Die Vermögensfrage

Breite Streuung ist die beste Vorsorge gegen Verluste

Von Volker Looman
21.01.2012
, 16:41
Viele Privatleute haben gewaltige Probleme mit der Festlegung und Umsetzung einfacher Anlagestrategien. Die Vermögensfrage.

Das neue Jahr ist noch jung. Trotzdem plagt manchen Anleger schon wieder der Gedanke, wie sich die Kapitalmärkte in den nächsten Wochen entwickeln werden. Die wirtschaftlichen Ereignisse des letzten Jahres sind zum Teil grausam, und die Finanzkrise hat bei vielen Privatleuten das Gefühl ausgelöst, dass es keine Sicherheit mehr gibt. Der Eindruck ist richtig und wahrscheinlich die beste Lektion, die das vergangene Jahr liefern konnte. Es gibt weder in der Liebe noch in der Gesundheit noch beim Geld Garantien, und daran wird sich auch in diesem Jahr nichts ändern. Hinzu sollte nur die Erkenntnis kommen, dass werthaltige Geldanlagen nicht beliebig vermehrbar sind Wer in der Hoffnung lebt, durch Zinsen und Zinseszinsen reich zu werden, sollte diesen Traum so bald wie möglich begraben, weil die Natur in anderen Maßstäben wächst.

Vor diesem Hintergrund können Anleger nur an dem bewährten Prinzip festhalten, dass die breite Streuung in einfache Geldanlagen und die Hoffnung auf bescheidene Erträge die beste Vorsorge gegen die Widrigkeiten des Alltages sind. Umgekehrt bezahlen Investoren, die von 6 oder 8 Prozent jährlich träumen und ihre Pläne ständig über den Haufen werfen, viel Geld für diese Einstellung. Daher sollte das neue Jahr mit der Bilanz des Vermögens beginnen und mit der Einstellung fortgesetzt werden, dass Strategien keine Eintagsfliegen sind. Wie das geht, wird in folgendem Beispiel deutlich.

Kampf gegen die Angst

Ein Anleger ist 60 Jahre alt, und seine Frau ist 59 Jahre jung. Die beiden Anleger haben sich im Laufe ihres Lebens ein kleines Vermögen aufgebaut. Das Ehepaar wohnt in einem schuldenfreien Eigenheim, das ungefähr 300.000 Euro wert ist. Die monatlichen Rentenansprüche ab dem 65. Geburtstag summieren sich auf 3000 Euro. Auf den Konten mehrerer Banken liegen Festgelder in einer Größenordnung von 50.000 Euro, Sparbriefe im Umfang von 100.000 Euro, Staatsanleihen im Wert von 150.000 Euro und Aktien mit einem Marktpreis von 200.000 Euro.

Das Vermögen sollte Anlass sein, um sich auf den bevorstehenden Ruhestand zu freuen. Davon sind die beiden Anleger im Moment aber weit entfernt. Sie machen sich Sorgen über das freie Vermögen und haben das Gefühl, mit den Anlagen unter die Räder zu geraten. Wie können die Anleger ihre Angst bekämpfen? Wie sollen sie sich gegen die täglichen Meldungen über wackelnde Banken, schwankende Börsenkurse und taumelnde Staaten zur Wehr setzen? Die Antwort ist einfach, doch die Umsetzung ist schwierig. Das Ehepaar sollte weder Quartals- noch Jahrespläne, sondern eine Strategie entwickeln, wie das Geld bis zum Ruhestand anzulegen ist. Sie sollten den Plan mit Hartnäckigkeit umsetzen, und sie sollten, das ist vielleicht die wichtigste Botschaft, weniger in den Fernseher und die Zeitung schauen, weil schlechte Nachrichten das Leben erheblich verkürzen können.

Aufteilung des Vermögens

Sinn und Zweck der Bilanz ist die sinnvolle Aufteilung des Vermögens. Seit Jahr und Tag wird über die Qualität der Finanzberatung in Banken, Bausparkassen und Versicherungen geschimpft. Die Anleger vermissen zum Beispiel, dass sich viele Berater nicht genügend Zeit nehmen, um mit ihren Kunden ausführlich über das gesamte Privatvermögen zu sprechen, und sie ärgern sich darüber, dass die meisten Beratungen in schnelle Empfehlungen münden, das Geld in diese oder jene Anlage zu stecken.

Die Kritik ist zum Teil berechtigt, doch die Anleger tragen ihren Teil zu der heiklen Beziehung zwischen Bank und Kunde bei. Erstens legen sie die Karten nicht auf den Tisch, weil die Bank nicht alles wissen soll. Zweitens fällt es vielen Leuten schwer, offen über ihre Ängste und Sorgen zu sprechen. Da ist es drittens kein Wunder, dass klare Ziele auf der Strecke bleiben. Und viertens haben Anleger an die Berater falsche Erwartungen. Es gibt keinen Menschen, der in die Zukunft sehen kann, aber offenbar viele Anleger, welche diese Banalität nicht akzeptieren wollen.

Mit dem Machbaren leben

Folglich sollten die Anleger auch 2012 mit dem Machbaren leben. Die Aufstellung des Privatvermögens beginnt mit der Auflistung aller Anlagen und Kredite. Dazu gehören aber nicht nur Aktien, Anleihen, Immobilien und Kredite, sondern auch Arbeitskraft, Rentenansprüche und Lebenshaltungskosten. Einkommen, Renten und Konsum sind für die meisten Menschen freilich kein Vermögen, so dass diese Positionen oft unter den Tisch fallen. Das ist auf der einen Seite kein Beinbruch, doch auf der anderen Seite dürfen sich Anleger auch nicht darüber wundern, dass die Entscheidungen, die aus Bruchstücken gezogen werden, zum Teil fragwürdig sind.

Die fehlende Kapitalisierung der Pensionen führt zu Ängsten und Sorgen, die unnötig sind wie ein Kropf. Wer 60 Jahre alt ist und ab dem 65. Geburtstag lebenslange Rentenansprüche von monatlich 3000 Euro hat, besitzt Geld im Wert von 469.000 Euro. Dahinter verbirgt sich die Kalkulation, dass der Anleger noch 25 Jahre leben wird und die Zahlungen mit 3 Prozent auf die Gegenwart abgezinst werden. Hinzu kommen das Haus und die Wertpapiere, so dass sich die Anleger im vorliegenden Fall drehen und wenden können, wie sie wollen. Sie sind kleine Millionäre. Sie werden noch einige Jahre arbeiten, so dass das Vermögen mit hoher Wahrscheinlichkeit wachsen wird. Folglich wird das Ehepaar bis zum Lebensende sein Auskommen haben.

Kleine Zahlen, große Wirkung

Was für die Ansprüche gilt, muss natürlich auch für Pflichten gelten. Die monatlichen Ausgaben für Essen, Trinken, Haus, Auto und Urlaub müssen ebenfalls abgezinst und als Schuld in die Bilanz gestellt werden. Wer zum Beispiel im Ruhestand monatlich 4000 Euro fürs tägliche Leben benötigt, braucht bei einer „Restlaufzeit“ von 25 Jahren und einem Zins von 3 Prozent mindestens 626.000 Euro, um über die Runden zu kommen. Folglich ist das Loch zwischen den Renten und dem Konsum etwa 157.000 Euro groß.

Die wenigen Zahlen haben auf die Gestaltung des Vermögens gewaltige Auswirkungen. Das Eigenheim und die Rentenansprüche sind feste Größen. Fest bedeutet in diesem Fall nicht, dass die Werte sicher sind, sondern sind der Hinweis, dass an diesen Positionen nicht gerüttelt werden kann. Die Renten zum Beispiel sind nicht in einer Summe auszahlbar, so dass sie für Umschichtungen nicht zur Verfügung stehen. Genauso ist das Eigenheim eine feste Burg, das im Augenblick nicht zur Disposition steht.

Gefahr der Verluste

Durch die Ausblendung des Eigenheims und der Renten sinkt das Privatvermögen auf 500.000 Euro. Mit diesem Geld können die Anleger arbeiten. Nur sollte das Ehepaar die monatliche Lücke von 1000 Euro beziehungsweise deren Barwert von 157.000 Euro nicht aus dem Auge verlieren. Das heißt, dass die Anleger höchstens 344.000 Euro in Geldanlagen investieren dürften, weil dort eben die Gefahr besteht, auch Verluste erleiden zu können.

Die Aufteilung des Vermögens ist eine Grundsatzfrage und keine Mode. Das ist zwar eine Binsenweisheit, doch in der Praxis sind nur wenige Anleger bereit, in schriftlicher Form festzulegen, wie viel in Bargeld, Anleihen, Immobilien, Aktien und Rohstoffe fließen soll. Stattdessen wird die Struktur bei Kaffee und Kuchen ausgewürfelt, und die Aufteilung wird, das ist noch viel schlimmer, nach Gefühl und Wellenschlag verändert, frei nach Motto: rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. So kommen freilich nur wenige Anleger auf einen grünen Zweig, weil die Kosten der Umschichtung hoch sind und das Vermögen unter Berücksichtigung von Steuern und Inflation schrumpft.

Der Ansatz ist einfach

Der kluge Anleger legt unabhängig von der Wetterlage fest, wie viel Geld in die einzelnen Töpfe fließt, und er bleibt diesem Plan treu. Der Ansatz ist einfach. Trotzdem sind die meisten Anleger mit der Lösung überfordert. Ihnen geistern gerade im Augenblick vier Überlegungen durch den Kopf. Anlage in fremde Währungen, Flucht in Immobilien, Kauf von Gold, Überweisung des Geldes in die Schweiz. Die Gedanken sind der Ausdruck von Angst und Unsicherheit, und die Gefühle sind verständlich. Nur ist es zweifelhaft, ob die aufgezählten Bemühungen der richtige Schutz sind, um sich vor Unheil zu schützen.

Sind die kanadischen Dollars, die norwegischen Kronen und die schweizerischen Franken wirklich die Rettung, wenn der Euro zusammenbricht? Ist der Kauf vermieteter Wohnungen die richtige Antwort, weil die Inflation in den nächsten Jahren anziehen könnte? Was treibt die Leute zum Kauf von Gold? Ist das die Angst vor Geldentwertung? Ist das die Furcht vor Enteignung? Oder ist das einfach die Angst vor der Angst? Und schließlich die Schweiz. Das ist ein Thema für sich. Das kleine Land steht bei den Deutschen nach wie vor hoch im Kurs, doch sie vergessen, dass auch die Schweizer ihr Geld in Aktien und Obligationen anlegen, und da geht es genauso bergauf und bergab wie in Deutschland.

Umschichtung als wichtigster Punkt

Die einzige Möglichkeit, um mit den Widrigkeiten des Lebens fertig zu werden, besteht aus drei Teilen: Zuerst kommt die Aufteilung des Vermögens, dann folgt die Suche einfacher Finanzprodukte, schließlich geht es um den Kauf der Finanzprodukte in verschiedenen Währungen. Im vorliegenden Fall kann das Ehepaar zum Beispiel beschließen, das Gesamtvermögen von 1.269.000 Euro zu gleichen Teilen auf Anleihen, Immobilien, Aktien und Rohstoffe zu verteilen. Das wären in der Theorie ungefähr 317.000 Euro pro Topf.

Die Folgen: Der Topf mit den Anleihen ist durch die Rentenansprüche übervoll. Der Topf mit den Immobilien ist durch das Eigenheim randvoll. Der Topf mit den Aktien ist gut gefüllt; es fehlen noch 117.000 Euro. Der Topf mit den Rohstoffen ist leer. Folglich sind Festgeld, Sparbücher und Staatsanleihen zu verkaufen. Von diesem Betrag sind 100.000 Euro in Aktien anzulegen, und 200.000 Euro können in Rohstoffe gesteckt werden. Diese Umschichtung ist der mit Abstand wichtigste Punkt.

Bei der Suche nach geeigneten Produkten geht es um die Frage, welche Aktien und Rohstoffe in Frage kommen. Wer hohen Wert auf Sicherheit legt, wird bei den Aktien auf Einzeltitel verzichten, sondern Märkte kaufen. Die 300 000 Euro können zum Beispiel zu gleichen Teilen auf Amerika, Asien und Europa verteilt werden. Mit Hilfe börsengehandelter Indexfonds kann die Verteilung kostengünstig und schnell umgesetzt werden. Das gilt auch für die Rohstoffe. Es ist zum Beispiel denkbar, die 200 000 Euro mit Hilfe von Indexfonds zu gleichen Teilen auf Gas, Gold, Holz und Öl zu verteilen.

Abschließend wird es um die Frage gehen, in welchen Währungen die Geschäfte abgewickelt werden. Die Renten und das Eigenheim werden in Euro geführt, dagegen ist nichts zu machen. Bei der Überlegung, in welchen Währungen die drei Aktienfonds und die vier Rohstofffonds umgesetzt werden, haben die Anleger die Qual der Wahl. Die sieben Geschäfte können in jeder beliebigen Währung abgewickelt werden, und wer glaubt, dem umstrittenen Euro mit fremden Währungen die Stirn bieten zu können, sollte die Freiheit auch in vollem Umfang nutzen. Allerdings ist zu bedenken, dass sowohl Mann als auch Frau nicht nur vor Gericht und auf hoher See, sondern auch bei Währungsgeschäften in Gottes Hand sind. Es steht in den Sternen, wie sich der Euro entwickeln wird und was aus aus fremden Währungen werden würde, sollte er scheitern.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z.
Kopie von FAZ Logo Platzhalter
Volker Looman
Freier Autor in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot