Verbraucherkredite

Darf’s noch eine Versicherung sein?

Von Madeleine Brühl und Tillmann Neuscheler
09.11.2020
, 18:29
Die Mehrheit der Restschuldversicherungen schneidet laut „Finanztest“-Untersuchung schlecht ab. Wer trotzdem ruhig schlafen möchte, muss das Kleingedruckte lesen.

Egal ob Haus, Küche oder Auto: Wer einen Kredit aufnimmt, möchte häufig sich und seine Angehörigen vor Zahlungsschwierigkeiten schützen. Laut der Finanzaufsicht Bafin ist dies der häufigste Grund, warum Kreditnehmer eine Restschuldversicherung abschließen, dicht gefolgt von der Empfehlung durch den Berater. 40 Prozent der Kreditnehmer, die ihren Vertrag über eine Bankfiliale aufnehmen, schließen parallel zum Darlehen auch eine Restschuldversicherung ab. Die Zeitschrift „Finanztest“ hat jetzt zum ersten Mal die Bedingungen und Preise dieser Versicherungen verglichen. „Löchrig und teuer“, kritisiert Projektleiterin Stephanie Pallasch von Stiftung Warentest.

Restschuldversicherungen sollen im Falle von Tod, Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit die Kreditraten übernehmen. Die Tester untersuchten die Versicherungsangebote von 25 Banken und bewerteten diese nach Versicherungsbedingungen im Leistungsfall und Preis der Police. Die Vertragsbedingungen im Todesfall beurteilten sie bei 75 Prozent der Banken mit „sehr gut“. Für Pallasch wenig überraschend, schließlich sei dieser Versicherungsfall sehr einfach zu bestimmen.

Deutlich schlechter sind die Ergebnisse dagegen bei den anderen beiden Leistungsfällen. 15 der 25 Banken nutzen statt der Definition für Arbeitsunfähigkeit die für Berufsunfähigkeit und erhielten dafür ein „mangelhaft“ von den Testern. „Für uns war es überraschend, dass die Klausel noch drinstand“, sagt die Projektleiterin, da das Oberlandesgericht Hamm diese schon 2012 für unwirksam erklärt hatte. Durch die veränderte Definition würde erst ein Leistungsfall vorliegen, wenn die Person überhaupt keine Tätigkeit mehr ausüben könnte, wodurch die Zahl der Leistungsfälle deutlich abnehmen würde.

Begrenzter Leistungszeitraum

Auch die Leistungsbedingungen im Falle von Arbeitslosigkeit beurteilt das Team von Stiftung Warentest als unzureichend. Ein Grund dafür ist der Leistungszeitraum, der häufig auf zwölf Monate begrenzt ist. Doch auch ein weiterer Aspekt sorgt häufig für böse Überraschungen bei Kreditnehmern. „Viele Kunden sind sich nicht bewusst, dass die Restschuldversicherung nur bei unverschuldeter Arbeitslosigkeit zahlt“, sagt Stephanie Pallasch. Von allen untersuchten Banken weisen lediglich die DKB und die SKG Bank explizit darauf hin.

„Die Restschuldversicherung schützt Kreditnehmer vor den finanziellen Folgen existenzieller Risiken“, erklärt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in einer Stellungnahme. „Zur Verbesserung der Qualität des Produktes“ haben sich seit dem 1. Juli 23 Versicherer verpflichtet, Verbrauchern über die gesetzlichen Vorschriften hinaus mehr Rechte einzuräumen. Zusätzlich werde zur besseren Vergleichbarkeit die monatliche Kreditrate sowohl mit als auch ohne Restschuldversicherung ausgewiesen. „Es gibt aus unserer Sicht keinen Grund, warum die Restschuldversicherung nicht im effektiven Jahreszins eingerechnet werden sollte“, sagt Warentest-Projektleiterin Pallasch.

2280 Euro Extrakosten

Wie weit die Preise auseinanderliegen, zeigen die Tester anhand eines Rechenbeispiels. Einen Kredit von 10.000 Euro gegen Tod, Arbeitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit abzusichern kostet bei der Deutschen Skatbank 2280 Euro – fast ein Viertel der Kreditsumme. Die Degussa Bank bietet ein vergleichbares Angebot für 764 Euro. Rechnet man für die Deutsche Skatbank den Versicherungspreis auf den effektiven Jahreszins, steigt dieser von 2,89 Prozent auf 12,3 Prozent.

Skeptisch sieht auch Gerhard Schick von der Bürgerbewegung „Finanzwende“ die Restschuldversicherungen. Laut dem früheren Grünen-Politiker sind Ratenkredite mit eingebauter Restschuldversicherung „derzeit das größte Ärgernis am deutschen Finanzmarkt“. Die Policen würden von Banken bei der Kreditvergabe oft ohne ausreichende Bedarfsprüfung mitverkauft, zudem erhielten Banken von Versicherern üppige Provisionen. Im November 2019 stellten die Grünen im Bundestag einen Antrag, Provisionen auf „1,5 Prozent bezogen auf den durch die Restschuldversicherung versicherten Darlehensbeitrag“ zu deckeln. Oft würden Bankangestellte Kunden unter Druck setzen, indem der Abschluss der Restschuldversicherung als Voraussetzung für den Kredit dargestellt würde, äußert Schick. Obwohl Kredit und Versicherung oft zusammen verkauft werden, ist es in Deutschland verboten, beide zu koppeln. „Widerrufen Sie die Versicherung, wenn Sie sich gedrängt gefühlt haben“, rät Pallasch. Außerdem solle vor Abschluss immer geprüft werden, ob die Versicherung wirklich notwendig sei.

Quelle: F.A.Z.
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