Pimco-Chef über Griechenland

„Es wird ungemütlich werden“

21.06.2015
, 22:38
Andrew Bosomworth, 49, arbeitet seit 2001 für den weltgrößten Anleiheinvestor Pimco. Die Tochtergesellschaft der Allianz legt insgesamt 1600 Milliarden Dollar an.
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Der Neuseeländer Andrew Bosomworth ist Deutschland-Chef des Großinvestors Pimco. Er spricht über die Angst der Börse vor den Griechen, das verrückte Auf und Ab der Anleihen und die meistdiskutierte Zinserhöhung aller Zeiten.
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Herr Bosomworth, die Anleger kennen derzeit nur ein Thema: Griechenland. Wie gefährlich wäre der Grexit?

Ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro würde sicher einige Turbulenzen an den Finanzmärkten hervorrufen. Das sehen Sie allein schon an der Unruhe, die in diesen Tagen sowohl die Aktien- als auch die Anleihekurse erfasst hat. Wir sehen in einem möglichen Grexit aber keine unmittelbare existentielle Gefahr für den Euro selbst.

Sind Sie sicher, dass Sie die Risiken nicht unterschätzen?

Denken Sie nur einmal an das Jahr 2012 zurück, den Höhepunkt der Euro-Krise. Damals gab es kaum Sicherungsmechanismen, um den Euro vor dem Auseinanderfallen zu bewahren: Die Kurse vieler Staatsanleihen aus Südeuropa fielen heftig, so angespannt war die Lage. Im Gegensatz dazu ist das ganze System heute viel robuster. Es gibt den Euro-Rettungsschirm ESM, es gibt das Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) und noch wichtiger ist: In vielen ehemaligen Krisenstaaten wie Spanien, Portugal und Italien hat sich die wirtschaftliche Lage mittlerweile verbessert. Die Gefahr eines Dominoeffektes, bei dem das Ausscheiden eines Eurolandes unweigerlich weitere Länder mit in den Abgrund ziehen würde, sehe ich darum als sehr gering an.

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Ganz Europa ist in Aufruhr, aber Sie sagen: Macht euch mal keine Sorgen. Vertrauenerweckend klingt das nicht.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe von einem höheren Maß an Robustheit gesprochen. Will sagen: Den ganz großen Crash halte ich für unwahrscheinlich. Es ist aber durchaus möglich, dass es in den nächsten Tagen und Wochen ungemütlich wird. Die Kurse südeuropäischer Staatsanleihen könnten weiter fallen, auch die Aktienkurse könnten leiden.

Also jetzt alle Anleihen aus Südeuropa verkaufen?

Wir tun das nicht. Pimco hat Anleihen aus Südeuropa im Portfolio: Wir haben unsere Position in Staaten wie Italien oder Spanien zwar reduziert, aber nicht die Absicht, sie aufzulösen. Denn auch wenn die Turbulenzen kurzzeitig heftig sein können, glaube ich nicht, dass sie von Dauer sein werden.

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Was bedeutet eigentlich "Grexit"?

Das heißt: Ein Grexit wäre Ihrer Meinung nach ohne weiteres verkraftbar?

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Die kurzfristigen Auswirkungen dürften begrenzt sein. Das bedeutet aber nicht, dass das erste Ausscheiden eines Mitgliedstaates auf längere Sicht ohne jegliche Konsequenzen wäre. Im Gegenteil: Man muss sich vor Augen halten, dass der Rückzug eines Landes aus der Währungsunion deren Natur fundamental verändert – da mag der Staat noch so klein sein. Die Europäische Währungsunion wurde als eine unauflösliche Gemeinschaft gegründet. Dies ist ihr Fundament. Wenn nun diese Unauflöslichkeit nicht mehr gegeben ist und ein einzelnes Land ausscheidet, ist dies ein Präzedenzfall, an den sich Investoren in Zukunft erinnern dürften.

Wäre das so schlimm?

Es hätte durchaus Folgen. Denn spätestens in der nächsten großen Rezession werden die Investoren mit dem Präzedenzfall im Kopf möglicherweise erneut damit beginnen, für einzelne Staaten ein Austrittsrisiko einzukalkulieren. Anleger müssten darum in Zukunft beim Kauf von Staatsanleihen europäischer Länder ein neues besonderes Risiko mitbedenken – nämlich die Höhe der Wahrscheinlichkeit, dass weitere Länder den Euro verlassen und eine eigene Währung einführen. Damit sähe man sich auf einmal wieder einem Risiko ausgesetzt, das man im Euroraum für immer hinter sich lassen wollte: dem Wechselkursrisiko.

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Was hindert die Investoren daran, schon heute gegen einzelne Länder zu spekulieren?

Die EZB kauft jeden Monat für insgesamt 60 Milliarden Euro Staatsanleihen aller Euromitglieder, mit Ausnahme von Griechenland. Das verhindert zum jetzigen Zeitpunkt einen deutlichen Anstieg der Renditen.

Das Kaufprogramm ist hochumstritten. Die Notenbank beeinflusse damit die Kurse von Wertpapieren auf unzulässige Weise, lautet die Kritik.

In der Tat greift die EZB in die Preisbildung von Wertpapieren ein. Unter den besonderen Bedingungen der aktuellen Situation im Euroraum halte ich das für zulässig. Aber es ist nicht zu bestreiten, dass auch die EZB zu den starken Kursschwankungen bei Anleihen beiträgt.

Wie das?

Indem sie Staatsanleihen kauft, nimmt sie gerade die Wertpapiere aus dem Markt, die am liquidesten, also am besten handelbar sind. Wenn sie fehlen, verstärkt dies die Schwankungen. Außerdem veröffentlicht die EZB zu ihrem Kaufprogramm wesentlich weniger Details, als dies beispielsweise die amerikanische Notenbank Fed bei ihren Anleihekäufen getan hat: Die Marktteilnehmer wissen so weder, zu welchem Zeitpunkt genau sie die Papiere kauft, noch, zu welchem Kurs dies geschieht. Die Fed hat daraus nie ein Geheimnis gemacht. Diese geringere Transparenz der EZB führt gerade bei Investoren außerhalb Europas zu Unsicherheit. Auch das bewegt die Kurse. Und zu guter Letzt darf man nicht vergessen, dass viele Banken kaum noch Eigenhandel mit Anleihen betreiben, weil dies aus regulatorischen Gründen nun schwieriger für sie ist. Das Resultat all dessen ist: Der Anleihemarkt wird dem Aktienmarkt immer ähnlicher – unerwartete Kursausschläge, sogenannte Flash-Crashs, werden zur Normalität.

Ist es nicht mehr als das? Erleben wir gerade die Zinswende?

Ja, meiner Ansicht nach ist das so. Wobei man unterscheiden muss: Noch hat keine wichtige Notenbank der Welt den Leitzins wieder erhöht. Auch die Fed hat dies in der vergangenen Woche ja nicht getan. Unserer Auffassung nach wird sie aber in diesem Jahr noch handeln. Aber auch ohne eine Veränderung des Leitzinses sehen wir gerade, dass sich die Renditen sicherer Staatsanleihen wie Bundesanleihen und amerikanische Anleihen zuletzt deutlich von ihren Tiefstwerten entfernt haben. Das ist trotz all der Schwankungen, über die wir geredet haben, ein klarer Trend. Zwar werden wir auf absehbare Zeit die Renditen früherer Jahre nicht wiedersehen. Aber innerhalb der nächsten fünf Jahre halte ich es für möglich, dass Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit wieder zwei Prozent Zinsen einbringen.

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Was sollen Anleger jetzt tun?

Ich will niemandem etwas vormachen: Selbst für Profianleger ist die derzeitige Marktphase schwierig, wir befinden uns auf einer holprigen Reise. Jahrzehntelang sind die Zinsen nur gefallen. Wenn sich das jetzt ändert, ist dies für alle Anleger Neuland, auch für uns. Ich glaube nicht, dass eine erste Leitzinserhöhung der Fed zu starken Verwerfungen führen wird, wie dies manche befürchten. Ein solcher Zinsschritt dürfte schließlich für niemanden mehr eine Überraschung sein – so lange, wie darüber schon diskutiert wird. Aber danach bewegen wir uns auf unbekanntem Terrain.

Das klingt so, als sollten Privatanleger gleich die Flinte ins Korn werfen.

Nein, sie sollten kühlen Kopf bewahren. Wenn die Zinsen steigen, bedeutet dies doch, dass sie in Zukunft wieder mehr für ihre Ersparnisse erhalten. Aber noch sind wir erst am Anfang dieses Trends. Derzeit würde ich etwa zu Folgendem raten: Dollar-Anleihen solider Firmen mit kurzen Laufzeiten sind interessant. Denn wir gehen davon aus, dass sich der Anstieg des Dollars gegenüber dem Euro fortsetzen wird, weil in Amerika die Zinsen stärker steigen als in Europa. Auch Hochzinsanleihen mit maximal fünfjähriger Laufzeit bringen teils Erträge von mehr als drei Prozent ein. Genauso wie Anleihen bestimmter staatsnaher Firmen in den Schwellenländern, zum Beispiel der Energiekonzern Gasprom aus Russland oder die Ölfirma Petrobras aus Brasilien.

Eine wilde Mischung. Und ganz schön riskant, oder nicht?

Man kann natürlich auch komplett aus dem Markt rausgehen. Aber wer sein Geld nur auf dem Bankkonto lässt, verliert so auf jeden Fall an Kaufkraft. Nein, da sind mir Anleihen lieber.

Das Gespräch führte Dennis Kremer.

Quelle: F.A.S.
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