Tanken, Heizöl, Rohöl

Warum Benzin jetzt immer teurer wird

Von Christian Siedenbiedel
23.02.2021
, 09:41
Der Rohölpreis steigt – und mit ihm werden Benzin und Heizöl teurer. Steckt dahinter ein Superzyklus? Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs jedenfalls setzt ihre Ölpreisprognose hoch.

Autofahrer merken es an der Tankstelle, und wer jetzt noch Heizöl bestellen will, der spürt es auch: Der Ölpreis hat kräftig zugelegt. Zwar haben hierzulande auch die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer und ein neuer C02-Preis für den Klimaschutz das Tanken und Heizen verteuert. Den letzten Schub für diese Teuerungswelle aber brachte eine globale Preisrally beim Rohöl. In der Nacht auf Dienstag ist der Preis für die Nordesseöl-Sorte Brent bis auf 65,81 Dollar je Barrel (159 Liter) gestiegen und der WTI-Preis bis auf knapp 63 Dollar. Das waren jeweils die höchsten Stände seit Anfang 2020. Die Preise liegen nun mehr als das drei Mal so hoch wie im vorigen April.

Heizöl verzeichnete bereits vorige Woche einen Jahreshöchststand von gut 62 Euro je 100 Liter. Und an der Tankstelle kosteten Diesel mit 1,294 Euro je Liter und Super E10 mit 1,41 Euro zuletzt auch mehr als jemals in der Corona-Krise. Das alles gehört derzeit zu den wichtigsten Faktoren, von denen die Verbraucherpreise überall auf der Welt nach oben getrieben werden. Die ersten Fachleute vor allem in amerikanischen Banken sprechen davon, es gebe einen sogenannten Superzyklus bei Rohstoffen, der neben Kupfer, Platin und anderen Industriemetallen auch Rohöl ohne absehbares Ende verteuere. Was ist damit gemeint – und was ist davon zu halten?

Chinas Rolle ist interessant

„Einen Superzyklus bei Rohstoffen hatten wir von 2002 bis Mitte 2008, in dieser Zeit hat sich beispielsweise der Preis für Kohle versechsfacht, für Öl versiebenfacht, für Industriemetalle verdreifacht und für Agrarrohstoffe immerhin verdoppelt“, sagt Cyrus de la Rubia, Rohstoff-Fachmann der Hamburg Commercial Bank. Damals habe es einen ganz klaren Treiber dieser Entwicklung gegeben. Das sei China gewesen. Das Land war kurz zuvor in die Welthandelsorganisation WTO eingetreten und legte ein unglaubliches Wachstumstempo vor. Das jährliche Wirtschaftswachstum beschleunigte sich bis 2007 sogar bis auf 14 Prozent. Gewaltige Infrastrukturinvestitionen sorgten für eine erhebliche Nachfrage nach Eisenerz. Außerdem stieg der Stromverbrauch, das trieb auch die Kohle-Nachfrage nach oben. Dieselgeneratoren sorgten dafür, dass Unternehmen vor dem Hintergrund eines noch unzureichend ausgelegten Stromnetzes arbeiten konnten. „Die Welt war auf diesen Nachfrageboom nicht vorbereitet, und entsprechend hinkte das Rohstoffangebot mehrere Jahre hinter der Nachfrage hinterher“, erinnert sich de la Rubia: „Und das schlug sich dann in dem Superzyklus nieder.“

Von einer derartigen Situation sei die Welt heute weit entfernt. „China wird natürlich weiter viele Rohstoffe nachfragen, aber die Welt ist mittlerweile darauf ausgerichtet“, sagt der Rohstoff-Fachmann. Rohstoffländer wie Australien und Brasilien, aber auch China selbst, hätten ihre Produktionskapazitäten ausgebaut. „Insofern ist diese Konstellation, dass eine rasch wachsende Nachfrage auf ein relativ unelastisches Rohstoffangebot stößt, heute nicht mehr anzutreffen“, meint de la Rubia. „Was wir jetzt sehen, ist nicht der Beginn eines Superzyklus – sondern vor allem eine Anpassung nach dem tiefen Einbruch im vergangenen Jahr.“

Beim Öl scheinen dabei verschiedene Faktoren zusammenzukommen. Investoren wetten auf eine baldige Erholung der Weltwirtschaft. Das treibt den Ölpreis. Außerdem hat Saudi-Arabien seine Förderung verknappt. Und nicht zuletzt beeinträchtigte der Wintereinbruch in Amerika Förderung und Verarbeitung von Öl.

Bereits im Januar hatte es Signale aus dem Kreis der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) gegeben, den Preis künstlich hochzutreiben. Das wichtigste Opec-Land Saudi-Arabien hatte angekündigt, freiwillig im Februar und März die Förderung um eine Million Barrel je Tag zu kürzen. In gut einer Woche, am 4. März, ist das nächste Opec-Treffen. „Ich gehe davon aus, dass Saudi-Arabien diese Kürzung dann auslaufen lässt und die Opec insgesamt die Förderquoten von April an um rund 0,5 Millionen Barrel je Tag anheben wird“, sagte Frank Schallenberger, Ölanalyst der Landesbank Baden-Württemberg. De la Rubia meint: „Die Opec ist durch die einseitige Förderkürzung durch Saudi-Arabien disziplinierter, als man hätte annehmen können.“

Amerika bietet weniger Öl an

Der Wintereinbruch in Amerika unterstützte den Preisanstieg in den vergangenen Wochen zusätzlich. „Die wegen der Kältewelle stillgelegten Ölanlagen in Texas fahren allmählich wieder hoch“, berichteten die Analysten der Commerzbank am Montag. Zwischenzeitlich seien bis zu 40 Prozent der amerikanischen Ölproduktion geschlossen gewesen. „Bis sie das Normalniveau erreicht haben, dürfte es aber noch etwas dauern“, meinte Carsten Fritsch, Ölanalyst der Commerzbank: „Das Gleiche gilt für die Raffinerien.“

Eine Rolle spielt für das teure Öl nicht zuletzt die Spekulation. „Wir erleben in allen möglichen Marktsegmenten ein gewisses Maß an Spekulation, weil die Anleger in Erwartung höherer Preise investieren und die fundamentalen Entwicklungen nur noch eingeschränkt eine Rolle spielen“, sagt de la Rubia. „Wir sehen das bei Aktien, bei Unternehmensanleihen und bei Kryptowährungen.“ Öl mit seinen zahllosen Möglichkeiten, über Futures, Fonds und ETF in diesen Markt zu investieren, stelle keine Ausnahme dar.

Während die Commerzbank zwischenzeitlich schon vor zu viel Optimismus am Ölmarkt gewarnt hatte und meinte, es gebe eine selektive Wahrnehmung, die nur noch preistreibende Nachrichten aufnehme, rechnen andere Banken wie Goldman Sachs oder JP Morgan noch mit einem weiteren Ölpreisanstieg. Goldmann hat seine Prognose um zehn Dollar nach oben geschraubt und erwartet jetzt im zweiten Quartal für Brent einen Anstieg bis auf 70 Dollar und im Sommer bis auf 75 Dollar je Barrel. Manche Fachleute sagen sogar 80 bis 100 Dollar vorher. Vorsichtigere Bankanalysten rechnen hingegen mit 50 Dollar zum Jahresende.

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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