Scherbaums Börse

ProSiebenSat.1 – Ein Hingucker im Aktiendepot

Von Christoph Scherbaum
17.09.2021
, 12:06
Auch mit Maske ein Zuschauermagnet: Heidi Klum, Moderatorin der ProSieben-Show „Germany’s Next Top Model“
Unter dem Motto „We love to entertain you” wirbt der TV-Sender ProSieben für sich. Für die Aktionäre des Mutterkonzerns gilt dieser Satz ebenfalls – zumindest in der jüngsten Zeit. Die Zukunft kann sogar noch mehr Freude bringen.
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Gehören Sie auch noch zu der Generation, die als Kind den Wechsel vom Schwarz-Weiß-Fernseher zum Farbbild-Gerät mitgemacht hat, oder mit lediglich drei Programmen aufgewachsen ist und zum Sendeschluss die Nationalhymne gehört hat? Meine 13-jährige Tochter hat mich dazu jüngst erst einmal lachend angeschaut und gesagt: „Wie komisch war das denn damals.“

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Das ist für junge Menschen heute gar nicht mehr vorstellbar. Die Medienlandschaft des 21. Jahrhunderts hat weniger mit TV, dafür mehr mit Streaming zu tun. Vor allem jüngere Altersgruppen konsumieren mehr über Smartphones oder Tablet ihre Sendungen, sei es in Mediatheken, auf Youtube oder über Streamingdienste.

Ein Konzern, der in Deutschland neben den Öffentlichem Rundfunk groß geworden ist und seit langem erfolgreich arbeitet, ist ProSiebenSat.1. Mit 15 Free- und Pay-TV-Sendern erreicht der Konzern eigenen Angaben zufolge mehr als 45 Millionen TV-Haushalte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zusätzlich nutzen monatlich rund 33 Millionen Verbraucher die vermarkteten Online-Angebote.

Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. Bild: Christoph Scherbaum

Man mag vielleicht selbst die Formate des Konzerns nicht anschauen wollen (der gute alte „Tatort“ läuft schließlich „im Ersten“). Dennoch sind diverse Formate genau bei der wichtigen Zuschauer-Altersgruppe der 14 bis 29-jährigen beliebt, die dafür sorgen, dass zu bestimmten Zeiten die Werbeslots gut gefüllt sind und so Geld in die Kassen des Entertainment-Konzerns gespült wird. Ein Top-Format hierfür ist beispielsweise bei dem M-Dax-Konzern „Germany’s Next Topmodel", das mit guten Einschaltquoten die Vermarktung der Werbeblöcke – gerade im Corona-Jahr 2020 – maßgeblich zu füllen half.

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Analysten glauben (wieder) an den Konzern

Wer als Anleger an ProSiebenSat.1 denkt, wird sicherlich an eine erfolglose Aktie denken, die über Jahre (seit dem Rekordhoch 2015 bei 50,95 Euro) bis vergangenes Jahr einen massiven Kurssturz von fast 90 Prozent hinlegte. März 2020 zeigte die Kurstafel nur noch 5,70 Euro an, was den tiefsten Stand seit dem Finanzkrisenjahr 2009 bedeutete. Wer nach dem Corona-Crash an die Medien-Aktie glaubte, wurde belohnt – heute steht der Aktienkurs wieder bei fast 17 Euro.

Analysten sind nach wie vor positiv gestimmt, raten mehrheitlich zum Kauf und geben Kursziele im Schnitt von 22 Euro an. Das Werbegeschäft in den Kernmärkten des Medienkonzerns entwickle sich schwungvoll, urteilte jüngst Warburg Research und verwies auch auf künftige Kurstreiber und die Dividende. Letztere kann sich sehen lassen. Aktuell liegt die Ausschüttungsquote bei 4 Prozent, nächstes Jahr liegen die Schätzungen bei fast 4,5 Prozent. Die NordLB hat zuletzt die Einstufung für ProSiebenSat.1 nach den endgültigen Geschäftszahlen zum zweiten Quartal auf „Kaufen" mit einem Kursziel von 21 Euro belassen.

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Starke Erholung des Werbegeschäfts

Die Zahlen zum zweiten Quartal 2021 zeigten, dass ProSiebenSat.1 die Corona-Krise hinter sich lassen konnte. So kletterten die Erlöse im Vorjahresvergleich um 48 Prozent auf 1,05 Milliarden Euro. Ein Rekordwert für ein zweites Quartal. Hauptgrund für dieses starke Wachstum war eben die überraschend starke Erholung des Werbegeschäfts.

Auch deshalb wurde das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) auf Quartalssicht auf 166 Millionen Euro mehr als versiebenfacht. Für das Gesamtjahr 2021 geht das Management nun von einem Umsatzplus in Höhe von 9 bis 11 Prozent auf 4,4 bis 4,5 Milliarden Euro aus. Das bereinigte Konzern-EBITDA wird zwischen 800 und 840 Millionen Euro gesehen, was im Mittel einem Zuwachs im Vorjahresvergleich um 16 Prozent entsprechen würde.

Bei der NordLB wird in der jüngsten Analyse zudem als positiv gesehen, dass der Fernsehkonzern auch von einer positiven Entwicklung seiner Internetgeschäfte profitiert. Denn ProSiebenSat.1 befindet sich seit Jahren in einem Wandel. Der Medienkonzern muss sich darauf einstellen, dass das lineare Fernsehen immer mehr zu Gunsten von Streaming-Angeboten wie Netflix zurückgedrängt wird. Film- und Serienfans wollen ihre Lieblingsinhalte zu jeder Zeit und am besten ohne Werbeunterbrechung genießen. Darauf muss(te) sich insbesondere ein Unternehmen einstellen, das mit seinen Fernsehsendern viele Jahre darauf angewiesen war, werbefinanziertes lineares Fernsehen anzubieten – zumal die Werbewirtschaft immer mehr auch Social-Media-Angebote wie Facebook oder YouTube für sich entdeckt hatte.

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Mehr Internet, weniger Fernsehen

Doch der Konzern hat seine Hausaufgaben gemacht. ProSiebenSat.1 profitierte zuletzt nicht nur von einer Erholung der Werbeerlöse nach einer Corona-bedingten Delle. Vielmehr macht sich auch die Digitalisierungs- und Diversifizierungsstrategie des Konzerns positiv bemerkbar. Diese erhielt im Zuge der Corona-Krise einen zusätzlichen Schub, da die Menschen häufiger zu Hause bleiben mussten und sich verstärkt Angeboten im Internet zugewandt hatten.

Gut für ein Unternehmen, das zu einem Digitalkonzern werden möchte. Zu diesem Zweck wurden die Geschäfte in die drei Segmente Entertainment, Dating sowie Commerce & Ventures aufgeteilt. Zudem wird die hohe Reichweite der TV-Sender genutzt, um die digitalen Geschäftsfelder zu stärken, während die digitale Erweiterung der TV-Inhalte etwa über werbefinanzierte Video-on-Demand-Angebote vorangetrieben wird. Abseits von Media und dem Datinggeschäft hat der Konzern zudem in den vergangenen Jahren ein Beteiligungsportfolio aufgebaut. Unter anderem gehören dazu das Vergleichsportal Verivox und der Anbieter für Freizeit-Erlebnisgeschenke Jochen Schweizer.

Breites Konzern-Portfolio

Kurzfristig ergeben sich für ProSiebenSat.1 ebenfalls einige Potenziale. So soll der Konzernbereich ParshipMeet (unter anderem parship und ElitePartner) an die Börse gebracht werden. Laut Reuters wurden bereits Banken eingeladen. Es wird von möglichen Bewertungen von 3,5 bis sogar mehr als 4 Milliarden Euro berichtet. Derzeit hält ProSiebenSat.1 eine Beteiligung in Höhe von 53 Prozent an ParshipMeet. Bereits im November 2020 hatte Konzernchef Rainer Beaujean darauf hingewiesen, dass ein IPO des Datinggeschäfts für eine deutlich höhere Marktbewertung des restlichen Geschäfts sorgen würde. Aktuell kommt der Gesamtkonzern auf eine Marktkapitalisierung von etwa 3,8 Milliarden Euro.

Seitens der Charttechnik zeigt sich die Aktie in der jüngsten Zeit von ihrer besten Seite. Nach dem Corona-Crash startete die Aktie von unter 6 Euro eine volatile Aufhol-Rallye, die bis in die Region 19 Euro ging. Nach dem steilen Anstieg brach der Kurs bis Anfang August auf knapp unter 15 Euro ein, legte danach aber wieder zu. Setzt sich die jüngste Aufholbewegung fort, könnten alte 2018er-Kurse im Bereich von 30 Euro realistisch sein. Wer richtig träumen möchte, könnte sogar im Chartverlauf langfristig noch höhere Kurse sehen. Angesichts eines soliden 2022er-KGV von etwas mehr als 11 und einer attraktiven Dividende sollten aber fürs Erste die Kursziele der Analysten genügend Potential bieten – und das vor dem Hintergrund, dass erst diese Woche das Beratungsunternehmen PWC in seiner Studie „German Entertainment and Media Outlook“ der Branche ein jährliches solides Umsatzwachstum von 4,5 Prozent in den kommenden Jahren prognostizierte.

Quelle: FAZ.NET
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