Ölpreis

„Ölaktien sind reif für eine Neubewertung“

27.06.2005
, 21:23
Angesichts des rekordhohen Rohölpreises und florieren die Geschäfte der Ölkonzerne und daran scheint sich vorerst nichts zu ändern. Die Aktien von Total gelten als Favoriten unter den europäischen Ölwerten.

Die Ölpreisrally ist offenbar nicht zu stoppen: Am Montag kletterte der Preis für die amerikanische Ölsorte West Texas Intermediate (WTI) bis auf 60,65 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) - ein neuer Höchststand. Seit Jahresanfang errechnet sich nunmehr ein Plus von 45 Prozent. Nicht ganz in einer solchen Rekordlaune, aber dennoch mit deutlichen Aufschlägen zeigen sich in diesem Umfeld die Ölaktien.

Für den Amex Oil Index, ein Branchenbarometer, das dreizehn der größten Ölkonzerne der Welt - darunter BP, Royal Dutch/Shell, Total und Repsol - erfaßt, ging es seither um knapp 30 Prozent nach oben. Damit lassen die Ölaktien den breiten Markt weit hinter sich (siehe Grafik). Der Rekordpreis für Rohöl beschert der Branche hohe Gewinne - die Ölkonzerne schwimmen in Geld - und macht zudem Investitionen in neue Kapazitäten interessant.

Preiserwartungen noch zu niedrig

Hiervon profitieren auch die Aktionäre. Die Dividendenrenditen sind überdurchschnittlich hoch, die Aktienrückkaufprogramme umfangreich. Und trotz der schon deutlich gestiegenen Kurse dürften Ölaktien weiter interessant bleiben, meinen Experten wie Ralph Herre von der Landesbank Baden-Württemberg. Die Ertragslage der Unternehmen sei zur Zeit exzellent. Überdies seien die Raffineriekapazitäten knapp und die Gewinnmargen in diesem Bereich entsprechend gut.

Zudem zeigen die allgemeinen Preisprognosen weiter nach oben, eine Entspannung der Versorgungslage am Ölmarkt ist nicht abzusehen. Noch ein Pluspunkt für die Ölaktien: die Unternehmensprognosen sind weiterhin sehr konservativ. Ihnen liegen vergleichsweise niedrige Ölnotierungen von vielleicht 30 bis 35 Dollar je Barrel zugrunde. Schon jetzt sei abzusehen, daß diese Preiserwartungen zu niedrig seien, meint Poppy Buxton, Fondsmanagerin des Word Energy Fund von Merrill Lynch. Die Ölindustrie sei daher reif für eine umfassende Neubewertung.

Ölkonzerne profitieren von Euro-Schwäche

„Ein Faktor, der vor allem für europäische Ölgesellschaften spricht, ist der schwächere Euro“, sagt Herre. Allein seit Jahresanfang hat die europäische Gemeinschaftswährung um knapp 10 Prozent abgewertet. Denn während die Euro-Schwäche Benzin oder Heizöl aus Sicht der Verbraucher in Europa teurer macht, wirkt sie sich auf die Ertragslage der Ölkonzerne positiv aus. Ein Großteil der Geschäfte werde zwar in Dollar abgerechnet, allerdings berichteten die Unternehmen in Euro, erläutert Herre. Währungsgewinne seien die Folge.

Der stärkere Dollar nimmt freilich auch Einfluß auf die Bewertungsrelationen der Ölaktien. Steigen die Erträge, dann gehen Kennziffern wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) selbst bei unveränderten Aktienkursen zurück. Mit einem KGV von 8 bis 10 auf Basis der für dieses Jahr erwarteten Gewinne seien europäische Ölgesellschaften im Vergleich zum Gesamtmarkt ohnehin günstig bewertet, meint Herre. Hier liege das KGV derzeit zwischen 12 und 13.

Analysten raten zum Kauf von Total

Spitzenreiter auf den Empfehlungslisten der Banken unter den europäischen Ölwerten ist derzeit die französische Total. Nach Angaben von Bloomberg haben in den zurückliegenden 60 Tagen 15 Analysten die Aktie zum Kauf empfohlen, lediglich zwei haben zum Halten geraten. Herre favorisiert daneben die spanische Repsol. Goldman Sachs setzt ebenfalls auf Total als den Wert, der unter den großen europäischen Ölkonzernen am deutlichsten unterbewertet sei.

Für BP erwarten die Analysten nur eine durchschnittliche Wertentwicklung. Royal Dutch/Shell sehe fair bewertet aus, die Einstufung lautet auf „neutral“. Unter den drei genannten Aktien sei allerdings BP das Papier, welches besonders ölpreissensitiv sei, heißt es bei Goldman Sachs. Das größte Risiko für ein Investment in Ölaktien sehen Experten wie Buxton jedoch in einer weiteren konjunkturellen Abschwächung und einer damit einhergehenden fallenden Nachfrage nach Öl.

Quelle: kpa. / F.A.Z., 28.06.2005, Nr. 147 / Seite 21
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