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Geld abheben

Die Ladenkasse wird zur Bankfiliale

Von Thomas Klemm
Aktualisiert am 23.01.2017
 - 10:20
„Darfs noch ein bisschen Bargeld sein?“. Die Gespräche an der Supermarktkasse dauern jetzt wieder länger. Bild: Stefanie Silber
In immer mehr Supermärkten können Kunden kostenlos Bargeld abheben. Auch Geld einzahlen ist jetzt möglich. Bisher gibt es dafür aber eine Bedingung.

Es ist noch nicht lange her, da verlief ein Gespräch an der Supermarktkasse sehr kurz und bündig. Erst grüßte die Kassiererin (oder der Kassierer) den Kunden, erledigte dann stumm die Arbeit, nannte nach dem Einscannen der Artikel den zu zahlenden Betrag und wünschte am Ende „einen schönen Tag noch“ oder Ähnliches. Danach kam der nächste Kunde an die Reihe, die Routine begann von vorne. Inzwischen sind die Damen und Herren an der Ladenkasse ein wenig gesprächiger geworden, ohne sich gleich auf ein Schwätzchen einzulassen wie ihre Kollegen in den Tante-Emma-Läden oder Kiosken, an deren Kassen sich keine Schlangen ungeduldiger Kunden bilden. Aber die Supermarktangestellten lassen viele Kunden nicht mehr gehen, ohne noch die Frage loszuwerden: „Wollen Sie auch Geld abheben?“

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Diese Frage wird häufiger gestellt, seit es in Deutschland immer mehr Supermärkte, Discounter, Baumärkte und Tankstellen gibt, die dem Kunden anbieten, neben dem Einkauf auch noch Geld vom Girokonto abzuheben. An den 25000 Kassen der Rewe-Gruppe ist dies schon seit Jahren kostenlos möglich. Seit einem Monat gehört auch Aldi-Süd mit seinen insgesamt 7500 Kassen zu den Anbietern.

Weniger strenge Regeln für Einzelhändler

Durch Aldis Einstieg ist das Netz von rund 50000 Ladenkassen, an denen Abhebungen bis zu 200 Euro je Einkauf möglich sind, inzwischen fast so dicht wie jenes der Geldautomaten. Auch das Verfahren, um an Geld zu kommen, ist in beiden Fällen das gleiche: Nötig ist eine Girokarte (früher als EC-Karte bekannt) und die Eingabe der PIN. Rewe, Aldi, Netto und Co. werden damit zu einer kleinen Bankfiliale. Allerdings müssen die Einzelhändler nicht so strenge Auflagen erfüllen wie Banken: Schließlich geben sie ja nur Bargeld aus.

Der Unterschied für den Kunden ist, dass er bei Aldi-Süd oder in den Märkten der Rewe-Gruppe, wozu auch der Discounter Penny und die Baumarktkette Obi gehört, für mindestens 20 Euro einkaufen muss, um Geld abheben zu können. Dieser Mindesteinkaufswert ist, ebenso wie der Höchstbetrag von 200 Euro je Abhebung, von der deutschen Kreditwirtschaft vorgegeben.

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Reine Dienstleistung für die Kunden?

Obwohl die Frage nach dem Geldabheben in vielen Läden üblich geworden ist, reagieren viele Kunden noch verhalten, mitunter sogar perplex. Ein Supermarkt, der nicht nur Geld entgegennimmt, sondern auf Wunsch auch ausgibt? Das klingt doch sehr danach, als ob Rewe, Aldi-Süd und all die anderen ihr Bargeld unbedingt loswerden wollen. Es ist ja auch von Vorteil, wenn die Kasse möglichst leer ist. Zum einen wird das zeitraubende Zählen der Geldscheine nach Ladenschluss verkürzt, zum anderen muss der Einzelhändler weniger Geldkassetten füllen, um sie von einem Sicherheitsunternehmen abtransportieren zu lassen.

Bieten die Supermärkte das Geldabheben also an, um sich die immer teurer werdende Bargeldentsorgung so gut wie möglich zu ersparen? Nein, sagen die Einzelhändler einhellig und behaupten, es gebe keinen anderen Grund als den guten Dienst am Kunden. Aldi-Süd erklärt, es wolle seinen Kunden eine Zeitersparnis bieten, weil sie zum Geldabheben nicht mehr zusätzlich zum Geldautomaten oder in eine Bankfiliale gehen müssten. Somit passe das Angebot zum „Einfach-Prinzip“ des Discounters. Auch Rewe hebt hervor, dass es sich um nicht mehr handelt als eine Dienstleistung für den Kunden, der sich an der Kasse „quasi nebenbei“ mit Bargeld versorgen wolle.

Geldtransport wird für Einzelhändler nicht billiger

Diesen Service lassen sich die Supermärkte einiges kosten. Im Schnitt muss ein Einzelhändler 0,2 Prozent des Umsatzes an seinen Zahlungsdienstleister abführen, der jede Transaktion per Karte im Hintergrund abwickelt. Je höher der Betrag, den ein Kunde bezahlt oder abhebt, desto mehr muss der Supermarkt bezahlen. Wenn ein Kunde beispielsweise für 50 Euro einkauft und dazu noch 100 Euro abhebt, kostet es den Supermarkt durchschnittlich 30 Cent.

„Das ist wesentlich mehr, als ein Einzelhändler für den Abtransport eines 100-Euro-Scheins zahlen muss“, sagt Ulrich Binnebößel, Zahlungsexperte des Handelsverbandes Deutschland (HDE). Der Geldtransporter müsse in jedem Falle täglich vorbeikommen, da wird es erst mal nicht billiger, wenn er ein paar Scheine weniger mitnimmt. Erst wenn der Supermarkt so gut wie kein Bargeld mehr annimmt, was in Deutschland in naher Zukunft unvorstellbar ist, würden die Kosten für Bargeldtransport tatsächlich spürbar sinken.

Neue Kunden anlocken

Trotz aller Beteuerungen geht es beim sogenannten Cashback an der Ladenkasse aber trotzdem um mehr als bloße Kundenfreundlichkeit. Die Supermärkte setzen darauf, mittelbar von ihrem Angebot zu profitieren: Zum einen, indem die Kunden verleitet werden, mehr Waren einzukaufen als eigentlich geplant, um den Betrag von 20 Euro zu erreichen und somit Geld abheben zu können.

Dadurch würde der Umsatz des Supermarktes steigen. Zum anderen setzen die Läden darauf, neue Kundschaft anzulocken; nämlich all jene, denen der Gang zum Geldautomaten ihrer Bank zu weit ist und die stattdessen lieber den näher gelegenen Supermarkt ansteuern und neben dem Geldabheben auch gleich einkaufen. Zumal beispielsweise Rewe-Läden in den Großstädten oft bis 22 Uhr, mitunter gar bis 24 Uhr geöffnet haben und selbst zur späten Stunde belebter sind als ein Geldautomat in einem dunklen Straßenzug.

Angebot wird immer öfter wahrgenommen

Die sich langsam verändernde Bezahlweise hierzulande spricht eigentlich dafür, dass der Service der Supermärkte gut ankommen müsste. Schließlich zücken die Deutschen an der Ladenkasse bei Beträgen über 20 Euro immer öfter ihre Girokarte. Von den Supermärkten ist auch zu hören, dass immer mehr Leute das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden und Einkauf und Geldabheben in einer Tour erledigen. Doch wie viele Kunden zu welcher Zeit welchen Betrag abheben, daraus machen die Ketten wie Rewe ein großes Geheimnis. Reine Vorsichtsmaßnahme, lautet die Begründung. Andernfalls ließe sich darauf schließen, wie viel Bargeld in ihren Ladenkassen liegt.

Dass das Geldabheben im Supermarkt noch längst kein Massenphänomen ist, merkt jeder, der nur ein paar Minuten in der Schlange steht. Den Eindruck kann der Handelsverband nur bestätigen. In einer Umfrage unter seinen Mitgliedern hat der HDE herausgefunden, dass die Nachfrage tendenziell bescheiden ist: Zwei Drittel der Geschäfte berichten, dass höchstens fünf Kunden am Tag Bargeld abheben wollen. Nur in elf Prozent der Läden wird das Angebot öfter als 20 Mal täglich nachgefragt.

Deutsche vertrauen eher der Bank

Die HDE-Zahlen bestätigen, was die Bundesbank in ihren jüngsten Erhebungen herausgefunden hat: Nur acht Prozent aller Supermarktkunden würden an der Kasse auch Bargeld abheben, und das im Schnitt nur neunmal im Jahr. Warum die Deutschen so zurückhaltend sind, erst recht im Vergleich zu anderen Ländern wie Großbritannien, dafür hat die Bundesbank eine Erklärung: Es gibt hierzulande eben besonders viele Geldautomaten und trotz aller Schließungen auch immer noch genügend Bankfilialen, um an Bargeld zu kommen.

Supermarktkassen werden hingegen nur als nachrangige Alternative angesehen, „auf die im Notfall zurückgegriffen werden kann“. Was auch daran liegt, dass jeder vierte Deutsche in puncto Bargeld nur seiner Bank traut. In Supermärkten, so wird befürchtet, sei die Gefahr größer, an einen falschen Fünfziger zu geraten.

Geld abheben ist im Supermarkt für alle kostenlos

Während man in den Supermärkten für mindestens 20 Euro einkaufen muss, um Bargeld abheben zu können, ist dies an den 1300 Shell-Tankstellen hierzulande nicht nötig. Kostenlos ist das Geldabheben dort allerdings nur denjenigen möglich, deren Bank Mitglied der Cash Group ist. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Deutsche Bank, Postbank und Commerzbank. Alle anderen, die Kunde bei einer anderen Bank oder Sparkasse sind, müssen seit vergangenem November 3,95 Euro Gebühr je Abrechnung entrichten, doppelt so viel wie zuvor. Dass Banken diese sogenannten Fremdabhebungen dermaßen verteuern, sehen Supermärkte als ihre Chance: Denn bei ihnen ist das Geldabheben für jeden Kunden kostenlos, egal bei welcher Bank er ist.

An den Kassen der 5500 Geschäfte von Rewe und Penny sowie bei Real ist das Geldabheben seit neuestem auch per Smartphone möglich; allerdings nur für Kunden der beiden Internetbanken N26 oder DKB. „Diese beiden verzichten völlig auf Filialen und ermöglichen über das Start-up Barzahlen.de sogar das Einzahlen im Supermarkt“, sagt Sven Korschinowski, Zahlungsexperte bei der Beratungsgesellschaft KPMG. Der weitere Clou an der Sache: Egal, ob jemand Geld abhebt oder einzahlt – zusätzlich im Supermarkt einkaufen muss er nichts.

Geldabheben per Smartphone funktioniert noch nicht

Das ist eigentlich eine gute Idee und macht die Ladenkasse der Bankfiliale noch ein wenig ähnlicher. Allerdings ist das Verfahren mit dem Smartphone aufwendiger, als einfach die Girokarte in den Kassenterminal zu stecken und eine PIN einzugeben. Der Inhaber eines Smartphone-Kontos von N26 oder DKB muss sich nämlich zunächst in eine Banking-App einloggen, um einen Betrag zwischen 50 und 300 Euro auszuwählen.

Danach muss er den Betrag über das TAN-Verfahren bestätigen, erhält daraufhin einen Strichcode auf seinem Handy und kann damit schließlich an die Supermarktkasse gehen. Dort sollte er das Bargeld ausbezahlt bekommen, wenn er den Strichcode vorzeigt – zumindest theoretisch. Praktisch zeigt sich, dass viele Rewe-Angestellte von diesem Geldabheben per Smartphone noch nie etwa gehört haben. Was wiederum dazu führt, dass das Gespräch zwischen Kassiererin und Kunden noch länger wird als jetzt schon.

Quelle: F.A.S.
Thomas Klemm
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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