Private Equity

Finanzinvestoren kaufen Deutschland auf

Von Klaus Smolka
01.01.2016
, 12:31
Private-Equity-Investoren haben in Deutschland so viel in Beteiligungen gesteckt wie seit 2007 nicht mehr. Fachleute der Beteiligungsbranche sagen für 2016 ein weiteres reges Jahr voraus.

Dieses Jahr gaben sie in Deutschland so viel Geld für Unternehmen aus wie seit der Finanzkrise nicht mehr - und auch für 2016 versprüht die Beteiligungsbranche Optimismus. Investoren und Private-Equity-Berater sagten in Gesprächen mit der F.A.Z. ein weiteres reges Jahr voraus - sogar über dem Niveau des auslaufenden Turnus. „2016 wird ein weiteres Hammerjahr für Private-Equity-Investoren werden und 2015 noch übertreffen“, prognostiziert Mario Schmidt, Geschäftsführender Partner Deutschland bei der Kanzlei Willkie Farr & Gallagher und unter anderem auf Private Equity spezialisiert. Sascha Pfeiffer, Geschäftsführer bei der Übernahmeberatung Altium, greift auf den „Bullen“ als Metapher des Kapitalmarkts für Optimisten zurück: „Wir sind sehr bullish. Ich sehe keine Wolke am Horizont“, sagt Pfeiffer. „Wir haben ein hervorragendes Orderbuch für 2016.“

Die Aktivität der Finanzinvestoren koppelte sich 2015 in Deutschland etwas vom allgemeinen Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions, M&A) ab. Denn der deutsche Gesamtmarkt hinkte hinter dem internationalen M&A-Treiben her, das im abgelaufenen Jahr eine Rekordsumme erreichte. Fusionen mit deutscher Beteiligung - also auf Käufer oder Verkäuferseite - sanken nach Daten von Thomson Reuters im Wert um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr; das Volumen aller aufgekauften deutschen Unternehmen lag etwas über dem Vorjahr, aber unter den 2013er Zahlen.

Dagegen haben Private-Equity-Investoren hierzulande so viel in Beteiligungen gesteckt wie seit 2007 nicht: 15,7 Milliarden Euro, die Hälfte mehr als im Vorjahr, wie die Unternehmensberatung EY (vormals Ernst & Young) errechnet. Die Gründe sind vielfältig: Unverändert sitzen die Private-Equity-Häuser auf enormen Summen, die im Auftrag der Geldgeber angelegt sein wollen.

„Vor allem aber sorgen diverse aktuelle Großtrends dafür, dass auf dem Transaktionsmarkt derzeit viel Bewegung herrscht“, urteilt EY-Partner Alexander Kron. „Digitalisierung, Energiewende, Verfall der Rohstoffpreise oder zunehmende Regulierung - immer häufiger sehen sich Unternehmen gezwungen, über eine grundsätzliche Neuausrichtung ihres Geschäfts und radikale Abspaltung ganzer Bereiche nachzudenken.“ Das kommt dann den kaufwilligen Finanzinvestoren zugute.

Beteiligungsgesellschaften seien gezwungen, ihre Mittel unterzubringen

„Hohe Bewertung des Aktienmarkts, hoher Anlagedruck, günstige Finanzierung - aufgrund dieser Bedingungen wäre es überraschend, wenn es 2016 nicht zu mehr Transaktionen kommt“, sagt Rainer Langel, Deutschland-Chef der australischen Investmentbank Macquarie. Er bezieht das auf den Fusionsmarkt insgesamt wie auf Beteiligungsgesellschaften im Speziellen, erwartet für das kommende Jahr „ein höheres M&A-Volumen für Private Equity, aber auch für Strategen“.

Beteiligungsgesellschaften seien gezwungen, ihre Mittel unterzubringen. „Der Druck steigt, Liquidität anzulegen.“ Zudem sieht Langel „einen Trend zu größeren Transaktionen auch in Deutschland.“ Das war schon im ablaufenden Jahr erkennbar: Denn die Zahl der Transaktionen blieb trotz des viel höheren Investitionsvolumens mit 135 beinahe konstant.

Der größte Eignerwechsel drehte sich 2015 um Tank & Rast: Ein Konsortium um Allianz Capital Partners (ACP) erwarb den Autobahnraststättenbetreiber für etwa 3,5 Milliarden Euro vom bisherigen Eigentümer Terra. CVC zahlte 2,8 Milliarden Euro an Advent für die Mehrheit an der Parfümeriekette Douglas, Cinven 1,7 Milliarden Euro an BC Partners für den Laborbetreiber Synlab - auffällig, dass alle drei Unternehmen innerhalb der Private-Equity-Szene weitergereicht wurden. Insgesamt sind Investoren 2015 aus Beteiligungen im Wert von 17 Milliarden Euro ausgestiegen, das entspricht etwa dem Vorjahresniveau.

Weil auch die Unternehmen der Industrie tendenziell über hohe Liquidität verfügen, müssen sich die Beteiligungsgesellschaften - im Jargon auch „Sponsoren“ genannt - gegen harte Konkurrenz durchsetzen. „Es gibt mehr Wettbewerb zwischen Sponsoren und Strategen“, sagt Hans-Jörg Ziegenhain, Partner bei der Anwaltskanzlei Hengeler Mueller. Und: Übernahmeverhandlungen zögen sich häufig ein Jahr oder auch mal 18 Monate hin - vor allem für Finanzinvestoren sei das ein zu langer Zeitraum, „da hat sich die Welt dreimal gedreht“.

Qualitativ hochwertige Geschäfte „werden noch härter in Auktionen umkämpft sein“, prognostiziert Anwalt Schmidt von Willkie Farr & Gallagher. Die Unternehmen aus der Industrie haben den Vorteil, dass sie Überlappungen zwischen dem eigenen und dem zugekauften Geschäft beseitigen und deshalb „Synergien“ heben können. So sind sie tendenziell bereit, höhere Preise zu zahlen. „Finanzinvestoren tun sich schwer, mit den Strategen mitzuhalten, weil sie die Synergien nicht bieten können“, sagt Christian Kames, der das Investmentbanking des amerikanischen Instituts Citi im deutschsprachigen Raum leitet.

Das hat schon die Preise getrieben, die üblicherweise als Vielfaches des jährlichen Vorsteuergewinns berechnet werden. Der Finanzinvestor Equistone (früher Barclays Private Equity) ist nach eigenem Bekunden in der Vergangenheit schon aus Auktionen ausgestiegen. Die Manager dort befürchten aber nach eigener Aussage keine weitergehende, überbordende Inflation: „Ich vermute, dass das Umfeld sich nicht wahnsinnig ändern wird“, sagt Equistone-Partner Peter Hammermann. „Ich glaube nicht, dass das durch die Decke gehen wird.“ So rechnet er zum einen mit weiteren Möglichkeiten, Unternehmensanteile zu erwerben: „Es wird attraktiv bleiben und weiterhin Gelegenheiten geben.“

Beteiligung mit Risikokapital findet noch nicht viel Beachtung in der Öffentlichkeit

Zum anderen plant er auch Exits. „Wenn wir alles verwirklichen können, wie wir es uns vorstellen, werden wir wahrscheinlich auch den einen oder anderen Unternehmensverkauf über die Ziellinie bringen können“, sagt Hammermann. Auch Berater Pfeiffer von Altium berichtet von verkaufsbereiten Private-Equity-Häusern: „Wir haben sehr viele Gespräche über Exits.“

Manche rechnen mit Impulsen aus einem Segment, das in der Öffentlichkeit im Allgemeinen noch nicht viel Beachtung findet: Beteiligungen mit Risikokapital. „Was einst als ,Party mutiger Kinder‘ startete, ist inzwischen ein sehr professioneller attraktiver Markt geworden“, sagt Willkie-Anwalt Schmidt. Ins selbe Horn bläst der Finanzinvestor General Atlantic, der unter anderem auf Beteiligungen dieser Art spezialisiert ist. „Ich sehe viele spannende und innovative Unternehmen, das wird von Jahr zu Jahr mehr“, urteilt Geschäftsführer und Deutschland-Chef Jörn Nikolay. „Gerade das Thema ,Jüngere Wachstumsunternehmen‘ ist eines, das sehr stark Fahrt aufnimmt.“ General Atlantic hat in diesem Jahr den Zusammenschluss der beiden jungen Fernbusbetreiber MeinFernbus und Flixbus mitbetrieben und stieg im Zuge der Transaktion mit einem Anteil ein.

Quelle: F.A.Z.
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