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Abgabenlast

Warum die Lohnabrechnung problematisch ist

Von Christoph Moes, Augsburg
 - 18:03
Die Lohnabrechnung: Mittel der Aufklärung – wenn man denn will.

Jeden Monat werden in Deutschland über 30 Millionen Lohnabrechnungen verteilt. Dort sind der Brutto- und der Nettolohn enthalten, deren Differenz sich aus der Lohnsteuer und den Arbeitnehmerbeiträgen zur Sozialversicherung ergibt. So weist die Lohnabrechnung Alleinstehender ohne Kinder mit einem Bruttolohn von 4000 Euro einen Nettolohn von 2467 Euro aus und somit eine Abgabenbelastung von 1533 Euro oder 38,33 Prozent. Das ist aber nur die juristische Abgabenbelastung. Denn zu den Arbeitnehmerbeiträgen kommen die Arbeitgeberbeiträge. Sie werden in den Lohnabrechnungen allenfalls an versteckter Stelle genannt und erscheinen insbesondere nicht als Teil des Bruttolohns.

Ökonomisch betrachtet ist dieser Lohnbegriff problematisch: Im Verhältnis zum Staat wirken die Arbeitgeberbeiträge am ehesten wie eine Steuer, weil ihnen keine staatliche Leistung an den Arbeitgeber gegenübersteht. Im Verhältnis zum Arbeitnehmer haben sie hingegen Lohncharakter, weil den Zahlungen des Arbeitgebers ein individueller Vorteil des Arbeitnehmers korrespondiert, vor allem in Form von Krankenversicherungsschutz und Rentenanwartschaften. Die Arbeitgeberbeiträge sind direkte Arbeitskosten und damit Teil der Preisbildung am Arbeitsmarkt, weil sich nur unter ihrer Einbeziehung die Zahlungsbereitschaft der Arbeitgeber ergibt. Auch die Arbeitgeberbeiträge belasten wirtschaftlich die Arbeitnehmer, weil es dem Arbeitgeber egal ist, ob er sie als Nettolohn auszahlt oder an die Sozialversicherung überweist.

Informationskanal mit über 30 Millionen Followern

Anders formuliert: Das Lohnvolumen eines Arbeitsvertrags umfasst den Bruttolohn und die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung. Davon werden die Lohnsteuer sowie die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge vom Staat beansprucht. Das ist die echte Abgabenbelastung. Sie spielt finanzpolitisch die entscheidende Rolle und steht auch bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Fokus ihrer Analysen (tax wedge). Auf das obige Beispiel angewendet, beträgt das Lohnvolumen eines Bruttogehalts von 4000 Euro nach Addition der Arbeitgeberbeiträge 4797 Euro. Da der Nettolohn unverändert bei 2467 Euro liegt, steigt die echte Abgabenbelastung auf 2330 Euro oder 48,57 Prozent.

Es wäre nun ein Einfaches, Lohnabrechnungen so zu gestalten, dass die echte Abgabenbelastung auf den ersten Blick erkennbar ist. Dazu müsste die Lohnabrechnungssoftware geringfügig angepasst werden. Und man brauchte einen allgemein verständlichen und arbeitsrechtlich unangreifbaren Begriff für das Lohnvolumen, etwa „Gesamtbetrag der Arbeitgeberzahlungen“ oder vielleicht sogar „echter Bruttolohn“. Eine solche Gestaltung der Lohnabrechnungen wäre ein hervorragendes Instrument politischer Aufklärung. Die individuelle Abgabentransparenz wäre deutlich verbessert, und das allgemeine Verständnis finanzpolitischer Zusammenhänge würde gefördert.

Niemand soll sich bei seiner politischen Willensbildung mit Details der Durchschnitts- und Grenzabgabenbelastung einzelner Einkommensgruppen beschäftigen müssen. Ein ehrlicher Hinweis auf das eigene echte Lohnvolumen und die eigene echte Abgabenbelastung wäre aber ein Gebot der Fairness. Das gilt vor allem für Beschäftige, deren Bruttolohn knapp unter den Beitragsbemessungsgrenzen der Sozialversicherung liegt und dort echten Grenzbelastungen von teilweise deutlich über 50 Prozent ausgesetzt ist. Die derzeitige Praxis der Lohnabrechnungen führt demgegenüber zu einer systematischen Unterschätzung des Leistungsvolumens und der Verteilungswirkungen unseres Sozialstaates.

Die Ausweisung der echten Abgabenbelastung ist rechtlich zwar nicht erforderlich, aber auch nicht verboten. Somit liegt sie in der Hand der Arbeitgeber. Angesichts deren routinemäßiger Wehklage über die (angeblich) zu hohen Lohnkosten im Lande dürften sie an einer solchen Aufklärungsarbeit auch ein eigenes Interesse haben. Und warum sollte man in der heutigen Zeit einen Informationskanal mit über 30 Millionen Followern eigentlich ungenutzt lassen?

Der Autor ist Notar und war zwei Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter im Steuerrechtsdezernat am Bundesverfassungsgericht.

Quelle: F.A.Z.
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