Die Vermögensfrage

Die Jagd nach Ertrag und Rendite führt leicht in den Abgrund

Von Volker Looman, Reutlingen
24.12.2011
, 11:39
Die Verwechslung der beiden Kennzahlen kann bei der Auswahl von Finanzprodukten im Alter zu katastrophalen Fehlentscheidungen führen.

Rendite und Risiko sind bei vielen Geldgeschäften das Maß der Dinge. Trotzdem entwickeln viele Menschen bei der Abwägung verschiedener Kapitalanlagen sonderliche Vorstellungen. Das gilt in besonderem Maße für die Frage der Rentabilität. Bei der Analyse, wie hoch die Verzinsung des Geschäftes ist, gibt es kein Allheilmittel, weil jeder Zahlungsstrom individuelle Bewertungen enthält. Trotzdem sind aber Grundregeln zu beachten, und wenn bei der Geldanlage lediglich Einsatz und Rückfluss verglichen werden, wird die Geschichte heikel, weil dabei Ergebnisse herauskommen können, die weit über der tatsächlichen Verzinsung liegen. Das wird in folgendem Beispiel deutlich.

Ein Anleger ist 70 Jahre alt und die Rente ist so bescheiden, dass sich der Investor entschlossen hat, das „flüssige“ Vermögen anzuzapfen, also Festgeld, Anleihen und Aktien zu verrenten. Er will 200.000 Euro so anlegen, dass jedes Jahr so viel Geld wie möglich herausspringt. Das scheint auf den ersten Blick kein Problem zu sein, doch bei genauem Hinsehen tauchen Fragen über Fragen auf. Sie beginnen bei der Betrachtung, ob Leibrenten, Immobilien, Anleihen oder Aktien die richtige Anlage sind, und sie enden bei der Überlegung, was es heißt, so viel Geld wie möglich einzunehmen. Bedeutet der Wunsch, dass jeden Monat viel Geld in die Kasse kommt, oder führt der Wunsch zu dem Verlangen nach hohen Renditen? Die Frage klingt harmlos, doch zwischen Ertrag und Rendite liegen Welten.

Ursache ist der Kontostand

Der Anleger kann sich für die 200.000 Euro eine Leibrente kaufen. Dahinter verbergen sich die Überweisung des Geldes an eine Versicherung und das Versprechen der Gesellschaft, dem Investor eine lebenslange Rente zu bezahlen. Bei einem Eintrittsalter von 70 Jahren können Männer zur Zeit mit einer jährlichen Rente von 14.000 Euro rechnen. Bei einem Einsatz von 200.000 Euro und jährlichen Rückflüssen von jeweils 14.000 Euro liegt es auf der Hand, eine jährliche Rendite von 7 Prozent zu unterstellen. Doch das wäre ein Trugschluss.

Die Ursache ist der Kontostand. Das Geschäft würde sich nur dann mit 7 Prozent pro Jahr verzinsen, wenn am Ende des Geschäftes das eingesetzte Kapital von 200.000 Euro zurückfließen würde, wenn also die letzte Einnahme nicht 14.000 Euro, sondern 214.000 Euro betrüge. Das ist bei Leibrenten aber nicht der Fall, und jeder Anleger, der die Leibrente während der Laufzeit kündigt, wird „ernüchtert“ feststellen, dass er nur einen Teil des eingesetzten Kapitals wiedersieht. Damit ist die Leibrente ein Entnahmeplan, bei dem das Kapital von Jahr zu Jahr sinkt.

Eine Wette zwischen Anleger und Versicherung

Das braucht einen Anleger, der nur auf den „laufenden“ Rückfluss sieht, nicht um den Schlaf zu bringen, weil es in seinen Augen allein darauf ankommt, jedes Jahr viel Geld einzustreichen. Für die Berechnung der Rentabilität ist aber nicht nur der erste, zweite oder dritte Rückfluss wichtig, sondern es kommt auch darauf an, wie das Ende des Geschäftes aussieht. Wer sich die Leibrente bis zum Schluss anschaut, wird schnell erkennen, dass die jährlichen Renten die einzigen Rückflüsse sind. Daher kann von einer Rendite von 7 Prozent keine Rede sein.

Die Leibrente ist bei nüchterner Betrachtung der Dinge eine Wette zwischen dem Anleger und der Versicherung. Die Gesellschaft rechnet zum Beispiel bei siebzigjährigen Männern damit, dass die Senioren noch 20 Jahre leben werden. Folglich geht sie von 20 Zahlungen à 14.000 Euro aus. In diesem Fall würde sich die Police vor Steuern mit 3,4 Prozent pro Jahr verzinsen. Wird der Anleger jedoch „nur“ 85 Jahre alt,wäre die Versicherung der Gewinner, weil 15 Renten à 14.000 Euro zu einer Verzinsung von lediglich 0,6 Prozent pro Jahr führen.

Das magere Ergebnis treibt einzelne Anleger in die Arme freier Vermittler. Sie machen den Senioren das Angebot, das Kapital in geschlossene Immobilien zu stecken. Hier sieht die Struktur des Zahlungsstroms anders aus. Die Erträge sind hoch. Genauso hoch ist aber auch die Gefahr, dass die Immobilie, falls auf der grünen Wiese gelegen, nach dem Auslauf des Mietvertrages nur noch zu einem Bruchteil des Einstiegspreises verkauft werden kann. Daher kommt es in besondere Weise auf die Lage des Objektes an.

Bei soliden Investitionen kann der Wert erhalten bleiben. Auch winken während der Vermietung ordentliche Einkünfte. Sie liegen zum Beispiel bei einem großen Initiator derzeit bei 12.000 Euro pro Jahr. Das sind 2000 Euro weniger als bei der Leibrente. Dafür werden dem Anleger in 15 Jahren 200.000 Euro zurückgezahlt, so dass die Immobilie ein Wertpapier in Beton ist. Am Anfang und am Ende wechseln 200.000 Euro den Besitzer, und zwischendurch fließen 15 Zahlungen à 12.000 Euro. Das führt zu einer Rendite von 6 Prozent vor Steuern.

Hohe Rente oder hohe Rendite?

Für den Anleger, der keine Freude an Zahlen hat, fängt sich die Welt an zu drehen: Dort eine Rente von 14.000 Euro und eine Rendite von 0,6 Prozent, hier ein Zufluss von 12.000 Euro und eine Verzinsung von 6 Prozent. Das ist auf den ersten Blick verwirrend. Die Lösung des „Rätsels“ ist aber, um das noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen, allein der Endwert. Bei der Leibrente ist Schicht im Schacht, wie es im Ruhrgebiet heißt. Bei der Immobilie kommt das Kapital zurück.

Damit stellt sich die Frage, was der Anleger will. Soll die Rente hoch sein oder soll die Rendite hoch sein? Wer diesen Zusammenhang verstanden hat, wird in der Regel beide Dinge fordern. Außerdem wird er, das liegt auf der Hand, auch noch den Wunsch hegen, dass die Abgaben so niedrig wie möglich sind. Wer sowohl Ertrag und Rendite will, sollte sich auch von „grünen“ Anlagen wie Biogas, Solaranlagen und Windkraftwerken nicht blenden lassen.

Auf der Suche nach umweltverträglichen Anlagen

Auch hier kommt es auf die Frage an, wie sich die Anlagen rechnen, doch die Renditen bleiben in vielen Fällen im Dunkel, weil die Initiatoren dieselben „Fehler“ machen wie ihre Kollegen von der etablierten Zunft. Sie werfen Zahlen in die Runde, die mit Renditen wenig zu tun haben, so dass die Gefahr besteht, dass große und kleine Investoren auf der Suche nach umweltverträglichen Anlagen auf finanzielle Abwege geraten.

Windkraftwerke werfen in aller Regel einen Ertrag von zehn bis elf Jahresmieten ab. Davon bleiben dem Anleger nach Abzug der üblichen Kosten und Spesen etwa acht bis neun Jahresmieten. Ein schwäbischer Initiator bietet im Augenblick Windkrafträder an, bei denen sich Anleger mit 200.000 Euro beteiligen können. Dafür winken jedem Anleger über zwei Jahrzehnte hinweg Erträge von 16.000 Euro pro Jahr, weil der Strom nach dem Gesetz über die erneuerbaren Energien (EEG) erstens solange und zweitens so hoch absetzbar ist. Was danach kommt, steht in den Sternen. Die Geschichte muss nicht zu Ende sein, doch sie kann zu Ende sein, so dass nüchterne Kaufleute unterstellen, dass weitere Zahlungen ausbleiben und die Anlage trotz des Hinweises, keinem oder nur mäßigem Verschleiß zu unterliegen, eben doch nichts mehr wert sein wird.

Blanke Utopie

Die Gegenüberstellung der eingesetzten 200.000 Euro und der 20 Rückflüsse à 16.000 Euro bedeuten auf keinen Fall eine jährliche Verzinsung von 8 Prozent. Der hohe Wert würde nur dann gelten, wenn dem Anleger nach 20 Jahren die anfänglichen 200000 Euro erstattet werden würden. Das wird aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht der Fall sein. Maschinen sind nach 20 Jahren in der Regel keinen Cent mehr wert, weil sie abgenutzt sind. Folglich sind Restwerte von 20 oder 30 Prozent, die in Modellrechnungen auftauchen, blanke Utopie und lenken von der Wirklichkeit ab.

Die anfängliche Zahlung von 200.000 Euro und die 20 jährlichen Rückflüsse à 16.000 Euro führen zu einer Verzinsung von 5 Prozent pro Jahr. Das ist die Basisverzinsung der Anlage, und an diesem Ergebnis führt kein Weg vorbei. Es ist völlig egal, ob ein Anleger das Kraftwerk allein kauft, oder ob sich an der Investition viele Anleger mit kleinen Beträgen beteiligen. Die Verzinsung wird in allen Fällen jährlich 5 Prozent vor Steuern betragen, und dieser Wert ist die Grundlage für den Vergleich mit anderen Anlagen.

Prognosen und Spielereien

Kredite mögen das Ergebnis verbessern, doch sie dürfen nicht den Eindruck erwecken, dass dadurch die Anlage besser werden würde. Wind bleibt Wind, und Strom bleibt Strom. Wer um jeden Preis den Kredit in die Rendite einbinden möchte, muss beim Vergleich mit anderen Anlagen darauf achten, dass dort mit denselben Verbindlichkeiten gearbeitet wird. Sonst werden Äpfel und Birnen verglichen.

Die Ergebnisse werden für die einen Anleger erfreulich und für die anderen Investoren enttäuschend sein. Sie zeigen in aller Deutlichkeit, dass auch bei grünen Anlagen die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Renditen von 8 oder 10 Prozent nach Steuern beruhen auf Prognosen und Spielereien, die von der Wirklichkeit ablenken. Die üblichen Renditen liegen für Bezieher mittlerer Einkommen zwischen 3 und 6 Prozent. Das führt zu der Frage, für wen sich die Geldanlagen eignen.

Die Sicherheit der Anlagen

Der nackte Zahlungsstrom ist ein klarer Hinweis, dass die Anlage ein Entnahme- oder Rentenplan ist. Der Privatmann legt eine bestimmte Summe auf den Tisch. Er bekommt 20 Jahre lang gewisse Beträge zurück. Danach ist die Sache zu Ende. Folglich eignen sich Wind und Strom, so spöttisch das klingen mag, vorzugsweise für Senioren, die in der Jugend im fremdfinanzierten Porsche durch die Lande gefahren sind, jetzt aber im Alter etwas Geld haben, regelmäßige Erträge brauchen und ihr Seelenheil auf dem Fahrrad und im Ökostrom suchen.

Unabhängig von den Renditen, die bei den Geschäften winken, sollten die Anleger auch einen Blick auf die Risiken werfen. Die Initiatoren loben die Sicherheit der Anlagen wegen der staatlichen Garantie, den Strom zu festen Preisen abzunehmen, über den Klee. Wie viel staatliche Garantien wert sein können, wenn die öffentlichen Kassen leer, zeigt ein Blick nach Berlin. Dort sind Tausenden Privatleuten, die ihr Geld in den Wohnungsbau gesteckt haben, hohe Subventionen versprochen worden. Die Kassen der Hauptstadt sind aber so leer, dass die Förderung gestrichen wurde. Nun hängen die Anleger in den Seilen. Die bitteren Erfahrungen mögen den Anhängern des Ökostroms erspart bleiben. Trotzdem sollten sich die Privatleute nicht von dem heißen Wind beeindrucken lassen.

Die drei Beispiele zeigen in aller Deutlichkeit, dass Leibrenten, Immobilienfonds und Windkraftwerke „stinknormale“ Geldanlagen mit Chancen und Risiken sind. Von hoher Verzinsung kann nur in Ausnahmefällen die Rede sein. Viel wichtiger als die Rendite ist die „Verträglichkeit“ der Anlagen. Sind die Investitionen für Senioren geeignet oder nicht? Die Antwort wird in hohem Maße von den persönlichen Umständen der Anleger abhängen.

Der Dreh- und Angelpunkt ist die Verfügbarkeit des Geldes. Die drei Anlagen lassen sich in der Regel nicht verkaufen. Wer also nach fünf oder zehn Jahren das Kapital benötigt, weil sich die persönlichen Lebensumstände radikal verändert haben, ist mit den Anlagen schlecht bedient. Er wird an das Geld nicht herankommen. Umgekehrt können die Anlagen interessante Investitionen sein, wenn genügend flüssiges Geld in Form von Anleihen oder Aktien zur Verfügung steht, um den Finanzbedarf zu decken.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z.
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Volker Looman
Freier Autor in der Wirtschaft.
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