Rohstoffe

Der steigende Ölpreis sorgt in hohem Maße für Verunsicherung

Von Folker Dries
11.10.2004
, 07:49
Ein Ende des Ölpreisanstiegs ist nicht absehbar
In nur zwölf Monaten ist Rohöl im Terminhandel um knapp 80 Prozent teurer geworden, und ein Ende des Preisanstiegs ist noch nicht abzusehen. Denn die Weltwirtschaft boomt.
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Ein Ende des Ölpreisanstiegs ist nicht absehbar. Am vergangenen Freitag ist in New York Rohöl der Sorte West Texas Intermediate zur Lieferung im November auf ein neues Hoch von 53,40 Dollar je Barrel (159 Liter) geklettert, ein Zuwachs von mehr als 6 Prozent in nur einer Woche. Und auch der Preis für die in London gehandelte Sorte Brent lag nur mehr knapp unter der 50-Dollar-Marke.

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Vordergründig erklärt sich das neue Hoch mit den fortgesetzten Lieferengpässen, die der Hurrikan Ivan am Golf von Mexiko verursacht hat. Experten schätzen, daß der Wirbelsturm bis Ende November einen Produktionsverlust von 35 bis 40 Millionen Barrel verursacht haben wird. Das entspräche der Menge Öl, die die Vereinigten Staaten in nur zwei Tagen verbrauchen.

Gestiegene Nachfrage

Der Engpaß wiegt freilich schwer, weil die kommerziellen Ölvorräte in Amerika so niedrig sind wie seit zehn Jahren nicht mehr und die Wintersaison vor der Tür steht. Es mehren sich deshalb die Stimmen, die auch die 50-Dollar-Marke nur als einen weiteren Wegstein dieser Ölpreisrally einstufen. Für die vergangenen zwölf Monate errechnet sich inzwischen ein Preisanstieg von knapp 80 Prozent. Ökonomen hüten sich gleichwohl noch davor, von einem Ölpreisschock zu reden, der der Weltwirtschaft eine Rezession bescheren könnte.

Denn solchen Schocks geht normalerweise eine künstliche Angebotsverknappung voraus, weshalb sie auch, wie der Name Schock schon suggeriert, sehr plötzlich eintreten. Diesmal jedoch sind die Produzenten nach Kräften bemüht, ihre Kapazitäten zu erhöhen. Das derzeitige Ölpreishoch ist in erster Linie von der Nachfrage getrieben. Vor allem wegen des gestiegenen Bedarfs der asiatischen Länder, insbesondere Chinas, steigt die Ölnachfrage in diesem Jahr nach Angaben der International Energy Agency (IEA) so stark wie seit 25 Jahren nicht mehr.

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Die Weltwirtschaft boomt

Die Ölpreishausse ist denn auch erst einmal eine Zeichen für eine prosperierende Weltwirtschaft. In dieses Bild paßt es, daß in der vergangenen Woche auch der CRB-Index für Rohstoffe, der aus den Terminpreisen von insgesamt 17 Rohstoffen berechnet wird, auf den höchsten Stand seit Mai 1981 kletterte. Die Preise für Metalle wie Kupfer, Aluminium, Blei oder Zink erreichten mehrjährige Höchststände. Bei diesen Metallen spielt freilich das spekulative Element noch eine viel stärkere Rolle als beim Öl. Bei Kupfer geht rund die Hälfte des gesamten Handels an der London Metal Exchange auf das Konto von Hedge Fonds, schätzt Barclays Capital. Die spekulativen Ölpositionen im Rohölhandel sind dagegen im Laufe dieses Jahres zurückgegangen, weshalb es eben zu kurz gegriffen wäre, die Ölhausse als spekulatives Phänomen abzutun.

Doch selbst wenn der hohe Ölpreis in erster Linie Ausfluß der guten wirtschaftlichen Entwicklung ist, stellt sich die Frage, wann seine Verteuerung selbst zu einem Konjunkturrisiko wird. Hier spielt die Nachhaltigkeit der Verteuerung eine zentrale Rolle. Diese Nachhaltigkeit war bis vor nicht allzu langer Zeit in Frage gestellt worden. Die Ökonomen der großen Banken hatten für das Jahr 2005 wieder einen kräftigen Preisverfall in Aussicht gestellt. Inzwischen scheint sich hier aber ein deutlicher Meinungswandel einzustellen. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine namhafte Bank ihre Ölpreisprognose nach oben revidiert. Allerdings tut sich die Zunft extrem schwer damit, den wachstumsdämpfenden Effekt des steigenden Ölpreises zu quantifizieren.

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Optimisten contra Pessimisten

Noch im zweiten Quartal lag gerade in den Vereinigten Staaten ein direkter Zusammenhang zwischen dem hohen Ölpreis und der Konsumzurückhaltung der Amerikaner nahe. Das Wirtschaftswachstum fiel auf eine Jahresrate von 3,3 Prozent zurück. Das dritte Quartal jedoch dürfte wieder ein Wachstum von mehr als 4 Prozent beschert haben, obwohl der durchschnittliche Ölpreis weiter gestiegen ist. Der Ölpreis hat denn auch für einen hohen Grad an Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung gesorgt, wie auch Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), am vergangenen Donnerstag einräumte.

Wer sich von den amerikanischen Arbeitsmarktzahlen für September mehr Klarheit für dieses Konjunkturpuzzle erhofft hatte, wurde enttäuscht. Die Zahl der zusätzlich geschaffenen Stellen lag etwas unter den Erwartungen. Für das dritte Quartal errechnet sich in der Privatwirtschaft nur mehr ein monatsdurchschnittlicher Stellenzuwachs von 65.000, was sich mit einem Durchschnitt von 218.000 im zweiten Quartal vergleicht. Eine Abschwächung am Arbeitsmarkt ist erkennbar, von einem Trend zu reden wäre aber zu früh.

Die Konjunkturszenarien der Optimisten, zu denen die amerikanische Federal Reserve, die EZB, die OECD und der Internationale Währungsfonds gehören, sind deshalb weiterhin intakt. An den Kapitalmärkten halten sich freilich Optimisten und Pessimisten gegenseitig in Schach. Aktien, Anleihen und auch die großen Währungen werden seit Monaten in einer ungewöhnlich engen Bandbreite gehandelt. Und daran, so heißt es in den Handelsabteilungen vieler Banken, dürfte sich zumindest bis zur amerikanischen Präsidentenwahl am 2. November auch nichts mehr ändern.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2004, Nr. 237 / Seite 22
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