Die Vermögensfrage

Höchste Renditen versprechen Bildung und Sparsamkeit

Von Volker Looman, Reutlingen
30.12.2011
, 17:23
Die Hoffnung auf bessere Zeiten bei Geldanlagen aller Art ist trügerisch. Nachhaltiger Erfolg erfordert jedenfalls Disziplin und Strategie.

Der Jahreswechsel ist die Zeit der Hoffnungen, Träume und Vorsätze. Das gilt auch für Geldanlagen aller Art. An Prognosen, was 2012 besser und schöner werden soll, mangelt es nicht, wie ein Blick in Zeitungen und Zeitschriften zeigt. Trotzdem bleiben sie unverbindliche Vorhersagen. Allen Unkenrufen zum Trotz weiß kein Mensch, wohin die Reise gehen wird, und mit dieser Ungewissheit werden die Anleger auch im nächsten Jahr leben müssen.

Niemand kennt die Zukunft des Euro. Keiner kennt das Ende der Staatskrisen. Unbekannt sind die künftigen Preise für Aktien, Immobilien und Gold. Kurzum: Sicher ist nur die Unsicherheit. Wer dem Leben vertraut, wird sich über die Zukunft - auch über das Geld - weniger Sorgen machen. Wird das Vermögen breit gestreut und auf die Kosten geachtet, dann sind die wichtigsten Grundlagen geschaffen worden, um auch 2012 über die Runden zu kommen.

Beim Geld brennen die Sicherungen durch

Den älteren Privatleuten ist zu wünschen, ihren Wohlstand in vollen Zügen zu genießen. Leider ist das nur wenigen Senioren vergönnt. Die meisten Menschen, die zwischen 70 und 90 Jahre alt sind, haben große Angst um ihr Vermögen. Das ist eine Tragödie, weil Geldsorgen Menschen lähmen. Die älteren Anleger haben Kriege und Reformen überlebt. Sie haben liebe Menschen verloren. Mit diesen Ereignissen und Schicksalsschlägen sind die Leute fertig geworden. Nur beim Geld drohen wieder einmal die Sicherungen durchzubrennen. Ist es so schlimm, ein oder zwei Zehntel des Vermögens zu verlieren? Ist die Angst vor dem Schwund es wirklich wert, sich Tag und Nacht über das Geld zu grämen? Wohl dem, der sich über seelische Zwänge hinwegsetzen und das Leben nehmen kann, wie es ist. Es wird bergauf gehen, und es wird weitergehen.

Das sollten sich jüngere Menschen ganz besonders zu Herzen nehmen. Wohlstand ist kein Geschenk des Himmels, Kapital entsteht nicht durch Zinsen und Zinseszinsen, Vermögen ist Ergebnis von Arbeit und Sparsamkeit. Vor diesem Hintergrund sollten junge Anleger einsehen, dass Bildung und Fleiß auf Dauer die besten Geldanlagen sind. Die Arbeitskraft ist für die meisten Menschen das mit Abstand größte Kapital. Leider wird dieser Schatz viel zu wenig gepflegt. Die Grundlage „ertragreicher“ Arbeit ist nicht irgendein „toller Job“, wie viele Menschen meinen, sondern Enthusiasmus für bestimmte Dinge und die Ausdauer, die Arbeit auch in schwierigen Zeiten ohne Murren zu erledigen. Aus diesem Grund kommt es schon bei der Wahl des Berufes darauf an, nicht bloß einer Mode zu folgen, sondern mit Begeisterung an die Sache zu gehen. Es ist wichtig, individuelle Neigungen zu erkennen, sich auf diese Fähigkeiten zu konzentrieren und zu versuchen, die Stärken zum Nutzen anderer Leute einzusetzen.

Anlage in Bildung hat auf Dauer nur Vorteile

Heikel wird die Geschichte, sobald Bildung Geld kostet. Wenn einzelne Politiker laut darüber nachdenken, an den Hochschulen moderate Studiengebühren einzuführen, gehen die Wogen hoch, weil Bildung zu einem Artikel verkommen ist, der nichts kosten darf. Warum eigentlich nicht? Jeder Handwerker investiert zunächst Arbeit und Zeit in die Lehre. Nach der Meisterprüfung muss er in vielen Fällen zusätzlich Geld aufnehmen, um einen Betrieb aufbauen zu können. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum Akademiker für ihre Bildung kein Geld aufwenden sollen. Natürlich ist es kein Honigschlecken, am Anfang des Studiums einen Kredit aufzunehmen und die Schulden nach dem Examen zurückzuzahlen, doch die Anlage in Bildung hat auf Dauer nur Vorteile.

Wer für Bildung bezahlen muss, stellt zu Recht auch Ansprüche. Dadurch steigt die Qualität der Ausbildung. Genauso besteht die Aussicht, auf Dauer höhere Einkommen zu erzielen. Darüber machen sich die meisten Menschen kaum Gedanken. Wer zum Beispiel in der Jugend einmalig 100.000 Euro in die eigene Bildung investiert und in den folgenden 30 Jahren jeweils 10.000 Euro mehr als die Menschen verdient, die nicht studiert haben, erzielt eine Verzinsung von knapp 10 Prozent. Wo gibt es auf Dauer vergleichbare Renditen? Wenn die Einkünfte auf Dauer um 15000 Euro höher sind als bei Menschen, die auf eine entsprechende Bildung verzichtet haben, steigt die Rendite sogar auf 15 Prozent, so dass deutlich wird, dass Bildung in höchstem Maße rentabel sein kann.

Warum in die Ferne schweifen?

Das gilt nicht nur für die Ausbildung, sondern auch für die Fortbildung. Es gibt viele Leute, die sich im Alter von 40 oder 45 Jahren den Kopf darüber zerbrechen, wie sie 50.000 Euro anlegen sollen. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute nahe liegt? Wenn die 50.000 Euro innerhalb von zehn Jahren eine Rendite von 15 Prozent abwerfen sollen, müssen in dieser Zeit jährlich 10.000 Euro zurückfließen. Sobald die Anlage nicht Aktie, sondern Bildung heißt, bedeutet das im Umkehrschluss, dass das jährliche Nettoeinkommen in dieser Zeit um 10000Euro ansteigen muss. Das mag auf den ersten Blick verwegen klingen, doch wenn das Geld so geschickt angelegt wird, dass der Wert der Arbeitskraft steigt, muss es nicht von vornherein ausgeschlossen sein, dass der Arbeitgeber die neuen Fähigkeiten durch höhere Gehälter honorieren wird.

Auf diesem Fundament kann auch der Traum von einem Vermögen durchaus Realität werden. Entscheidend ist aber nicht die Hoffnung auf den schnellen Euro, sondern die Einsicht, dass kleine Schritte auf lange Sicht die größten Aussichten auf Erfolg haben. Daher geht es in vielen Fällen nicht um heiße Börsentipps, sondern um Bildung und die Bereitschaft, von jedem Euro, der mit diesem Wissen verdient worden ist, einen kleinen Teil zur Seite zu legen. Der Aufruf zum Sparen löst allerdings bei vielen Leuten, sowohl bei Junioren als auch bei Senioren, großes Kopfschütteln aus, und die Liste der Ausflüchte, warum es gerade im Augenblick unmöglich sei, mit dem Sparen anzufangen, scheint endlos zu sein.

Kleine Wunder der Sparsamkeit

Trotzdem gab es zu allen Zeiten Menschen, die es „irgendwie“ doch geschafft haben, einen Teil ihres Einkommens auf die hohe Kante zu legen. Bei genauer Analyse zeigt sich, dass diese Anleger ein einfaches Rezept haben: Sie zweigen 10 Prozent ihrer Einkünfte ab, wobei deren Höhe keine Rolle spielt. 10 Prozent sind 10 Prozent. Die Beträge werden, sobald sie auf dem Girokonto eingegangen sind, umgehend auf ein Sparkonto gebucht. Das tut vielleicht am Anfang weh, doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er gewöhnt sich an Gehaltskürzungen von 10 Prozent. Genauso sind Gehaltserhöhungen nach einigen Monaten nichts Besonderes mehr. Warum sollte es also nicht möglich sein, regelmäßig 10 Prozent des Nettogehalts auf die Seite zu legen?

Bildung und Sparsamkeit können auf lange Sicht kleine Wunder bewirken. Die Rendite für Sparverträge, die zu gleichen Teilen aus Aktien und Wertpapieren bestehen, betrug in der Vergangenheit mindestens 5 Prozent. Wenn diese Entwicklung auch in Zukunft anhält, wird ein 25 Jahre alter Anleger, der monatlich 200Euro spart, im Laufe seines Berufslebens - voraussichtlich bis zum 67.Lebensjahr - etwa 300.000 Euro ansammeln. Das ist nicht die berühmte Million, von der manche Menschen träumen. Muss es aber unbedingt so viel Geld sein? Wer zu diesem Zeitpunkt unbedingt die Eins mit den sechs Nullen auf dem Konto haben möchte, müsste jeden Monat rund 662Euro ansparen. Wem das zu langsam geht, muss entweder die Sparrate erhöhen oder an der Zinsschraube drehen.

Den Startschuss nicht verpassen

Wer aber nicht schnell genug aus den Startlöchern kommt, hat es wie beim Hundertmeterlauf äußerst schwer, in angemessener Zeit ins Ziel zu kommen. Wem der Zusammenhang von Zeit und Zins erst mit 52 Jahren klargeworden ist, hat schlechte Karten. Er muss darben und spekulieren, weil bis zum 67. Lebensjahr bei einem jährlichen Anlagezins von 5 Prozent noch 180 Raten à 1881 Euro notwendig sein werden, um bis zum Torschluss wenigstens 500.000 Euro zu erreichen. Eine Rendite von 5 Prozent nach Abzug der Kosten und Steuern ist im Augenblick aber nicht zu schaffen. Staatsanleihen bringen zur Zeit, wenn es hoch kommt, jährlich 3 Prozent, und für Unternehmensanleihen mögen 4 Prozent zu erzielen sein. Folglich sind Aktien notwendig, um die Verzinsung zu steigern, aber mit diesen Anlagen haben Privatleute die üblichen Probleme. Dann helfen wirklich nur drei Dinge: Arbeit, Bildung und Sparsamkeit.

Und was ist dem „Mittelalter“ für das kommende Jahr zu raten? Die erste Bemerkung hat mit Geld wenig und doch viel zu tun. In der Halbzeit des Lebens wird in Deutschland jede zweite Ehe geschieden. Das hat nicht nur seelische, sondern auch finanzielle Folgen. Privatleute, die im Jahr vielleicht 50.000 oder 60.000 Euro verdienen, können nach einer Scheidung den Traum vom Wohlstand begraben. Das klingt zwar hart, ist aber die Wahrheit. Die Eltern müssen sich neue Haushalte einrichten. Wenn Kinder auf der Welt sind, fallen Unterhaltszahlungen an. Frauen verdienen in der Regel weniger als Männer, so dass die Trennung von Tisch und Bett zu tiefen Einschnitten führt. Gegen die Abkühlung der Liebe gibt es nach wie vor kein Heilmittel, sondern nur den Hinweis, dass Ehen im Himmel geschlossen und auf der Erde gelebt werden, und da wäre es in vielen Fällen hilfreich, Ansprüche und Erwartungen wie bei den Geldanlagen von Anfang an nicht allzu hoch aufzuhängen.

Die zweite Bemerkung ist ein Plädoyer für einfache und klare Strukturen im Privatvermögen. In der Mitte des Lebens haben sich, das liegt in der Natur der Sache, viele Geldanlagen, Kredite und Versicherungen angesammelt. Hier sind in vielen Fällen schnelle Flurbereinigungen von Vorteil. Bei den Versicherungen ist Vorsorge gegen die finanziellen Folgen von Haftpflichtschäden, Krankheit und Berufsunfähigkeit und den Tod zu sorgen. Mehr ist nicht notwendig. Darlehen und Kredite sollten, wenn die Schuldzinsen als Werbungskosten nicht absetzbar sind, so schnell wie möglich getilgt werden. Und das freie Vermögen für den Ruhestand sollte mit Hilfe bewährter und einfacher Produkte wie Anleihen, Immobilien und Aktien aufgebaut werden.

Der nachhaltige Erfolg bei Geldanlagen hängt von zwei Dingen ab: Strategie und Disziplin. Von diesen Tugenden ist bei zahlreichen Anlegern im Moment freilich nicht viel zu spüren. Das heftige Erdbeben auf den Finanzmärkten hat private Anleger dermaßen in Angst und Schrecken versetzt, dass die meisten Vermögenspläne nur noch Schall und Rauch sind. Die Panik ist zwar nicht aufzuhalten, doch die Sorgen sind unnötig wie ein Kropf. Erstens gehören Krisen zum Alltag, und zweitens kommen Anleger, die ihr Vermögen streuen und ihren Prinzipien treu bleiben, nur selten unter die Räder. Umgekehrt bezahlen Investoren, die wie aufgescheuchte Hühner über den Hof rennen und ihre Pläne ständig über den Haufen werfen, viel Geld für diesen Wankelmut.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z.
Kopie von FAZ Logo Platzhalter
Volker Looman
Freier Autor in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot