Pimco-Ökonom Joachim Fels

„Die nächste Rezession kommt früher als gedacht“

Von Dennis Kremer
13.12.2021
, 08:08
Joachim Fels ist Chefökonom von Pimco. Mit Anlagegeldern in Höhe von 2,2 Billionen Dollar zählt die Tochtergesellschaft der Allianz zu den größten  Vermögensverwaltern der Welt.
Pimco-Chefökonom Joachim Fels hält die Furcht vor der Inflation für übertrieben und rechnet über Jahre hinaus nicht mit höheren Zinsen. Sein Ausweg: Chinesische Anleihen kaufen.
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Herr Fels, die Inflation ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das beunruhigt viele Menschen. Sie auch?

Ich fände es falsch, sich deswegen jetzt allzu viele Sorgen zu machen. Ja, die Inflationsraten sind hoch und verur­sachen auf den ersten Blick bei vielen Menschen einen Schrecken. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber es sind eben auch Sonderfaktoren am Werk: der Anstieg der Energiepreise, die Störung der Lieferketten und eine pandemiebedingt hohe Nachfrage nach Gütern. In den Vereinigten Staaten hat man den Verbrauchern eine Zeit lang sogar Schecks in die Hand gedrückt und damit die Nachfrage zusätzlich befördert. Aber ich erwarte nicht, dass die Inflation dauerhaft hoch bleiben wird.

Wie können Sie sich da so sicher sein?

Vollkommene Sicherheit kann es auf diesem Feld nicht geben, da hat gerade dieses Jahr demütig gemacht. Alle Prognostiker, auch die großen Stäbe der Notenbanken, haben die Inflation falsch eingeschätzt. Darum kann ich das Misstrauen mancher Skeptiker ja verstehen. Aber es gibt viele Anhaltspunkte, die auf sinkende Inflationsraten hindeuten. Erstens ist der Öl­preis in der Tendenz seit Ende Oktober gefallen. Zweitens zeigt sich bei den Lieferketten Entspannung, und drittens ist auch die Fiskalpolitik weniger expansiv. Konsumentenschecks beispielsweise gibt es in Amerika nicht mehr.

Aber die Menschen könnten auf die Idee kommen, wegen der höheren Inflation höhere Löhne zu verlangen.

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Ja, das lässt sich nicht ausschließen. Je höher die aktuelle Inflationsrate, umso größer ist die Möglichkeit, dass es zu steigenden Inflationserwartungen kommt und dass die Menschen höhere Löhne verlangen. Aber speziell in Deutschland sehen wir eher moderate Lohnabschlüsse, die über längere Zeiträume gelten. Und selbst wenn die Ge­hälter stärker steigen sollten, halte ich die Gefahr einer sich selbst verstärkenden Lohn-Preis-Spirale für ge­ring. Was mit einem erfreulichen Thema zu tun hat: Viele Unternehmen aus der ganzen Welt erzielen wieder sehr gute Gewinne, sie haben also einen ge­wissen Puffer, um Lohnerhöhungen auf­zufangen. Und höhere Gehälter können auch wie eine Produktivitätspeitsche für Firmen wirken, was bedeutet: Sie strengen sich dann an, effizienter zu arbeiten.

Nächste Woche trifft sich die Europä­ische Zentralbank (EZB) zu einer mit Spannung erwarteten Sitzung. Folgt man Ihnen, müssten die Notenbanker gar nichts ändern.

Ganz so ist es nicht. Die allgemeine Er­wartung ist, dass die EZB das Notfallprogramm PEPP im März auslaufen lassen wird, mit dem die Notenbank flexibel An­leihen kaufen kann. Das halten auch wir bei Pimco für den wahrscheinlichsten Aus­gang. Allerdings wird sich die Notenbank eine Hintertür offen lassen, das Programm unter bestimmten Bedingungen doch fortzuführen. Das wäre beispielsweise dann der Fall, wenn die neue Virus­variante namens Omikron sich als noch verheerender erweist. Die EZB muss ge­duldig bleiben. Es ergibt keinen Sinn, sich auf den Ausstieg festzulegen, und sich dann in ein, zwei Monaten wieder revi­dieren zu müssen.

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Sich revidieren zu müssen scheint ja aus Sicht vieler Zentralbanker das Schlimmste zu sein, was passieren kann. Warum eigentlich?

Natürlich könnte man mit dem Ökonomen John Maynard Keynes sagen: When the facts change, I change my mind – wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Aber es ist zugleich so, dass Notenbanken möglichst nicht selbst zur Quelle von Kursschwankungen an den Finanzmärkten werden sollten. Wenn sie falsche Signale geben, erzeugt dies un­nötige Unsicherheit. Schauen Sie nur auf die Bank of England. Vertreter der eng­lischen Notenbank hatten angedeutet, dass es schon im November zu Zins­erhöhungen kommen könnte. Als die er­wartete Erhöhung dann ausblieb, hat das zu Schwankungen im Wechselkurs des britischen Pfunds und zu Ausschlägen an den Anleihemärkten geführt. Das zeigt: Es ist wichtig für Notenbanken, vorhersehbar und vorhersagbar zu sein.

Dann sagen Sie uns doch mal, was die amerikanische Notenbank Fed tun wird, die nächste Woche ebenfalls zu ihrer Sitzung zusammenkommt.

Die Fed ist in einer anderen Situation als die EZB. Erstens hat es in Amerika einen größeren Fiskalimpuls gegeben, Joe Bidens Regierung hat ja ein gewaltiges Konjunkturpaket auf den Weg gebracht. Zweitens übersteigt die Wirtschafts­leistung schon wieder den Stand vor der Pandemie – das ist in Europa noch nicht der Fall. Und drittens ist auch der Arbeitsmarkt in einer deutlich besseren Verfassung. Das alles hat dazu geführt, dass die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten den Wert von sechs Prozent überschritten hat. Die Fed könnte also schneller handeln und muss es auch. Fed-Chef Powell hat ja selbst gesagt, dass die Inflation in seinem Land nicht nur vorübergehend sei.

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Wird es in Amerika sogar Zins­erhöhungen geben?

Wir rechnen damit, dass die Fed von März an keine zusätzlichen Anleihekäufe mehr vornehmen wird. Sie wird dann im Rahmen ihres Anleihekaufprogramms also nur noch auslaufende Anleihen ersetzen. Das gäbe ihr als Nächstes in der Tat die Möglichkeit, im Verlauf des Jahres den Leitzins zu erhöhen, der in den USA in der Spanne von 0 bis 0,25 Prozent liegt.

Wann wären in Europa höhere Zinsen wieder vorstellbar?

Höhere Leitzinsen wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Wenn alles gut läuft, werden wir in ein paar Jahren den Ein­lagensatz für Gelder, die Banken bei der EZB parken, wieder bei null Prozent sehen und nicht mehr bei minus 0,5 Prozent. Aber ich kann mir vorstellen, dass die nächste Rezession kommt, bevor die EZB überhaupt die Möglichkeit hatte, die Zinsen anzuheben.

Das sind ja schöne Aussichten.

Meine Befürchtung ist, dass wir in einem Umfeld sind, in dem die Konjunkturzyklen kürzer geworden sind. Wir erleben derzeit ja einen Konjunkturzyklus im Zeitraffer: Im vergangenen Jahr hatten wir den tiefsten Einbruch und den stärksten Anstieg der Wirtschaftsgeschichte. Viele Indikatoren lassen darauf schließen, dass wir uns jetzt schon wieder in der Mitte des Konjunkturzyklus befinden – was sonst vier bis fünf Jahre gedauert hat. Das heißt aber auch, dass die nächste Rezession wahrscheinlich viel früher kommen wird als gedacht.

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In China kämpft der Immobilien­konzern Evergrande ums Überleben. Sind das schon die ersten Vorboten?

Nein, das sehe ich nicht so. Auf Chinas Immobilienmarkt sind fast ausschließlich chinesische Anleger aktiv. Zu ei­nem Problem für die Welt würde das alles nur, wenn es wegen der Schwäche des Häusermarktes zu einem viel langsameren Wirtschaftswachstum in ganz China kommen würde. Aber wir er­warten das nicht, auch weil Chinas Regierung immer mehr Geld in andere Wachstumsfelder umlenkt, beispielsweise in erneuerbare Energien.

Pimco hat Geld in chinesische An­leihen investiert. Ist das für An­leger wirklich eine gute Idee?

Ja, aber nur als Beimischung im Depot. Chinesische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit bringen derzeit eine Rendite von knapp drei Prozent ein. Wo gibt es das noch mit sicheren An­leihen? Chinas Unternehmen sind zwar teilweise hoch verschuldet, das gilt aber nicht für den Zentralstaat. Ein Ausfall ist außerordentlich un­wahrscheinlich.

Zu was würden Sie Anlegern derzeit noch raten?

Hochwertige Anleihen von Staaten und Firmen sind immer einen Blick wert.

Sie empfehlen wirklich Anleihen? Damit lässt sich doch nichts verdienen.

Es kommt darauf an, wie Sie an die Sache herangehen. Unser Ziel bei Pimco ist es, widerstandsfähige Portfolios zu ent­wickeln. Also Vorsicht vor Hochzins­an­leihen von Unternehmen mit schlechten Ratingnoten, sogenannten High-Yields. Vorsicht auch vor den Staatsanleihen man­cher Schwellenländer. Zu Anleihen solider Staaten oder Firmen würde ich da­gegen aus zwei Gründen immer ra­ten: Erstens können Anleger dann sicher sein, dass sie ihr Geld zurückerhalten. Und zweitens verdienen sie damit zurzeit zwar nur sehr geringe Renditen. Aber in Zeiten, in denen die Aktienkurse fallen, entwickeln sich die Anleihekurse eher nach oben. Das ist eine wichtige Absicherung.

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Eine Absicherung, die zuletzt nur selten nötig war. Die meiste Zeit sind die Aktienkurse gestiegen.

Sie sagen es. Aber das heißt doch nicht, dass es nie wieder zu Einbrüchen an den Börsen kommen wird. In früheren Rezessionen haben die Kurse zwischen 30 und 50 Prozent an Wert eingebüßt. Das kann sich wiederholen. Und dann sind Sie froh um jede Anleihe im Depot.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kremer, Dennis
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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