Die Vermögensfrage

Ängste und Sorgen im Ruhestand sind die schlechteste Altersversorgung

Von Volker Looman, Reutlingen
25.11.2011
, 16:40
Senioren wollen ihr Vermögen um jeden Preis erhalten und vergessen bei der Suche nach Sicherheit und Zinsen das Leben.
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Die finanzielle Gestaltung des Ruhestandes ist für viele Privatleute mit zahlreichen Fragen verbunden. Wie hoch wird die Rente? Wie viel geht an Steuern weg? Wie teuer ist die Lebenshaltung? Wie hoch ist das Vermögen? Was soll aus den Kapitalversicherungen werden? Wie sieht es mit dem Risikoschutz aus? Auf jede Frage wird sich bei genauer Überlegung eine Antwort finden. Das größte Problem ist aber das Gesamtbild. Wie sieht die richtige Altersversorgung für ein Ehepaar aus, das Mitte 60 ist und sich zur Ruhe setzt?

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Der finanzielle Umbruch ist für viele Leute mit Ängsten und Sorgen verbunden. Sie sind in vielen Fällen aber nicht berechtigt, weil es den meisten Menschen besser geht als ihnen bewusst ist. Das ist natürlich auch Banken und Versicherungen bekannt, und sie versuchen, das ist ihr gutes Recht, aus dieser Situation entsprechend Kapital zu schlagen. Der Angriff der Finanzindustrie auf Senioren ist für die Betroffenen die größte Gefahr, weil hier das Risiko besteht, zwischen Tür und Angel irgendwelche Verträge abzuschließen, die sich in naher Zukunft als falsch erweisen. Vor diesem Hintergrund lautet die erste Pflicht beim Umgang mit Geld im Alter: Ruhe bewahren und Kopf einschalten! Danach sind vier Aufgaben zu erledigen: Inventur der Finanzverträge, Festlegung der Ziele, Strukturierung des Vermögens, Beschaffung der notwendigen Produkte. Der Ablauf wird in folgendem Beispiel deutlich.

Gesund und munter

Ein Ehepaar bringt es in der Summe auf 125 Lebensjahre. Die Frau ist 60 Jahre jung, und der Mann ist 65 Jahre alt. Nun soll es in den Ruhestand gehen. Daraus wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Unruhestand werden. Das Paar ist gesund und munter. Es hat zwei Kinder und fünf Enkel. Hinzu kommt ein großer Freundeskreis. Auch die "Sach" sieht nicht ganz schlecht aus, wie in Schwaben das Privatvermögen umschrieben wird. Es besteht aus zehn Posten.

Es beginnt mit dem Festgeldkonto, auf dem 20.000 Euro liegen. Im Depot der Hausbank ruhen Bundesschatzbriefe im Wert von 50.000 Euro. Hinzu kommt ein Sparbrief der Hausbank, der in Kürze fällig wird und rund 30.000 Euro bringen wird. Die beiden Kapitalversicherungen werden in wenigen Wochen weitere 100.000 Euro auf das Konto spülen. Das Eigenheim könnte zur Zeit für 250.000 Euro verkauft werden. Das steht aber im Moment überhaupt nicht zur Diskussion.

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Addition der Geldanlagen

Stattdessen stellt sich die Frage, was aus den Aktien werden soll. Da gibt es ein Depot der Hausbank im Wert von 110.000 Euro. Bei der Konkurrenz liegen, weil der Schwabe finanzielle Seitensprünge liebt, in Investmentfonds weitere Aktien mit einem Kurswert von 90.000 Euro. Abgerundet wird das Vermögen durch zwei Renten. Die gesetzliche Monatsrente beträgt 2000 Euro, und die betriebliche Monatsrente wird bei 1000 Euro liegen.

Die Addition der Geldanlagen führt zu einem Vermögen von 650.000 Euro und zu Rentenzahlungen von 3000 Euro im Monat. Das sieht auf den ersten Blick ordentlich aus, doch bei genauem Hinsehen wird deutlich, dass alles - auch in Schwaben - eine Frage des Standpunktes ist. Zunächst sollte aus der Bilanz das Eigenheim gestrichen werden, weil es nicht zur Disposition steht. Folglich hat das Ehepaar ein freies Vermögen von 400.000 Euro. Und die Renten unterliegen Steuern und Sozialabgaben, so dass sie gar nicht in voller Höhe zur Verfügung stehen.

Über die Ausgaben für Ernährung, Freizeit, Haus, Kleidung, Privatversicherungen und Urlaub können lange Debatten geführt werden
Über die Ausgaben für Ernährung, Freizeit, Haus, Kleidung, Privatversicherungen und Urlaub können lange Debatten geführt werden Bild: dapd

Die Abgaben führen zu der Frage, wie hoch die laufenden Einnahmen und Ausgaben sind. In die Kasse werden 3000 Euro kommen, bestehend aus der Staatsrente und der Betriebsrente. Die Einkommensteuer ist kaum der Rede wert. Die jährliche Staatsrente von 24.000 Euro ist zu 64 Prozent steuerpflichtig und die jährliche Betriebsrente von 12.000 Euro unterliegt zu 100 Prozent der Besteuerung. Von den steuerpflichtigen 27.360 Euro dürfen Freibeträge, Krankenkassenbeiträge und Werbungskosten abgezogen werden, so dass das maßgebliche Einkommen höchstens 20.000 Euro betragen und die Steuer unter 1000 Euro liegen wird.

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Dafür muss das Ehepaar allerdings Beiträge an die Krankenkasse und an die Pflegeversicherung abführen. Von der gesetzlichen Rente müssen 8,2 Prozent in die Krankenkasse eingezahlt werden. Bei der betrieblichen Rente sind es 15,5 Prozent. Der Beitrag zur Pflegeversicherung liegt bei 1,95 Prozent aller Renten. Das führt zu monatlichen Abgaben von fast 400 Euro.

Das gewünschte Leben

Über die Ausgaben für Ernährung, Freizeit, Haus, Kleidung, Privatversicherungen und Urlaub können lange Debatten geführt werden. Maßgebend sind die persönlichen Werte, und hier ist jeder Mensch frei. Nur realistisch sollten sie sein. Wer ein Haus mit einer Wohnfläche von 150 Quadratmetern bewohnt, wird mit Betriebskosten von 300 Euro nicht auskommen. Genauso sind für Urlaube insgesamt 3000 Euro knapp, wenn es jedes Jahr dreimal in die Welt hinaus geht. Und die beiden Autos des Ehepaars werden mit Sicherheit mehr als nur Benzin kosten.

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Im vorliegenden Beispiel summieren sich die monatlichen Ausgaben auf 4000 Euro. Das ergibt eine Lücke von 1400 Euro im Monat, wenn die Renten und der Konsum gegenübergestellt werden. Die Lücke sollte aber nicht zu Depressionen führen, weil das Ehepaar genügend Mittel hat, um sich das gewünschte Leben leisten zu können. Nur stellt sich die Frage, wie das Loch gestopft werden kann. Die naheliegende Antwort wird der Hinweis auf das Vermögen sein. Es beträgt 400.000 Euro, und diese Summe wirft Erträge ab.

Sollen sie die Risiken eingehen?

Das monatliche Loch von 1400 Euro führt nach den anerkannten Regeln der Mathematik zu einer Jahreslücke von 16.800 Euro. Sie erfordert, wenn das freie Vermögen von 400.000 Euro nicht angegriffen werden soll, einen jährlichen Anlagezins von 4,2 Prozent nach Steuern. Unter Berücksichtigung der Abgeltungsteuer von 26,375 Prozent muss der Anlagezins auf mindestens 5,7 Prozent im Jahr steigen, und da müssen auch Schwaben lapidar feststellen, dass diese Vorgabe saumäßig hoch ist. Bei sicheren Geldanlagen gibt es im Moment etwa 2 bis 2,5 Prozent im Jahr, aber 5,7 Prozent sind - wenn überhaupt - nur mit entsprechenden Risiken erzielbar.

Was soll das Ehepaar machen? Soll es diese Risiken eingehen? Soll das Kapital zum Nachteil der Kinder und Enkel angegriffen werden? Oder sollen die beiden Senioren den Konsum einschränken? Müssen zwei Autos in der Garage stehen? Werden im Supermarkt alle Sonderangebote ausgeschöpft? Und müssen im Alter drei Reisen im Jahr sein? Die einzelnen Fragen mögen Heiterkeit oder Kopfschütteln auslösen, doch im Alltag geht es genau um diese Fragen, und da gibt es, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, keine pauschalen Antworten. Die einen Anleger bewältigen das Problem so, die anderen Investoren überwinden die Schwierigkeit so, und alle Lösungen sind richtig.

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Angst und Gewissensbisse

Bei den Überlegungen, wie das Vermögen strukturiert werden kann, sind Barwerte zweckmäßig. In diesen Kennzahlen kommt zum Ausdruck, wie hoch der Anlagebetrag sein muss, um eine bestimmte Monatsrente mit hoher Sicherheit zu kassieren. Voraussetzung für das Auffinden der richtigen Zahl sind drei Vorgaben. Erstens: Wie lange soll die Lücke geschlossen werden? Zweitens: Mit welchem Jahreszins wird vor Steuern gerechnet? Drittens: Wie hoch wird die jährliche Inflationsrate sein?

Der Ehemann ist Mitte 60. Folglich ist damit zu rechnen, dass der Ruheständler noch 20 Jahre leben wird. Die jährliche Rendite festverzinslicher Anleihen möge vor Steuern bei 3 Prozent liegen. Die Inflation soll 2 Prozent im Jahr betragen. Dann ist unter Berücksichtigung der Abgeltungsteuer ein Kapitalstock von 326.000 Euro notwendig. Er liefert 20 Jahre die gewünschten 1400 Euro im Monat. Allerdings wird das Kapital im Laufe dieser Zeit vollständig verzehrt werden. Das löst bei vielen Menschen wahlweise Angst oder Gewissensbisse aus. Was passiert, wenn der Mann doch 90 Jahre wird? Ist es in Ordnung, den Kindern nur ein Eigenheim zu vererben? Werden die Urlaube noch Freude machen, wenn dafür ein Großteil des Vermögens geopfert wird? Was geschieht bei Krankheit oder Pflege?

Die Widrigkeiten des Lebens

Es liegt in der Natur des Menschen, über diese Dinge nachzudenken. Und die Deutschen lieben es über alle Maßen, den Dingen besonders tief auf den Grund zu gehen. Nur vergessen sie dabei das Leben. Die rheinische Art, dass es kommt, wie es kommt, ist vielen Menschen fremd. Sie bevorzugen die Grübelei und schwitzen Blut und Wasser, dass das Kapital in den Sand gesetzt werden könnte.

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Trotzdem sind Nägel mit Köpfen gefragt. Wie sollen 400.000 Euro angelegt werden, falls der Hang zum Risiko begrenzt ist, das Vermögen erhalten bleiben soll, der gelegentliche Verbrauch aber doch möglich sein soll? Der Versuch einer Antwort, gewissermaßen ein Vorschlag, besteht aus der Aufteilung auf drei Töpfe: Festgeld, Anleihen und Aktien. Festgeld in Höhe von 50.000 Euro ist ein Notgroschen für die Widrigkeiten des Lebens und wird in ein Sparbuch gesteckt. 350.000 Euro werden zu 70 Prozent in Anleihen und zu 30 Prozent in Aktien investiert. Die 245.000 Euro der Anleihen werden auf eine Leibrente (145.000 Euro), fünf Staatsanleihen (50.000 Euro) und zehn Unternehmensanleihen (50.000 Euro) verteilt. Die 105.000 Euro für Aktien werden zu gleichen Teilen, also jeweils 35.000 Euro, auf amerikanische, asiatische und europäische Aktien verteilt.

Die private Versicherung wirft eine lebenslange Monatsrente von 650 Euro ab, die jedes Jahr um 2 Prozent steigt. Hinter den Anleihen und den Aktien verbergen sich börsengehandelte Indexfonds. Sie bieten dem Anleger drei Vorteile. Erstens fallen beim Kauf geringe Kosten an, zweitens ist die Streuung hoch, und drittens sind Entnahmen in beliebiger Höhe möglich. Gerade der letzte Punkt ist von größter Wichtigkeit, weil die Anleger aus den Töpfen jährlich 9000 Euro entnehmen müssen, die jährlich um 2 Prozent steigen.

Mit dieser Aufteilung schlagen die Anleger mehrere Fliegen mit einer Klappe. Die Rücklage von 50.000 Euro sorgt für Hilfe in Notfällen. Falls zum Beispiel ein neues Auto benötigt wird oder wenn im Haus größere Reparaturen notwendig sind, können die Aufwendungen aus dieser Kasse bezahlt werden. Die Leibrente ist eine feste Anlage und bietet eine Zusatzrente bis zum Lebensende. Die übrigen 205.000 Euro stecken in flüssigen Anlagen. Die Investoren können das Kapital liegen lassen, so dass es im Laufe der Zeit um die Zinsen anwächst. Und sie können jederzeit die notwendigen Geldbeträge entnehmen.

Was geschieht aber, wenn die Anleger länger als 20 Jahre leben? Und was passiert, wenn die Senioren eines Tages ins Pflegeheim müssen? Darauf gibt es nur eine Antwort. Dann ist es halt so. Das Leben wird trotzdem weitergehen. Nur werden sich die Rahmenbedingungen ändern. Die Renten werden weiter fließen, und wenn es ins Pflegeheim geht, muss eben das Haus verkauft werden. Ist das eine Katastrophe?

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Looman, Volker
Volker Looman
Freier Autor in der Wirtschaft.
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