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Überwachung im Telematik-Tarif

Wenn die Autoversicherung alles sieht

Von Anna Steiner
 - 10:45
Gute Fahrt: Unsere Autorin sieht auf dem Smartphone sofort, wie vorbildlich sie unterwegs war.

Eine Autoversicherung ist eine kostspielige Sache. Selbst für Kleinwagen wie meinen – einen Volkswagen Up – zahlt man als junge Fahrerin einen Jahresbeitrag, der es in sich hat. Als meine Autoversicherung, die HUK Coburg, im Frühjahr ankündigte, den Telematik-Tarif auch für Nichtfahranfänger zu öffnen, habe ich gewechselt. Das Versprechen der Versicherung: bis zu 30 Prozent Ersparnis durch gutes Fahrverhalten. Seitdem klebt ein kleiner grauer Kasten an der Innenseite meiner Windschutzscheibe. Er ist über Bluetooth mit meinem Handy verbunden und registriert alles, was ich mache: wann ich wie beschleunige, wie stark ich bremse, ob ich gut lenke und wann ich ein Tempolimit missachte.

Eine App visualisiert die Daten. Auf vier Balken kann ich sehen, ob ich in den Kategorien Geschwindigkeit, Bremsen, Beschleunigen und Lenken eher im grünen oder gelben Bereich bin. Eine Kurve zeigt mir an, wie sich mein Fahrwert über die Zeit verändert. Anhand dieses Gesamtfahrwertes berechnet die HUK Coburg dann meine Versicherungsprämie für das folgende Jahr. 100 Punkte sind möglich und würden 30 Prozent Beitragsersparnis bedeuten. Wer null Punkte erreicht, bezahlt hingegen den üblichen Tarif. So ähnlich funktioniert es auch bei den anderen Versicherern, die solche Telematik-Tarife anbieten.

Die App hat es nicht verstanden

Ich bin eine gute Autofahrerin, dachte ich immer. Zugegeben, das ist subjektiv, und es wird kaum jemanden geben, der etwas anderes von sich behauptet. Aber ich werde nicht geblitzt. Ich finde, dass ich – wenn überhaupt – nur völlig ungerechtfertigte Strafzettel für vermeintliches Falschparken bekomme. Und an dem einzigen Unfall, an dem ich beteiligt war, hatte ich keine Schuld.

Ich bin das, was sportliche Fahrer als wandelndes Verkehrshindernis bezeichnen: Ich fahre auch auf der Autobahn nie schneller als 100 Kilometer pro Stunde. Mein schlechtes Öko-Gewissen, weil ich überhaupt so viel fahre, drängt mich zu spritsparendem Verhalten. Als ich den Telematik-Sensor an meiner Windschutzscheibe befestigt und die App gestartet habe, war ich mir sicher: Ein Wert von 90 Punkten müsste mindestens drin sein. Wie habe ich mich getäuscht! Ich krebse bei etwa 72 Punkten herum. Da kann doch etwas nicht stimmen.

Die Schuldige ist schnell gefunden: diese eine fiese Kurve direkt vor meiner Haustür, eine enge Serpentine mit abschüssiger Fahrbahn. Ganz egal, wie ich die Kurve fahre, ob mit 20 oder 60 Kilometern pro Stunde – die App findet immer was zu meckern. Nachdem ich die Kurve einige Tage lang regelrecht entlanggekrochen war und mir auch sonst nichts hatte zuschulden kommen lassen, erreichte ich einen Fahrwert von 83.

Und dann das: Auf einer Ortsausfahrtsstraße machte ein älterer Herr ein unerlaubtes Wendemanöver auf meiner Fahrbahn, auf der ich mit den erlaubten 70 Kilometern pro Stunde nach Hause brauste. Ich musste auf die Bremse treten, um Schlimmeres zu verhindern. Meine App hat das nicht verstanden. Sie registrierte eine Vollbremsung, zog mir gleich mal 15 Punkte ab und ließ mich frustriert zurück. Das will ich nicht auf mir sitzen lassen. Immerhin steht in der Erklärung zum Telematik-Tarif auf der Internetseite des Versicherers, dass einzelne Ereignisse keine große Auswirkung haben. Klar, es gebe noch Schwächen, heißt es dort. Ich könnte mir meine Daten aber gerne genauer ansehen.

Die Tageszeit macht den Unterschied

Eine Einwilligungserklärung und wenige Tage später starre ich mit Simon Bechmann und Florian Schroeder, den Datenexperten der HUK Coburg, auf einen großen Bildschirm mit unzähligen Grafiken. Die Ausschläge zeigen: Dort habe ich eine Kurve zu schnell genommen, hier zu stark gebremst. Das alles berechnet ein Algorithmus. Er vergleicht die aktuellen Fahrdaten mit den Schadendaten aus der Vergangenheit. Auf ihrer Grundlage werden die Kriterien definiert.

Ich erfahre, dass nicht nur das eigentliche Fahrverhalten eine Rolle bei der Wertung spielt, sondern etwa auch die Handynutzung. Dank dem verbauten Gyroskop, einem Kreiselinstrument, das misst, wie das Handy gedreht, gekippt oder bewegt wird, kann die Software erkennen, ob der Fahrer das Handy während der Fahrt nutzt oder es – wie vorgeschrieben – fest in einer Halterung steckt. Wer während der Fahrt mit dem Handy hantiert, hat ein höheres Unfallrisiko, das belegen die Daten der Vergangenheit. Nicht von ungefähr ist das Telefonieren mit Handy am Ohr strafbar. Wenn ich hingegen über meine Freischalteinrichtung telefoniere oder Spotify via Bluetooth mit meinen Autolautsprechern verbinde, registriert die App das nicht.

Die Uhrzeit, zu der ich fahre, kann sich ebenfalls auf meinen Wert auswirken. Die Schadenwahrscheinlichkeit ist nachts höher als bei Tag. Das macht sich allerdings erst bemerkbar, wenn ich riskant fahre. Ein Beispiel: Es ist egal, ob ich tagsüber oder nachts mit 30 Kilometern pro Stunde in einer Tempo-30-Zone fahre. Wenn ich aber um ein Uhr nachts mit Tempo 60 durch die 30er-Zone rase, wirkt sich das stärker aus als um zwölf Uhr mittags. Abgesehen davon natürlich, dass es zu jeder Uhrzeit schlecht ist, viel schneller als erlaubt unterwegs zu sein.

Einzelne Ausrutscher fallen auf kurze Zeit ins Gewicht

Im Gegensatz zur Uhrzeit spielt meine Fahrtdauer keine Rolle. Es macht keinen Unterschied, ob ich nach einer halben Stunde ein Tempolimit missachte oder nach vier Stunden. Der Ort allerdings ist entscheidend. Der Algorithmus der HUK Coburg hat Straßenabschnitte identifiziert, die besonders gefährlich sind. Solange ich mich dort regelkonform verhalte, gibt es keinen Punktabzug. Fahre ich an solchen Orten aber riskant, spiegelt sich das stärker in meinem Wert wider, als wenn ich auf Straßen riskant fahre, die nicht für ihre Unfallhäufigkeit bekannt sind.

Ich werde zwar nicht geblitzt, dafür aber manchmal von Lkw angehupt, denen ich mit Tempo 90 zu langsam fahre. Kostet mich das Punkte? Hier zögern die beiden Datenexperten mit einer Antwort. „Wir können keine Richtgeschwindigkeit festlegen“, erklärt Bechmann. „Sonst würden sich die Kunden bei einem Unfall darauf berufen.“ Allerdings ermittelt der Algorithmus, wie schnell sich andere Fahrer auf dieser Strecke gerade bewegen. Solange man nicht deutlich aus dem Rahmen fällt, muss man nicht mit Sanktionen rechnen.

Obwohl die Telematik auf unzählige Datensätze zurückgreifen kann und der Datenberg dank mehr als 45.000 Nutzern stetig wächst, bleiben Schwächen. Einzelne Ereignisse wie eine Vollbremsung wirken sich sehr wohl auf den Fahrwert aus, jedenfalls kurzfristig. Je länger die Technologie von einem Fahrer genutzt wird, desto stärker relativiert sich ein einzelnes Ereignis. Meine Vollbremsung wird mich aber ein paar Punkte kosten.

Bis zum Stichtag am 30. September, dem Tag, an dem sich der Versicherungsbeitrag für das nächste Vertragsjahr berechnet, werde ich die Punktzahl, die ich vor der Vollbremsung hatte, nicht mehr erreichen. Weil ich den Tarif erst vor drei Monaten abgeschlossen habe, fallen einzelne Ausrutscher wegen der Kürze des Zeitraums stark ins Gewicht. Erst bei der nächsten Berechnung in zwölf Monaten wird sich das Ereignis nicht mehr in meinem Wert bemerkbar machen.

Es gibt Klärungsbedarf

Wahr ist auch, dass der Algorithmus nicht fehlerfrei arbeitet. In meinem Fall hat mich die Software mittels GPS in einer Tempo-30-Zone, die parallel zur Autobahn verläuft, verortet, dabei war ich auf der Schnellstraße mit 80 Kilometern pro Stunde regelgerecht unterwegs. Es gab Punktabzug für zu schnelles Fahren. In solchen Fällen empfiehlt sich die Kontaktaufnahme mit dem Kundenservice.

Das helfe auch den Entwicklern, sagt Schroeder: „Der Kundenservice leitet solche Fälle an uns weiter, und wir können dann sehen, wo wir nachbessern müssen.“ Gerade ist das der Fall bei einigen Autobahnabzweigen. Manchmal macht eine sehr kurze Autobahnauffahrt das schnelle Beschleunigen zwingend notwendig. Die App registriert das als Ereignis, dabei ist es notwendig, um Auffahrunfälle zu vermeiden. Anders bei der Abfahrt: Mancherorts sind die Abfahrten so kurz, dass die Fahrer recht schnell in eine Kurve abbiegen, um den Verkehr nicht zu behindern.

Die App, die Pflicht ist, wenn man den Sensor nutzen will, hat ebenfalls Schwächen. Sie suggeriert eine Transparenz, die es so nicht gibt. Der Fahrer kann zwar die vier Kategorien Geschwindigkeit, Bremsen, Beschleunigen und Lenken überprüfen. Daraus allein lässt sich aber nicht der Gesamtfahrwert ableiten. Die vielen anderen Kriterien wie Handynutzung oder Uhrzeit und Position, die ebenfalls in die Wertung mit einfließen, unterschlägt die App. Daher ist die Aufregung mancher Nutzer, die ihrem Ärger bei der HUK Coburg oder in den sozialen Netzwerken Luft machen, verständlich. Immerhin kann man sich durch gutes Fahren über einen längeren Zeitraum hinweg auch wieder verbessern. Hier gibt es Klärungsbedarf in der App.

„In jedem modernen Auto ist heute ein Chip verbaut“

Am Ende bleibt auch die Skepsis, was mit meinen Daten passiert. Werden meine Telematik-Daten herangezogen, wenn ich in einen Unfall verwickelt bin? HUK-Vorstand Jörg Rheinländer verneint. Auch bleibe die Telematik optional. Mitmachen muss niemand, aber wer sich bereit erklärt, der kann Geld sparen. Das Ziel der Versicherung ist es vor allem, die Daten zu sammeln, die der Sensor übermittelt.

„In jedem modernen Auto ist heute ein Chip verbaut“, erklärt Rheinländer. „Wir kämen ins Hintertreffen gegenüber den Autoherstellern, wenn wir jetzt keine Telematik anböten.“ Er glaubt, dass es nicht mehr lange dauert, bis Autohersteller die Fahrdaten ihrer Kunden nutzen, um zum Auto den personalisierten Versicherungstarif anzubieten. „Und dann sähen wir alt aus“, sagt Rheinländer.

Die Telematik-Technologie ist eigentlich eine gute Sache. Solange die Daten nicht missbraucht werden, darf die HUK Coburg gerne bei mir im Auto mitfahren. Das begleitete Fahren für Fahranfänger unter 18 Jahren hat auch gezeigt: Wenn eine Kontrollinstanz – in ihrem Fall die Eltern – mitfahren, sinkt die Unfallwahrscheinlichkeit. Ein ähnlicher Effekt lässt sich auch bei der Telematik beobachten. Mein kleiner grauer Kasten hat aber einen großen Vorteil: Beim Fahren redet er mir nicht rein.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Steiner, Anna
Anna Steiner
Redakteurin in der Wirtschaft.
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