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Steigende Mieten

So teuer ist das Studentenleben

Von Jan Hauser
 - 10:54
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Hoffentlich ergeht es Studienanfängern nicht mehr so wie jenem jungen Burschen, der zum Medizinstudium in eine süddeutsche Universitätsstadt gezogen war. Gerade erst in der Stadt angekommen, bittet er immer wieder um Finanzhilfe aus der Heimat. Alle Augenblicke musste er der Mama um Geld schreiben, wofür er die abenteuerlichsten Erklärungen ausheckte, lässt Thomas Mann seine Figur Doktor Selten in der Erzählung „Gefallen“ berichten. Die erhöhten Ausgaben liegen allerdings weniger am Studieren als viel mehr an Theaterbesuchen der Liebe willen. Am Ende war der Student vor allem an Erfahrung reicher.

Um Geld dreht es sich für Studierende bis heute. Neben dem Stundenplan braucht es für die 2,8 Millionen Studenten in Deutschland den ebenso wichtigen Finanzierungsplan: Wie hoch werden wohl meine Ausgaben sein? Was brauche ich überhaupt alles? Und wie kann ich das bezahlen? So beginnt vor dem Studium das große Feilschen mit Vater und Mutter: Wie viel können und wollen sie ihren Kindern in den nächsten Ausbildungsjahren geben?

Kostenlos ist ein Studium nicht, auch wenn kein Bundesland mehr Studiengebühren verlangt. Was eine Studentenbude heutzutage in den begehrten Großstädten kostet, rückt erst zum Semesterstart auf den Schirm. Nicht wenige werden wohl sagen, dass das zu ihren Studienzeiten gänzlich anders war. In diesem Wintersemester müssen die Eltern wieder mehr Geld für ihren Nachwuchs ausgeben: Durch höhere Wohnkosten steigen die Ausgaben für das Hochschulleben seit Jahren. Nur das Fünftel der Studenten, das weiter im elterlichen Heim lebt, spart sich diese Kosten.

Wie lässt sich günstig studieren?

918 Euro im Monat erhalten die Studenten im Durchschnitt, die nicht mehr zu Hause wohnen. Das geht aus der jüngsten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2016 hervor. Von diesem Geld geben die Studenten ein Drittel für die Wohnung aus, dahinter folgt die Ernährung als nächster Ausgabeposten. So ein Student braucht einiges: Kleidung, Bücher oder das Semesterticket. Auch wird keiner mehr auf den Internetanschluss und das Smartphone verzichten. Das braucht man, um sich in digitalen Lerngruppen auszutauschen oder ein Mathe-Tutorial auf Youtube zu sehen (wenn die Eltern fragen), aber natürlich auch um nachts Netflix-Serien oder allerlei lustige Filme zu sehen (wovon die Eltern nichts erfahren). Falls noch nicht vorhanden, zählt zur Erstausstattung somit neben Bett, Schreibtisch und Kochtöpfen auch ein Laptop.

Wie lässt sich günstig studieren? Wohnheim oder Wohngemeinschaft statt eigene Wohnung, Randlage statt Innenstadt, gebrauchte Möbel statt Möbelhaus. Noch mehr aber kommt es auf den Studienort an, weil zwischen München und Magdeburg preislich Welten liegen. Doch die Wahlmöglichkeiten sind eingeschränkt, sie hängen vom gewünschten Fach und Unterschieden zwischen den Hochschulen ab. Wer beispielsweise den Mathematiker und Fields-Preisträger Peter Scholze in Bonn, den Physiker und früheren Astronauten Ulrich Walter in München oder die Künstlerin Judith Hopf in Frankfurt hören will, kann nicht woanders hinziehen.

Wichtigste Einnahmequelle für Studenten in Deutschland sind die eigenen Eltern. Nach der Sozialerhebung des Studentenwerks finanzieren Vater und Mutter bei 86 Prozent der Studenten das Studium mit und zahlen durchschnittlich 541 Euro. 61 Prozent arbeiten nebenbei und verdienen dabei im Schnitt 385 Euro im Monat, 25 Prozent bekommen staatliche Zahlungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög). Zu kleineren Teilen helfen andere Verwandte, eigene Ersparnisse oder Stipendien.

Längst ist das Studium zum Großprojekt für die ganze Familie geworden

Die Schwankungsbreite ist groß, im Westen liegen die Einnahmen höher als im Osten, und ältere Studenten haben mehr als jüngere zur Verfügung. Das Monatsbudget reicht von weniger als 670 Euro (jeder fünfte Student) bis zu mehr als 1300 Euro (jeder zehnte Student). 28 Prozent haben bis zu 700 Euro, fast jeder dritte Student erhält mehr als 1000 Euro, und rund 40 Prozent liegen dazwischen. Das ist für diesen Lebensabschnitt durchaus auskömmlich. „Wir wären die Letzten, die das Klagelied der Studentenarmut anstimmen wollen“, sagt Stefan Grob, Stellvertreter des Generalsekretärs des Deutschen Studentenwerks in Berlin. Studenten haben auch kulturell alle Möglichkeiten: Theater bieten günstige Karten an, Hochschulsport kostet wenig, und sie fahren günstig im Nahverkehr oder mit der Regionalbahn durch ihr Bundesland.

Längst ist das Studium zum Großprojekt für die ganze Familie geworden. Wenn der Mietvertrag unterschrieben wird, sind Eltern dabei. Zu Begrüßungen an den Hochschulen kommen teilweise auch Großeltern. So beobachtet es Stefan Grob vom Studentenwerk: „Die gesellschaftliche Haltung gegenüber dem Studium ist komplett anders als in den neunziger Jahren.“ Früher war die Devise: Nimm dir Zeit, schaue über den Tellerrand, probiere was aus. Das war einmal. Grob sieht das Studium als ein Projekt der Familie, das schnell fertig sein muss. „Die Studierenden stehen unter Druck und machen sich auch selbst Druck.“ Nach Umfragen fühlt sich ein Teil gestresst oder dauerhaft erschöpft.

Viele haben einen Nebenerwerb, aber nicht jeder braucht diesen aus purer Not. 61 Prozent arbeiten nebenher. Immerhin die Hälfte davon gibt an, dass sie sonst ihr Studium nicht finanzieren könnten. Überwiegend wollen sich die Studenten aber zusätzliche Ausgaben leisten oder auch dazulernen. Die Erwerbstätigkeit der Studenten liegt auf einem Rekordhoch, während der Bafög-Anteil ein Rekordtief erreicht. Im vergangenen Jahr haben 557 000 Studenten Bafög erhalten, dessen Höhe je nach dem Einkommen der Eltern maximal 735 Euro im Monat mit Zuschlägen zur Kranken- und Pflegeversicherung beträgt. Die eine Hälfte davon gibt es als Geschenk des Staates, die andere Hälfte muss der Student als zinsloses Darlehen zurückzahlen. Wer das nicht bekommt, kann einen verzinsten Studienkredit der staatlichen Förderbank KfW beantragen.

Der Asta der Uni rechnet damit, dass ein WG-Zimmer 480 Euro kostet

Höhere Bafög-Zahlungen fordern Studentenwerk und Studentenvertreter immer wieder. Ihnen ist es ein Graus, dass dort Wohnungskosten von 250 Euro vorgesehen sind, was selten ausreicht. Am günstigsten ist es, in den 1700 Wohnheimen der Studentenwerke zu wohnen: Deren Warmmiete beträgt 241 Euro im Monat im Durchschnitt. Allerdings decken die staatlich geförderten 240.000 Plätze nur knapp zehn Prozent der Studierenden ab, und die Wartelisten sind lang. In Frankfurt beherbergte die Studentenvertretung diese Woche 50 wohnungslose Studenten auf Feldbetten. Ein Wohnheimzimmer kostet dort durchschnittlich etwa 290 Euro mit Nebenkosten. Der Asta der Uni rechnet damit, dass ein WG-Zimmer 480 Euro kostet, und spricht von einer „untragbare Situation auf dem Frankfurter Wohnungsmarkt“.

In München kostete eine 30-Quadratmeter-Wohnung mit durchschnittlicher Ausstattung und guter Anbindung zur Universität im ersten Halbjahr rund 635 Euro und war damit etwa 25 Euro teurer als ein Jahr zuvor. Das haben Ökonomen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln mit Daten von ImmobilienScout24 und wg-suche.de berechnet. Mehr Studenten und zu wenig Single-Wohnungen sind demnach Gründe für steigende Mietpreise an vielen Orten. Günstiger wird es im Osten und im Westen: In Magdeburg oder im Ruhrgebiet liegen die durchschnittlichen Mietpreise der Musterwohnung bei weniger als 300 Euro. „Das bietet auch Chancen für die Entwicklung, wenn mehr Studenten in diese Standorte gehen“, sagt Michael Vogtländer, einer der Autoren der IW-Studie. Diese Entwicklung hält Grob vom Studentenwerk für gefährlich. Zynisch sei es, ärmeren Menschen zu sagen, dann kannst du nicht in München studieren, sondern gehst nach Magdeburg.

Die Musterwohnung mit 30 Quadratmetern kostet 320 Euro

Selbst in Kiel klagt die Studentenvertretung über Wohnungsmangel, wo doch die Mietpreise im Norden laut IW nur die Hälfte derer in München ausmachen. Die Musterwohnung mit 30 Quadratmetern kostet 320 Euro mitsamt Nebenkosten im Monat. Keinerlei Entspannung auf dem Wohnungsmarkt für Studenten, vermeldet der dortige Asta-Vorstand Julian Schüngel. Das belastet internationale Studenten und Studienanfänger, die durch Nachrück- und Losverfahren einen Studienplatz bekommen. Mit der Aktion „Ersti Couch“ sucht die Studentenvertretung jetzt Kieler, die neuankommenden Studenten ein Sofa oder Gästebett für ein paar Tage oder Wochen anbieten.

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Ob das Studium dann so wird, wie der Berliner Rapper Prinz Pi die Studentenzeit beschreibt? „Das Mensaessen sehr gut, um abzunehmen / Samstag Laster leihen, mit Eltern zu Ikea gehen / Vier Sommer gesehen durch Fenster von Bibliotheken / Anstatt zu leben wie in der Stadt daneben“, reimt er in „Kompass ohne Norden“. Aber ganz so schlimm wird es dann ja meistens doch nicht.

Quelle: F.A.S.
Jan Hauser
Redakteur in der Wirtschaft.
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