Die Vermögensfrage

Schwieriges Schenken

Von Volker Looman, Reutlingen
17.12.2011
, 14:17
Senioren fällt schwer, ihr Vermögen zu verschenken. Die Gestaltung des Testaments und die Strukturierung des Vermögens sind hohe Hürden.

Die Gestaltung des Privatvermögens ist im Alter nicht einfach. Meist geht es weniger um die Frage, ob die Geldanlagen eine jährliche Verzinsung von 2 oder 3 Prozent abwerfen, sondern in erster Linie darum, wie das Vermögen verteilt wird. Wie viel Geld behalten die Senioren, was schenken sie Kindern und Enkeln?

Ein Beispiel: Ein vermögender Apotheker ist 80 Jahre alt. Die Ehefrau ist zwei Jahre jünger. Das Ehepaar hat drei Kinder im Alter von 50, 48 und 45 Jahren. Hinzu kommen acht Enkel, die zwischen 12 und 20 Jahre alt sind. Der Freiberufler ist zu einem beachtlichen Vermögen gekommen, wie ein Blick auf die wichtigsten Klassen zeigt. Die Summe des Bargelds und der Termingelder liegt bei 200.000 Euro. Die Anleihen haben einen Wert von 600.000 Euro. Hinzu kommt die Rente des Versorgungswerks. Sie beträgt 3000 Euro pro Monat. Das entspricht bei einer Restlaufzeit von zehn Jahren einem Kapitalwert von 300.000 Euro. Das Eigenheim könnte für 400.000 Euro verkauft werden. Die vermieteten Immobilien sind 1,2 Millionen Euro wert. Der Marktwert der Aktien liegt bei 400.000 Euro. Abgerundet wird das Vermögen durch Gold in der Größenordnung von 100.000 Euro. Das führt unter dem Strich zu einem Vermögen von 3,2 Millionen Euro.

Viele Millionäre sind beim Geld „einsame“ Menschen

Die Summe wird, wie das in diesem Land üblich ist, zu bissigen Kommentaren führen. Daher ist es kein Wunder, dass viele Millionäre beim Geld "einsame" Menschen sind. Sie haben das Vermögen mit den eigenen Händen aufgebaut. Trotzdem bleibt ihnen in der Regel die Anerkennung versagt. Hinzu kommt die Angst, das Vermögen durch Abgaben, Inflation und Fehlentscheidungen zu verlieren. Geldanlage am Ende des Lebens führt weniger zu der Frage, in welche Produkte das Kapital gesteckt wird, sondern fördert eher den Gedanken, wie das Vermögen verteilt werden soll. Die Überlegungen münden in der Frage, wie viel Geld die Senioren für sich brauchen. Dann geht es um die Frage, wie der Überschuss veräußert werden soll. Und zum Schluss wird es knifflig. Wird das Geld verschenkt oder vererbt? Und bei der zweiten Lösung ist festzulegen, wie das Geld bis zum Todestag angelegt werden soll.

Die "einfachste" Frage dürfte die erste sein. Wie viel Geld brauchen die Eltern für sich? Die Antwort wird vom Ausgabeverhalten der Senioren abhängen, und da ist ein Blick in die Bücher notwendig. Wie hoch sind die Ausgaben für die Autos? Wie viel Geld kostet das Eigenheim? Wie teuer ist der Konsum? Wie hoch sind die Prämien für die Versicherungen? Es ist egal, wie hoch die Summe ist. Wichtig ist allein, dass der Betrag realistisch ist. Im vorliegenden Fall liegen die Aufwendungen bei 7000 Euro monatlich. Davon werden 3000 Euro durch das Versorgungswerk abgedeckt. Folglich fehlen 4000 Euro. Das Geld steht durch Mieten und Zinsen zur Verfügung, aber das ist nicht der springende Punkt. Viel wichtiger für die Strukturierung ist der Kapitalwert des Konsums. Wenn die Eltern zum Beispiel noch zehn Jahre leben, müssen 120 Raten à 4000 Euro beziehungsweise 480.000 Euro vorhanden sein, um über die Runden zu kommen.

Hoffnungen auf Erträge und Zinsen begraben

Die 480.000 Euro sind ein Entnahmeplan ohne Zinsen. Das Geld wird im Tresor verwahrt, und die Anleger vertrauen darauf, dass weder Schimmel noch Reformen das Geld vernichten. Die Senioren nehmen sich jeden Monat genau 4000 Euro aus dem Tresor, und nach zehn Jahren ist er leer. Nun kommen aber die üblichen Ängste und Sorgen ins Spiel. Was geschieht, wenn die Eltern älter werden? Die Antwort heißt: Dann werden sie älter. Was ist zu tun, wenn die Senioren mehr Geld ausgeben? Die Antwort lautet: Dann sollte im Tresor mehr Geld liegen. Und was passiert, wenn der Apotheker a.D. zum Pflegefall wird? Die Antwort lautet: Dann ist es so.

Die Fragen und Antworten mögen, das liegt in der Natur der Sache, hier und da Kopfschütteln auslösen. Sie zeigen aber, und das ist der springende Punkt, vor allem im Alter mit Fragen beschäftigen, auf die es schlicht und ergreifend kein Antwort gibt. Und weil es keine Antwort gibt, halten die Menschen am Geld fest. In vielen Fällen klammern sie sich sogar krampfhaft an ihr Vermögen, und das führt zu Angst und Abhängigkeit, die für Leib und Seele schädlich sind.

Die einfachste Lösung ist die Erhöhung der Rücklage. Es ist genügend Geld vorhanden, so dass der Apotheker den Betrag, der in den Tresor wandern soll, zum Beispiel verdoppeln kann. Dann sind es nicht 500.000 Euro, sondern eine Million Euro. Fatal ist in diesem Zusammenhang die Hoffnung auf Zinsen. Der Glaube, besser gesagt die Gier, mit Geld noch Geld verdienen zu können, ist zurzeit eher ein Irrglaube. Die Zinsen für "sichere" Geldanlagen bewegen sich im Moment bei 1 bis 2 Prozent jährlich. Davon bleibt nach Abzug der üblichen Spesen und Steuern so gut wie nichts übrig, so dass ältere Anleger die Hoffnungen auf Erträge und Zinsen am besten so schnell wie möglich begraben.

Drei Fliegen auf einen Streich

Im vorliegenden Fall sollte die Erkenntnis, dass für das Restleben das Eigenheim im Wert von 400.000 Euro, die Rente des Versorgungswerks und die Rücklage der Anleger zur Verfügung stehen, für gewisse Erleichterung sorgen. Was passiert aber mit dem restlichen Vermögen von 1,5 Millionen Euro? Muss es bewahrt werden, kann es verschenkt werden, soll es vererbt werden? Die Fragen hören sich harmlos an, doch Senioren haben in der Regel erhebliche Probleme mit klaren Entscheidungen.

Zweckmäßig wird ein Blick auf das Testament sein. Wenn der letzte Wille noch gar nicht formuliert ist, weil der Apotheker dafür noch keine Muße gefunden hat, greift das Gesetz, wie der Jurist zu sagen beliebt. Hier steht in einfachen Worten, dass das Vermögen zu gleichen Teilen auf die Frau und die drei Kinder übergeht. Wenn das Ehepaar das Vermögen im Laufe der Zeit gemeinsam aufgebaut hat, wird der Apotheker etwa 1.600.000 Euro vererben. Folglich bekommt die Ehefrau rund 800.000 Euro, und die drei Kinder erhalten jeweils 267.000 Euro. In der Wirklichkeit laufen die Dinge freilich anders ab. Vererbt werden nicht konkrete Geldbeträge, sondern Anteile an Vermögensgegenständen. Das Resultat sind die berüchtigten Erbengemeinschaften. Jedes Konto, jede Anleihe, jede Immobilie, jede Aktie und jedes Goldstück wandert in den großen Topf, und jeder Gegenstand gehört zur Hälfte der Mutter und zu drei Sechsteln den Kindern. Das kann bei der endgültigen Verteilung zu Problemen führen, so dass sich die Frage stellt, ob das im Sinne des Apothekers ist.

Eleganter dürfte die Lösung sein, das Vermögen in zwei Hälften zu teilen. Die Eltern behalten 1,7 Millionen Euro, sprich: Eigenheim, Rente und Rücklage, und die Kinder bekommen jeweils eine halbe Million, und zwar sofort. Damit erlegen die Eltern drei Fliegen auf einen Streich. Sie denken an sich, sie kümmern sich um die Kinder, und sie entledigen sich der Sorge, ihr Vermögen anlegen zu müssen. Der Vorschlag hat nur einen Haken. Er ist so einfach, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht verwirklicht wird. Der Hauptgrund für das Festhalten ist, auch wenn es die Menschen nicht hören wollen, die nackte Angst um die eigene Existenz. Man weiß nie, was im Leben noch passieren wird, lautet die gängige Antwort auf die Frage, warum Geld nicht zu Lebzeiten verschenkt wird. Das ist in der Tat richtig. Nur gilt die Antwort auch für die Geldanlage. Niemand weiß, wie sich Anleihen entwickeln werden, wie es mit den Immobilien weitergehen wird, was aus den Aktien werden wird, wie stabil der Goldpreis sein wird.

Passivität hat ihren Preis

Vor diesem Hintergrund ist der rechtzeitige Schnitt die beste Lösung. Der Schatz wird versilbert, die Beute wird unter den Angehörigen der Familie aufgeteilt, und die Eltern sichern sich mit Hilfe eines Testaments wechselseitig ab. Die Alternative ist die Trennung des Vermögens in einen Elternteil und in einen Erbenteil. Damit sind freilich die Probleme nicht vom Tisch. Erstens ist auch für diese Lösung ein Testament notwendig, und zweitens stellt sich die Frage, wie der Erbenteil bis zum Fälligkeitstermin angelegt werden soll. Sollen in den Erbenteil zum Beispiel die Teile des Vermögens fließen, welche die Eltern nicht benötigen? Oder sollen Streitereien bei der Verteilung des Erbes nach Möglichkeit vermieden werden?

Es gibt zwei Ansätze, um Zank und Zwist unter den Kindern zu minimieren. Die Eltern rühren die Anlagen, die für die Kinder vorgesehen sind, nicht an und bestimmen einen Testamentsvollstrecker. Oder die Senioren erledigen dessen Arbeit erstens selbst und zweitens in den nächsten Monaten. Konkret bedeutet das, dass vor die unbeweglichen Erbstücke, vor allem Häuser und Wohnungen, in bewegliche Anlagen umgeschichtet werden. Auf diese Weise wird die Aufteilung des Erbes mit wenigen Handgriffen möglich. Die mit Abstand schlechteste Lösung ist Passivität. Wer nichts tut, macht nach landläufiger Einschätzung nichts falsch, aber es gibt keine Regel ohne Ausnahme.

Beim Umgang mit Geld hat Passivität im wahrsten Sinne des Wortes ihren Preis. Die erste Maßnahme bei der Verwaltung des Vermögens sollte die Überprüfung der Kosten sein. Wenn das Geld einfach und solide angelegt wird, ist kein Verwalter notwendig, der jedes Jahr zwischen 1 und 2 Prozent des Vermögens kostet. Da sind börsengehandelte Indexfonds die kostengünstigere Lösung. Die zweite Maßnahme ist das Testament, wenn der Wille von den Vorgaben des Gesetzes abweicht. Die dritte ist die richtige Aufteilung des Vermögens, und die vierte ist wohl die größte Herausforderung. Die Senioren sollten ihr Vermögen in vollen Zügen genießen, weil sich das Leben dem Ende zuneigt.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen

Quelle: F.A.Z.
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Volker Looman
Freier Autor in der Wirtschaft.
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