher bleibe fraglich, ob sich die amerikanischen Börsen weiterhin so stark von Europa abkoppeln könnten.

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Einige Unternehmen in Europa haben schon ihre Dividende für das vergangene Geschäftsjahr 2019 ausfallen lassen oder gesenkt. Im Stoxx 600, dem breiten Index für 600 europäische Unternehmen, sind die Dividenden für 2019, die in diesem Jahr ausgeschüttet wurden oder noch werden, um rund ein Fünftel gesunken. Im Euro Stoxx 50, dem die 50 größten Werte des Euroraums angehören, waren es sogar 22 Prozent. Dagegen sind die Dividenden für das Jahr 2019 im breiten amerikanischen Aktienindex S&P 500 um 7 Prozent gestiegen. Bissinger erwartet von der nun beginnenden Berichtssaison für das zweite Quartal neue Einblicke, wie stark die Corona-Krise die Unternehmen belastet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Frühauf, Markus
Markus Frühauf
Redakteur in der Wirtschaft.
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