Die Vermögensfrage

Senioren geben ihr Geld nicht gern aus

Von Volker Looman, Reutlingen
02.12.2011
, 16:48
Das gewaltsame Festhalten am Geld und die krampfhafte Suche nach sicheren Anlagen sorgen oft für Schmerzen an Leib und Seele.
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Die finanzielle Gestaltung des Ruhestandes ist selbst für Ruheständler, die nicht mit Altersarmut kämpfen, kein Honigschlecken. Dafür sind in vielen Fällen fünf Gründe verantwortlich. Erstens wissen Anleger oftmals gar nicht, wie reich sie tatsächlich sind. Das ist nicht schlimm, aber gut ist es auch nicht. Zweitens ahnen sie nicht, welches Vermögen hinter Pensionen und Renten steckt. Sie können sich nicht vorstellen - das ist der dritte Grund - wie hoch der Barwert des Konsums ist. Viertens wabert zurzeit große Angst vor Inflation und Währungsreform durchs Land. Und fünftens fehlt den unruhigen Ruheständlern der Mut, ihr Vermögen zu verbrauchen oder zu verschenken.

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Die Folgen sind fatal. Die Senioren verzetteln sich mit ihren Anlagen und können den Ruhestand im Extremfall gar nicht so genießen, wie sie es verdienen. Die alltäglichen „Sorgen“ werden in folgendem Fall deutlich: Ein verheirateter Beamter ist seit fünf Jahren im Ruhestand. Der Mann ist 70 Jahre alt und hat viele Jahrzehnte in der Verwaltung gearbeitet. Dafür bekommt er nun eine Pension von 4000 Euro - erstens jeden Monat und zweitens netto auf die Hand. Die Steuern sind schon abgezogen. Nur die Prämien für die Krankenkasse und die Pflegeversicherung müssen noch entrichtet werden. Die Ehefrau ist 65 Jahre alt und kümmert sich um den Haushalt.

Bescheidene Millionäre

Das Vermögen des Ehepaars besteht neben der Pension aus fünf Positionen. Sie wohnen in einem Haus, das in die Jahre gekommen ist. Für das alte Gemäuer ist auf dem Immobilienmarkt nicht viel zu bekommen. Wertvoll ist aber das Grundstück. Es würde beim Verkauf mindestens 300.000 Euro in die Kasse bringen. Auf dem Festgeldkonto der Hausbank liegen 118.000 Euro. Bei der Schuldenverwaltung des Bundes werden Schatzbriefe im Wert von 200.000 Euro verwaltet. Und das Wertpapierdepot hat einen Kurswert von 300.000 Euro.

Die Eheleute sind anderthalbfache Millionäre, doch das können sich die Herrschaften, von Natur aus bescheidene Menschen, in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen. Sie sehen mit viel Mühe die 620.000 Euro, weil sie eben auf das Festgeld, die Bundesschatzbriefe und die Wertpapiere schauen. Auf die Idee, dass die Pensionen und das Haus ein kleines Vermögen sind, kommen die Senioren beim besten Willen nicht. Die Pension fließt, das Haus steht, und das genügt.

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Die Schilderung mag sich für alle Menschen, die in anderen Verhältnissen leben, wie ein Märchen aus dem Morgenland anhören, doch das Problem, dass Senioren nicht wissen, wie reich sie sind, ist eben kein Märchen Es ist die Wahrheit, und der größte Fehler, der bei der finanziellen Gestaltung des Ruhestandes gemacht wird, ist die fehlende Kapitalisierung der Pensionen und Renten. Der Mann ist 70 Jahre alt und wird, wenn die aktuellen Sterbetafeln stimmen, noch 15 Jahre leben. Allein die Multiplikation von 180 Monaten mal 4000 Euro zeigt, dass der Beamte viel Geld besitzt. Nur spürt er diesen Reichtum nicht, weil er für die 720000 Euro weder einen Pfennig noch einen Cent aufgebracht hat.

Die Rente ist ein Vermögen

Die Haltung ist verständlich. Nur berechtigt sie nicht zu der Aussage, dass die Pension kein Vermögen sein. Jeder freiberufliche Künstler und jeder selbständige Handwerker müsste im Laufe des Berufslebens einen Betrag von mindestens 582000 Euro angespart und mit 3Prozent verzinst haben, um danach dem Topf insgesamt 15 Jahre lang monatlich 4000Euro entnehmen zu können. Folglich stellt jede Pension oder Rente ein Vermögen dar. Im vorliegenden Fall wird der Wert sogar über 582000 Euro liegen, weil die Frau jünger ist und eine Lebenserwartung von 25 Jahren hat. Sie hat Anspruch auf eine Witwenrente von 60 Prozent des Gehaltes ihres Mannes, so dass sich der Staat darauf einstellen muss, zunächst 180 Monate lang 4000 Euro und danach 120 Monate lang 2400 Euro bezahlen zu müssen. Das sind in der Summe genau 1008000 Euro und in Form des Kapitalwertes ungefähr 743000 Euro.

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In enger Verbindung zum Rentenbarwert steht der Konsumbarwert. Das sind die Ausgaben des Ehepaars für das tägliche Leben. Dazu gehören in erster Linie die Aufwendungen für Auto, Ernährung, Kleidung, Urlaub, Versicherungen und Wohnung. Sie summieren sich im vorliegenden Beispiel auf 4500 Euro pro Monat, weil die Pensionäre trotz aller Bescheidenheit reiselustige Zugvögel sind. Wenn einer der beiden Ehepartner stirbt, werden die Ausgaben voraussichtlich auf 3000 Euro sinken. Das führt in Anlehnung an die Rentenrechnung zu 180 Ausgaben à 4500 Euro und zu 120 Raten à 3000 Euro, so dass unter dem Strich ein Barwert von 855000 Euro herauskommt.

Das ist ein komfortables Ergebnis. Wenn die Senioren im Alter nicht auf dumme Gedanken kommen und zum Beispiel in die Spielbank gehen, sondern auf dem Boden der Tatsachen stehen bleiben, dürfte der Lebensabend unter finanziellen Aspekten gesichert sein. Das Ehepaar hat ein Dach über dem Kopf, und der Barwert der Renten liegt nur 112000 Euro unter dem Kapitalwert des Konsums, so dass der Alltag im grünen Bereich verläuft. Damit können sie sich die Anleger mit der Frage beschäftigen, was aus dem Festgeld, den Schatzbriefen und den Wertpapieren werden soll.

Das einfachste Konzept

Bei nüchterner Betrachtung der Dinge geht es freilich um ganz andere Dinge. Das Ehepaar träumt seit Beginn des Ruhestandes vom Umzug in die Großstadt. Die Gartenarbeit ist zur Last geworden, und die Reparaturen im Haus sind ein Reizthema. Die Frau möchte renovieren, der Mann will sparen.

Nebenbei hat das Ehepaar zwei Kinder im Alter von 45 und 40 Jahren, die unter ihren Schulden stöhnen und dankbar wären, wenn die Eltern ihren Geldbeutel aufmachen würden. Auf diesem Ohr sind die Eltern freilich taub. Sie denken an das Altersheim, und sie haben große Angst, eines Tages zu Pflegefällen zu werden.

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Das einfachste Konzept, wie das Vermögen angelegt werden kann, besteht aus sechs Punkten. Erstens: Der Gedanke an das Altersheim wird in die Biotonne entsorgt. Zweitens: Die Angst vor dem Pflegeheim wird im Garten vergraben. Drittens: Das Ehepaar verkauft das Eigenheim und erwirbt in der Großstadt für 400000 Euro eine schöne Wohnung. Viertens: Es packt 220000 Euro auf das Sparbuch, um die Konsumlücke zu schließen. Fünftens: Das Paar schenkt beiden Kindern jeweils 150000 Euro mit der Auflage, die milde Gabe zum Abbau der Schulden zu verwenden. Sechstens: Das Ehepaar freut sich jeden Tag über das Leben

Wunderschöne Idee mit Haken

Der Idee ist kein Scherz, sondern bitterer Ernst, weil sie einfach, praktisch und gut ist. Der Vorschlag befreit die Eltern auf einen Streich von fünf Problemen. Altersheim und Pflege rücken in weite Ferne. Darüber wird gesprochen, wenn es so weit ist. Das Ehepaar streitet sich beim Frühstück nicht mehr über die Frage, ob nun das Bad oder das Gästezimmer zuerst renoviert wird. In der Wohnung in der Großstadt sind beide Räume neu. Das Sparbuch ist eine sichere Bank, um die Konsumlücke zu stopfen. Die Tilgung der Schulden, welche die Kinder auf ihren Häusern haben, dürfte zurzeit eine hervorragende Anlage sein. Und die Investition in die eigene Lebensfreude ist die mit Abstand beste Geldanlage sein, die es überhaupt gibt.

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Der Vorschlag hat nur einen Haken: Er ist so einfach, er ist so schlicht, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in die Tat umgesetzt werden wird. Frei nach dem Motto, warum es einfach sein muss, wenn es auch schwierig geht, wird sich das Ehepaar grämen und sorgen, und dagegen ist kein Kraut gewachsen. Banken und Versicherungen werden die Ruheständler in ihrer Haltung bestärken, das Geld sicher und rentabel anzulegen. Und wie sieht die Alternative für alle Verweigerer des Einfachen und Schönen aus?

Hier wird es notwendig sein, Bleistift und Papier aus der Schublade zu holen und aufzuschreiben, was in dem alten Einfamilienhaus zu machen ist, wie hoch die Aufwendungen sein werden und wann die Arbeiten zu bezahlen sein werden. Gleichzeitig kann sich das Ehepaar intensiv Gedanken darüber machen, ob in naher Zukunft das ebenfalls in die Jahre gekommene Zweitauto ersetzt werden soll oder nicht. Die beiden Punkte, hier das Haus, dort das Auto, werden beim Frühstück für viel Zündstoff sorgen, aber was sein muss, ist eben zu erledigen.

„Volles“ Risiko

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die Summe sechsstellig werden, und die 100.000 Euro werden in naher Zukunft benötigt. Folglich kommen für die „Rücklagen“ nur sichere Anlagen wie Sparbriefe oder Wertpapiere in Frage. Ähnlich sollte das Ehepaar an die Finanzierung der Konsumlücke herangehen.

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Die 180 Raten à 500 Euro und die 120 Raten à 600 Euro können nicht in Exoten angelegt, sondern müssen in einen sicheren Topf gesteckt werden. Hier bietet sich der Abschluss einer Leibrente an. In den Vertrag werden 120.000 Euro eingezahlt, und im Gegenzug kommt jeden Monat die gewünschte Zusatzrente heraus.

Wenn diese Punkte erledigt sind, hat das Ehepaar noch 400.000 Euro in der Kasse. Vor dem Hintergrund, dass die Senioren in einem schuldenfreien Haus leben, das hier und da sogar neuen Glanz versprüht, und der Konsum finanziert wird, könnten die Eltern „volles“ Risiko gehen. Das Geld könnte in Aktien angelegt werden, aber die Erfahrung lehrt, dass Senioren in diesem Alter nur in Ausnahmefällen oder nach dem Genuss von Whisky und Eierlikör derartige Gedanken entwickeln.

Vermögen besser selbst anlegen

Die demgegenüber beliebte Übergabe des Geldes in die Hände eines Vermögensverwalters bei der Hausbank ist mit Gefahren für Haus und Hof verbunden. Das klingt boshaft, aber der Betrag von 400.000 Euro ist für jede Bank so wenig Geld, dass das Kapital mit hoher Wahrscheinlichkeit in Investmentfonds landen wird, und das geht mächtig ins Geld. Wenn die 400.000 Euro jeweils zur Hälfte in Anleihen und Aktien investiert werden, ist mit Ausgabeaufschlägen von 4Prozent zu rechnen. Folglich verschwinden erst einmal 16000 Euro im Orkus. Hinzu kommt die jährliche Verwaltungsgebühr von 1,5 bis 2 Prozent. Das sind zwischen 6000 und 8000 Euro pro Jahr, so dass innerhalb von zehn Jahren ziemlich schnell 100.000 Euro anfallen werden.

Wem dieses Treiben zu bunt ist, wird selbst Hand anlegen müssen, und das schafft auch jeder Anleger im Alter von 70 Jahren. Er nimmt die 400.000 Euro und verteilt das Geld zu gleichen Teilen auf 20 Anleihen und 20 Aktien. Bei den Anleihen kommen Staatspapiere und Unternehmensanleihen in Frage, und bei den Aktien sind deutsche Standardwerte erste Wahl.

Das Konzept ist wirklich kein Hexenwerk und kostet nicht viel Geld. Mehr als 4000 Euro werden es nicht sein, wenn die Geschäfte über die Hausbank abgewickelt werden, und wer den Umgang mit Computer und Internet beherrscht, kann die Kosten noch einmal senken. Ob auf diese Weise aber die richtige Freude am Leben aufkommt, ist es andere Sache. Vielleicht ist der erste Vorschlag ja doch die bessere Lösung!

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Looman, Volker
Volker Looman
Freier Autor in der Wirtschaft.
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