Neue Anleihen

Furcht und Chancen

Von Martin Hock
23.06.2022
, 14:25
Value- Investor Benjamin Graham: Realisten verkaufen an Optimisten und kaufen von Pessimisten.Doch wer ist wer?
Die Nominalzinsen steigen, doch hohe Inflation und Kursverluste am Markt, lassen Anleger von Anleihen Abstand nehmen. Allerdings gilt: Dem Mutigen gehört die Welt, den Tollkühnen überrollt sie.
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Totgesagte leben länger. Schienen Anleiheinvestments über einige Jahre hinweg eher nur deswegen interessant, weil einem nichts Besseres einfiel, so sind sie jetzt immerhin ein Thema. Sind sie schon attraktiv? Nie sollst Du mich befragen, singt Lohengrin in Wagners gleichnamiger Oper . . . Eines steht fest: Wer nur auf die Zinskupons schaut, darf grinsen. 2,625 Prozent stehen auf der jüngsten Grünen Anleihe der EU, wenn auch mit einer Laufzeit von 26 Jahren. Aber 2,25 Prozent bietet die Hamburger Sparkasse für nur vier Jahre. Angesichts von Kupons, die noch vor nicht allzu langer Zeit zwischen 0 und 0,6 Prozent rangierten, ist das mächtig viel. Aber da ist ja noch die leidige Sache mit der Inflation und dem Ertrag, der unter dem Strich dann selten so niedrig war wie jetzt. Und dann ist da ja noch die Kursentwicklung.

Die einst viel gerühmte 100-jährige Anleihe Österreichs, für die einmal bis zum 1,38fachen des Nominalwerts bezahlt wurde, notiert jetzt bei 44 Prozent. Ein Euro bezahlt, 44 Cent zurück – das ist nun echt kein Geschäft. Gut, bis zum Laufzeitende im Jahr 2120 werden sich die Kurse noch irgendwann erholen, die Frage ist nur, wann. Und eine Rendite von aktuell 2,45 Prozent ist momentan kein Kaufargument. Dann doch lieber die oben genannten Anleihen, da gibt es aktuell am Ende für den Euro einen Euro.

Doch es wäre ja nicht so, dass nicht so mancher Chancen bei Anleihen sähe. „Irrationaler Überschwang scheint durch irrationalen Pessimismus ersetzt worden zu sein“, meint da etwa Daniel Dolan, Portfoliomanager des Vermögensverwalternetzwerks iM Global Partner. Für aktive, langfristig orientierte Investoren sei das eine gute Nachricht. Mit aktuell mehr als 1,5 Prozentpunkten sei die Differenz zwischen amerikanischem Leitzins und zweijähriger Staatsanleihe im Vergleich der vergangenen 46 Jahre exorbitant hoch und seien Anleihen damit so attraktiv wie seit drei Jahren nicht mehr. Qualitätsanleihen im gesamten Investment-Grad-Spektrum, die einen Renditeabstand von 1,75 bis 2 Prozentpunkten zu amerikanischen Staatsanleihen böten, seien generell interessant. Bezogen auf zweijährige Anleihen wäre das bei Renditen von rund 5 Prozent der Fall. Das träfe etwa auf eine Anleihe des Private-Equity-Anbieters Ares Capital zu.

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Aber es gehört aktuell doch Mut dazu, eine Anleihe zu kaufen, deren Kurs seit dem vergangenen Jahr um 10 Prozent gefallen ist. Dolan zitiert dazu den Vater des Substanz-Investierens, Benjamin Graham: Der intelligente Anleger ist ein Realist, der an Optimisten verkauft und bei Pessimisten kauft. Da stellt sich dann nur die Frage, ob man am Ende nicht der Realist, sondern einer der beiden anderen ist.

Erratum: In einer früheren Version des Artikels wurde das Vermögensverwalternetzwerk iM Global Partners als Hedgefonds-Anbieter bezeichnet. Diese Einordnung ist nicht korrekt. Partner von iMGP bieten zwar auch Hedgefonds an, iMGP selbst versteht sich aber als Netzwerk von Vermögensverwaltern ganz unterschiedlicher Vermögensklassen und Herangehensweisen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hock, Martin
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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