Neue Investitionsmethode

Die SPACs holen sich den Speck

Von Klaus Max Smolka
20.06.2021
, 11:48
Immer zuversichtlich sein: Der Bulle als Symbol für Börsenoptimismus lockt Unternehmen an.
Zwei der drei neuen Börsenmäntel in Frankfurt haben ein Übernahmeziel gefunden. Die Hüllen füllen sich jetzt also.
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Nach der Hülle kommt jetzt die Fülle: Zwei der drei in Frankfurt notierten neuen Börsenmäntel haben Übernahmekandidaten gefunden, die auf diesem Umweg auf dem Kurszettel landen sollen. Die Gesellschaft 468 Capital verhandelt über ihren SPAC mit dem Jungunternehmen Boxine über eine Übernahme, wie beide Seiten mitteilen. Für den Anbieter digitalen Kinderspielzeugs wird nach Darstellung der SPAC-Gesellschaft eine Marktkapitalisierung von rund einer Milliarde Euro angenommen.

Damit kommt der SPAC-Platz Frankfurt jetzt richtig in Schwung: Seit Jahresbeginn sind drei SPACs (Special Purpose Acquisition Companies) an die hiesige Börse gekommen – und zwei von ihnen beginnen schon ihre Existenzberechtigung nachzuweisen. Anfang des Monats nämlich hatte der SPAC Lakestar des Investors Klaus Hommels eine Absichtserklärung zur Übernahme des deutschen Ferienhausvermittlers und Airbnb-Konkurrenten HomeToGo bekanntgegeben. Lakestar war im Zuge der SPAC-Renaissance im Februar als erste leere Unternehmenshülle in Frankfurt aufs Parkett gegangen und hatte dabei 275 Millionen Euro eingesammelt.

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Drei Spacs: Das ist erst der Anfang

Hinter 468 Capital steht unter anderem der frühere Rocket-Internet-Vorstand Alexander Kudlich. Als dritter SPAC ist in Frankfurt das Vehikel OboTech des Immobilienunternehmers Rolf Elgeti notiert. Investmentbanker prognostizieren für den Rest des Jahres noch mehr Neulinge. Sven Baumann, Leiter des deutschen Investmentbankings in der amerikanischen Bank Citi, sprach im April von bis zu zehn SPACs. Armin Heuberger, der für die schweizerische UBS das Kapitalmarktgeschäft in Deutschland und Österreich führt, sah für die Zahl in Europa in diesem Jahr einen „Korridor von dreißig bis sechzig“ und in Frankfurt „zehn bis zwanzig“.

Die leeren Hüllen sammeln an der Börse zunächst Kapital ein, um anschließend auf die Suche nach einer Unternehmensakquisition zu gehen. Das Zielunternehmen wird im Anschluss mit der Hülle verschmolzen und über den SPAC an die Börse gebracht.

International sind nach Kalkulation der Investmentbank Goldman Sachs momentan 421 SPACs global mit einem Kapital von 130 Milliarden Dollar auf Übernahmejagd. Die wiederbelebte Mode ist aus den Vereinigten Staaten hierhergeschwappt, und Amerika dominiert weiter das Geschehen – auch wenn das Geschäft dort gerade abebbt, nachdem sich die Aufsichtsbehörde SEC anschickt, die Konstrukte strenger zu überwachen. Nach Daten der amerikanischen Investmentbank JP Morgan stieg die Zahl der neugelisteten US-SPACs 2020 gegenüber Vorjahr auf 231 und damit mehr als das Vierfache. Das erste Quartal dieses Jahres allein übertraf das schon, mit 291, aber der April und Mai brachten zusammengenommen nur noch 28. „SPACs – riesige Summen Kapital, aber in letzter Zeit eine Normalisierung der Lage“, resümierten in einer Präsentation diese Woche Tibor Kossa und Christopher Droege, Ko-Leiter für das Fusions- und Übernahmegeschäft von Goldman Sachs in Deutschland und Österreich

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IT-Unternehmen sind die Lieblinge

IT-Unternehmen stehen als Übernahmekandidaten weit oben auf der Wunschliste der Börsenmäntel. Mehr als 30 Prozent der SPACs global durchforsteten momentan den Markt nach Unternehmen aus dem Technologie- und Telekomsektor, berichteten Banker von JP Morgan kürzlich. Dazu kämen jene allgemein ausgerichteten SPACs, deren Suche am Ende bei einem Technologieanbieter lande.

Das von 468 Capital ins Visier genommene Boxine ist das Unternehmen hinter Hörfiguren namens „Tonies“. Das System besteht aus einem Abspielgerät „Toniebox“ und den Hörfiguren, die, auf die Toniebox gestellt, Musik oder Hörspiele aktivieren. Das Unternehmen wurde 2013 gegründet. Die Verhandlungen mit 468 seien in einem frühen Stadium, teilte Boxine mit. Eine verbindliche Vereinbarung über den Unternehmenszusammenschluss werde „in den kommenden Wochen“ erwartet.

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„Durch einen solchen Zusammenschluss würde Boxine zukünftig an der Frankfurter Wertpapierbörse notieren“, teilte das Unternehmen mit. 468 Capital hatte bei seinem Börsengang 300 Millionen Euro eingesammelt, weitere 100 Millionen Euro dürften von Investoren anlässlich der anstehenden Übernahme hinzukommen. Die Differenz zur angegebenen Milliardenbewertung Boxines entsteht durch die Anteile der Alteigentümer.

SPACs sind in den vergangenen Monaten ein wichtiger Treiber sowohl für Börsengänge (Initial Public Offerings, IPOs) geworden als auch für das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions, M&A). Die Suche nach Übernahmezielen kann für einen SPAC langwierig sein. Wie viele Unternehmen auf den Radar kommen, offenbarte gerade der frühere Finanzvorstand von BMW und Deutscher Bank, Stefan Krause. Er sucht in Europa nach einem Unternehmen für den SPAC Levere, der auf Mobilität spezialisiert ist. „Ursprünglich haben wir rund 400 Unternehmen identifiziert, die im Bereich der Mobilität in Frage gekommen wären“, sagte Krause im Gespräch mit der F.A.Z. „Dabei sind dann rund 40 in die nähere Auswahl gekommen, mit circa 30 haben wir bisher gesprochen. Am Ende sollen es dann fünf oder sechs sein, mit denen man richtig tief eintaucht.“

Renaissance der Börsenhüllen

Normalerweise stehen „Sponsoren“ hinter einem SPAC, womit nicht wie sonst im Kapitalmarktjargon Finanzinvestoren gemeint sind, sondern Personen mit Kapitalmarkterfahrung: Investmentbanker etwa, Industriemanager oder auch frühere Private-Equity-Spezialisten. Sie investieren selbst, und sollen ihr Kontaktnetz nutzen, um auf der Suche nach einem Übernahmeobjekt zu helfen. Das soll Anlegern Vertrauen geben, dass der SPAC seinen Zweck – die Übernahme – auch wirklich erfüllt. Typischerweise bleiben dafür zwei Jahre Zeit.

In Deutschland hatte es im Jahr 2008 ein erstes SPAC namens Germany1 gegeben, zum Erwerb von Unternehmen aus dem heimischen Mittelstand – notiert allerdings an der Börse Amsterdam. Als Fachleute-Trio standen der Strategieberater Roland Berger, der einstige Arcandor-Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff und der Investmentbanker Florian Lahnstein dahinter. Amsterdam ist auch heute wieder ein beliebter Börsenplatz für SPACs.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Smolka, Klaus Max
Klaus Max Smolka
Redakteur in der Wirtschaft.
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