Musikstreaming-Dienst Deezer

Börsengang mit ministerialer Begleitung

Von Benjamin Fischer
05.07.2022
, 13:16
Deezer-Chef Jeronimo Folgueira  und Bruno Le Maire, der französische Finanz- und Wirtschaftsminister
Im zweiten Anlauf hat es geklappt: Der französische Musikstreaming-Dienst Deezer ist nun an der Pariser Euronext notiert. Allzu berauschend läuft der erste Handelstag allerdings nicht.
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Vor sieben Jahren wurde der geplante Börsengang unter Verweis auf ein schwieriges Marktumfeld noch abgeblasen, jetzt ist Deezer der Sprung aufs Parkett geglückt. Zum obligatorischen Läuten der Glocke war sogar der französische Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire zugegen. Der erste Handelstag an der Pariser Euronext lief allerdings zunächst bescheiden. Zum Start notierte die Aktie bei 8,50 Euro, gegen Mittag stand sie bei rund 6,60 Euro – ein Minus von gut 22 Prozent. Zeitweise war der Kurs sogar um etwa 30 Prozent eingebrochen.

Der 2007 gegründete französische Dienst ist die Nummer fünf unter den global agierenden Musikstreaming-Anbietern – hinter den Diensten der US-Konzerne, Apple, Amazon, Youtube und Marktführer Spotify. Mit aktuell 9,6 Millionen Abonnenten ist Deezer von den vier Konkurrenten allerdings weit entfernt. Apple, Amazon und Google veröffentlichen nur sporadisch Zahlen, kommen jedoch alle auf mehr als 50 Millionen zahlende Nutzer. Spotify, börsennotiert wie nun auch Deezer, zählt Stand Ende des ersten Quartal dieses Jahres 182 Millionen Abonnenten.

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Eine Milliarde Euro Umsatz in 2025?

Deezer hat den Börsengang über eine Fusion mit der Zweckgesellschaft I2PO organisiert. Dabei handelt sich um eine sogenannte Special Purpose Acquisition Company (SPAC), hinter dem prominente Akteure aus dem Bank- und Medienwesen stehen. Hier zu zählen etwa der französische Milliardär François-Henri Pinault, Chef des Luxusgüterkonzerns Kering, bekannt für Marken wie Gucci und Bottega Veneta oder die Deutsche Iris Knobloch, ehemalige Managerin des amerikanischen Medienkonzerns Warner Media und seit kurzem Präsidentin der Filmfestspiele von Cannes. Größter Deezer-Aktionär ist die Holding des Milliardärs Len Blavatnik, Access Industries, mit 38 Prozent der Anteile. Blavatnik hält über Access Industries auch die Mehrheit an der Warner Music Group, ihres Zeichens das drittgrößte Musikunternehmen der Welt. Der Sport-Streamingdienst Dazn gehört ebenfalls zum Portfolio.

Bewertet wurde Deezer im April bei Bekanntgabe der Pläne mit rund einer Milliarde Euro. Auch ambitionierte Ziele mit Blick auf die künftige Umsatzentwicklung wurden zu diesem Anlass präsentiert. Demnach soll dieser von zuletzt rund 400 Millionen Euro im Jahr auf eine Milliarde Euro in 2025 steigen. Von da an solle Deezer auch schwarze Zahlen schreiben, hieß es; im vergangenen Jahr betrug der Betriebsverlust 120 Millionen Euro.

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Das Kernproblem der Streamingdienste

Dieses Szenario ist typisch für den Musikstreaming-Markt. Auch Spotify wächst seit Jahren stark, kann aber nur wenige Quartale mit einem Gewinn vorweisen. Dies liegt zum einen an Investitionen in die Plattform selbst, weiteres Wachstum und, gerade im Fall von Spotify, Zukäufen rund um das Feld Podcasts. Vor allem aber schütten alle Dienste rund zwei Drittel der Gesamteinnahmen an die Rechteinhaber der auf ihren Plattformen verfügbaren Musik aus. „Es sind nicht die Dienste, die das große Geld verdienen“, betonte Deezer-Chef Jeronimo Folgueira unter Verweis auf die Geldflüsse in der Streaming-Welt Anfang des Jahres im Gespräch mit der F.A.Z. „Was bei uns verbleibt, reicht oft nicht einmal, um unsere Kosten zu decken“.

Vor diesem Hintergrund hatte Deezer sich als erster der großen Dienste auch in Deutschland vom Standardpreis von 9,99 Euro im Monat verabschiedet. Nach Preiserhöhungen in Frankreich und Großbritannien kostet das Einzelabo hierzulande für Neukunden nun 10,99 Euro und das Familien-Abo mit den üblichen sechs Zugängen 16,99 Euro statt 14,99 Euro. Dafür ist seit der Umstellung HiFi-Tonqualität enthalten. Das gesonderte HiFi-Abo für zuvor 14,99 Euro je Nutzerist weggefallen. Unverändert blieb das werbefinanzierte Gratis-Angebot mit weniger Funktionen und schlechterem Ton, das in dieser Form auf dem Markt nur Spotify ebenfalls anbietet.

Preiserhöhungen sind im Musikstreaming ein weitaus komplizierteres Unterfangen als beispielsweise im Videostreaming. Denn die Dienste verfügen im Großen und Ganzen über den gleichen Katalog an Musik. Netflix und Co locken dagegen vor allem mit eigenen Produktionen. Auch deshalb gibt Spotify seit einiger Zeit viel Geld für exklusive Podcast-Inhalte aus, denn hier sind die Musikriesen nicht über die teuren Lizenzzahlungen für ihre Kataloge beteiligt. Mehrere hundert Millionen Euro sind im Rahmen dieser „Audio first“ genannten Strategie schon geflossen. Das Kerngeschäft dominiert aber weiter. Lediglich für zwei Prozent des Umsatzes standen Podcasts in 2021, erklärte Spotify auf einem Kapitalmarkttag im Juni. Die Aktie des Marktführers steht seit einiger Zeit unter Druck. Nach einem Zwischenhoch im April (rund 150 Dollar) notiert sie derzeit bei rund 97 Dollar.

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Eine ähnliche Strategie hatte Deezer-Chef Folgueira im Februar gegenüber der F.A.Z. ausgeschlossen. „Wir wollen mehr eigene Musikinhalte bieten“, sagte Folgueira. „Zuletzt haben wir beispielsweise mit Künstlern Coverversionen von Hits aus den 1980er-Jahren neu aufgelegt.“ Darüber hinaus will sich Deezer – obwohl in mehr als 180 Ländern aktiv – vor allem auf Kernmärkte konzentrieren. „Global gesehen, haben wir in vielen Ländern einen Marktanteil von vielleicht einem Prozent“, sagte Folgueira. „Aber in Brasilien und Frankreich stehen wir bei 20 respektive 30 Prozent. Kern unserer Strategie ist daher der Fokus auf unsere Kernmärkte. Deutschland soll bis Ende des Jahres auch durch die RTL-Kooperation unser zweitwichtigster Markt sein.“ Zudem sollen Deezer-Abonnenten perspektivisch exklusive Angebote für Live-Streaming-Konzerte auf Dreamstage erhalten. Deezer hatte sich zunächst an der Plattform beteiligt und war im Oktober 2021 auch bei dem Produktionsunternehmen Driift eingestiegen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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