Scherbaums Börse

Wie die Lufthansa sich befreien will

Von Christoph Scherbaum
18.06.2021
, 11:53
Passagiermaschine der Lufthansa: Das Unternehmen wehrt sich gegen die Krise und darf die Nase wieder etwas höher tragen.
Der Nachholbedarf der reisefreudigen Europäer stimmt die Fluggesellschaft optimistisch. Die Kranich-Airline wird daher wieder selbstbewusster und sieht sogar die Gelegenheit, einen unliebsamen Aktionär früher als gedacht loszuwerden.
ANZEIGE

Die „Lufthansa blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, die glanzvolle Höhepunkte erlebt hat, aber nicht ohne Brüche verlaufen ist“. Dieser Satz stammt von der Internetseite von Europas größter Fluglinie. Die jüngste Krise des Konzerns, hervorgerufen durch die Corona-Pandemie, ist nicht nur ein weiteres Kapitel dieser bewegten Geschichte, denn sie führte sogar zum Abstieg der Lufthansa aus dem Leitindex Dax.

ANZEIGE

Vor gut einem Jahr waren sich sogar viele Experten gar nicht mehr so sicher, wie lange die Lufthansa überhaupt noch (über)leben wird. Ein Jahr später lecken sich der Konzern sowie seine Belegschaft die Wunden, zeigen zugleich aber wieder ein bisschen Optimismus.

Welche Bedeutung die Branche nicht nur für Aktionäre sondern für die ganze Volkswirtschaft hat, zeigt auch die Tatsache, dass die Bundesregierung am Freitag einen großen Luftfahrt-Gipfel abhält. Mit Blick auf die Lufthansa ist der Staatseinfluss auf das Unternehmen wegen der Krisenhilfen und der staatlichen Beteiligung größer geworden. Doch die Aussichten bessern sich nun. Lufthansa-Chef Carsten Spohr stellte anlässlich des Luftfahrtgipfels sogar in Aussicht, dass die Staatsbeteiligung schon vor der im September stattfindenden Bundestagswahl zurückgezahlt werden könnte. Demnach wäre es schon in wenigen Monaten so weit.

Gut doppelt so viele Buchungen

Am Dienstagabend hatte der ehemalige Dax-Konzern mitgeteilt, dass aufgrund des weltweit beschleunigten Impffortschritts und der daraus resultierenden schrittweisen Lockerung der Reisebeschränkungen die Buchungen der Lufthansa Group deutlich angestiegen seien. „Im Vergleich zum durchschnittlichen wöchentlichen Buchungseingang im März und April 2021 haben sich die Neubuchungen im Mai und Anfang Juni mehr als verdoppelt“, heißt es.

Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. Bild: Privat

Im Kern lässt vor allem die Nachfrage nach europäischen Urlaubszielen rund um das Mittelmeer und der touristische Langstreckenmarkt mit nur begrenzten oder keinen Reisebeschränkungen die Buchungszahlen steigen. Auch deshalb wird im zweiten Quartal mit einem positiven operativen Cashflow gerechnet.

ANZEIGE

Ähnlich wie dem Tui-Konzern sei es der Lufthansa und seiner Belegschaft gegönnt, dass es wieder aufwärts geht und die Flugzeuge starten können. Ein Horrorjahr wie 2020 dürfte die Lufthansa trotz eines staatlichen Großaktionärs nur bedingt noch einmal überleben können.

ANZEIGE

Im Geschäftsjahr 2020 musste die Lufthansa einen bereinigten operativen Verlust von mehr als 5,4 Milliarden Euro verbuchen. Das neue Geschäftsjahr wiederum leitete die Kranich-Airline zwischen Januar und März 2021 mit einem Minus von 1,14 Milliarden Euro ein. Auch für das laufende Gesamtjahr wird von Managementseite ein Minus, gemessen am bereinigten operativen Geschäft, erwartet, doch immerhin soll dieses laut Prognose geringer ausfallen als im Vorjahr.

Die Zahlen verdeutlichen, wie sehr die Lufthansa unter den wirtschaftlichen Folgen von COVID-19 zu leiden hatte. Erst für das zweite Halbjahr 2021 rechnet der Konzern dank der Impffortschritte und der weiteren Verbreitung und Akzeptanz von Testmöglichkeiten mit einer deutlichen Markterholung. Trotzdem geht die Lufthansa davon aus, für das Gesamtjahr lediglich eine Kapazität von etwa 40 Prozent des Vorkrisenniveaus anbieten zu können.

Lässt sich die Staatsbeteiligung abhaken?

Wer bei der Lufthansa schon lange Aktionär ist, dürfte trotz dieser Nachricht nur bedingt entspannt auf seine Aktien-Position blicken. Langfristig konnte die Aktie als Anlage nicht überzeugen. Wegen der immer wiederkehrenden scharfen Kurseinbrüche stehen hier beispielsweise auf Sicht der vergangenen 20 Jahre Kursverluste von im Schnitt zwei Prozent pro Jahr zu Buche. Auch die Tatsache, dass bei der Fluggesellschaft zur Rettung in der Corona-Krise eine Staatsbeteiligung notwendig geworden war, ist für viele weiterhin ein Thema, dass man möglichst schnell abhaken will.

ANZEIGE

Im Juni 2020 hatte der Bund über den Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) einen Anteil von 20 Prozent an der Lufthansa erworben und dem Konzern Milliardenkredite eingeräumt. Jetzt will das Management den neuen Aktionär möglichst schnell wieder loswerden. Allen voran Vorstandschef Carsten Spohr. Geplant ist deshalb eine mögliche Kapitalerhöhung, deren Erlös der Konzern zur „Rückzahlung von Stabilisierungsmaßnahmen des WSF und zur Wiederherstellung einer nachhaltigen und langfristig effizienten Kapitalstruktur“ nutzen würde.

Kapitalerhöhung als Option

Seitens der Aktionärsschützer wird diese Maßnahme begrüßt. Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) würde eine Kapitalerhöhung als „großen und richtigen Befreiungsschlag“ einschätzen. „Nur so wird es der Lufthansa möglich sein, sich schnell und effizient von Staat loszusagen. Entgegen aller Vorurteile ist die Staatshilfe für Lufthansa alles andere als eine Erleichterung und schon gar kein Geschenk. Hohe Zinsen werden gezahlt und es drohen noch deutlich höhere Belastungen.“

Mit einer Kapitalerhöhung würde es mehr Handlungsmöglichkeiten für den Konzern geben. Zum Beispiel in Bezug auf Übernahmen, die Zahlung von Dividenden oder bei Stellenstreichungen im Zuge von Einsparprogrammen. Laut Lufthansa könnte sich der WSF ohne Einsatz zusätzlicher Mittel an der Kapitalerhöhung beteiligen. Der Bund würde einen Teil seiner Bezugsrechte verkaufen und mit den Einnahmen die restlichen Bezugsrechte kaufen.

ANZEIGE

Seitens der DSW würde man es begrüßen. „Der Staat hat bei Lufthansa einen sehr smarten Deal für den Steuerzahler auf die Beine gestellt. Umso wichtiger, dass der Konzern nun den Staat wieder verabschiedet“, so Tüngler weiter. In der Tat hat sich der Einstieg für den Bund gelohnt: Es wurde nicht nur ein Aushängeschild der deutschen Wirtschaft in der Krise stabilisiert, sondern dabei bisher unter dem Strich auch ein guter Gewinn gemacht. Für den 20-Prozent-Anteil legte der Bund 300 Millionen Euro hin, aktuell ist dieser etwa 1,3 Milliarden Euro wert.

Analysten raten mehrheitlich zum Verkauf

Damit keine weiteren Staatsrettungen notwendig werden, will die Lufthansa weiter kräftig sparen und in Wachstum investieren. Ausgebaut werden soll vor allem der Direktvertrieb. Auf diese Weise soll auch die Rentabilität verbessert werden. Der Anteil der über direkte Vertriebskanäle getätigten Buchungen soll weiter steigen, von mehr als 50 Prozent im Jahr 2019 auf mehr als 75 Prozent bis 2024. Am Ende will der Konzern – auch mit Hilfe von Bruttoeinsparungen von etwa 3,5 Milliarden Euro bis 2024 – in drei Jahren eine Adjusted EBIT-Marge von mindestens 8 Prozent erreichen.

Seitens der Analysehäuser ist man für die Kranich-Aktie sehr pessimistisch eingestellt. Das Gros der Analysten rät die Aktie zu verkaufen, ein kleiner Teil gibt die Devise „Halten“ heraus – jedoch mit einem fairen Wert um die 10-Euro-Marke.

Bei aller Skepsis ist an dieser Stelle auch einmal der Blick auf die Charttechnik interessant: Nachdem der Aktienkurs der Lufthansa zwischen Anfang 2018 und Mitte 2020 um 78 Prozent abstürzte und im September vergangenen Jahres ein 17-Jahrestief auf 6,80 Euro markierte, folgte zunächst eine starke Aufholbewegung.

ANZEIGE

Dabei ging es für die Notierungen bis zum März 2021 auf 12,96 Euro nach oben, woraufhin der Aktienkurs bis Mitte Juni zeitweise auf 10,60 Euro zurückfiel. Doch trotz der jüngsten Korrektur notiert die Lufthansa-Aktie noch immer über der 200-Tage-Linie (10 Euro) und – damit rein charttechnisch – im übergeordneten Aufwärtstrend.

Wird der Aufwärtstrend verteidigt, ist das nächste Kursziel der Aktie das bisherige Jahreshoch vom März bei 12,96 Euro. Gelingt hier der Ausbruch nach oben, wäre die Bahn sogar frei bis zum November-2019-Top auf rund 18 Euro. Kurz- und mittelfristig ist die Lufthansa-Aktie damit also aussichtsreich – und das vor dem Hintergrund, dass aktuell mit dem Bund ein sicherer Ankeraktionär mit an Bord ist.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE